CSU-Chef Horst Seehofer : Von einem, der sich falsch verstanden fühlt

Horst Seehofer ist der Alte geblieben. Aber die Zeiten haben sich geändert. Beides passt nicht gut zusammen. Bis in die CSU-Spitze gibt es Widerspruch.

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung - bei Horst Seehofer klafft dazwischen eine Lücke.
Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung - bei Horst Seehofer klafft dazwischen eine Lücke.Foto: Peter Kneffel/dpa

Zu den wiederkehrenden Konstanten im Leben mit Horst Seehofer gehört die Nach-Erzählung. Die funktioniert so: Der Parteitag ist vorbei, die Hymnen gesungen, die bayerische wie immer zuerst –, da schlendert der Parteivorsitzende hinten in die Ecke zu den Presseplätzen. Schnell bildet sich eine Traube. Und dann erklärt Seehofer nach Art des gütig-verschmitzten Patriarchen den Journalisten, was sie gesehen haben – sollen.

Wenn er vorher Bockmist gebaut hat, wird der Blick besonders vertrauensheischend. Wenn gerade kein Parteitag zur Hand ist, muss eben ein Interview her. Und so schauen die Leser der „Augsburger Allgemeinen“ am Donnerstag auf der Homepage in diese treuen Dackelaugen und lesen in der Überschrift: „Jeder, der es sehen will, sieht, dass eine Kampagne gefahren wird.“

So soll man das also sehen. Der Widerspruch bis hinauf in die Parteispitze, das Kopfschütteln im ganzen Land – selbst ein grundloyaler Mensch wie der Landesinnenminister Joachim Herrmann räumt ein: „Da ist manches sicherlich auch in den letzten Wochen zweifellos nicht gut gelaufen“ – dazu Parteiaustritte: Alles Kampagne. Gegen ihn. Gegen die CSU. Wofür sich „leider“ auch in der CSU Einzelne hätten vereinnahmen lassen. Eine schäbige Kampagne obendrein: „Viele der Kritiker lassen genau das vermissen, was sie mir vorwerfen: Anstand und Stil.“

Eigentlich wäre jetzt der Moment für die Nachfrage gekommen, ob er das echt so gedruckt sehen will. Aber Journalisten sind höfliche Menschen und außerdem daran gewöhnt, von ihm zu Deppen erklärt zu werden. Wie war das mit dem Rücktritt und dem Rücktritt vom Rücktritt? „Was in den Medien so alles behauptet wird!“ Bruch der Fraktionsgemeinschaft? „Für mich nie eine Option.“ Wer hat gewonnen, er oder Angela Merkel? „Auch wenn Sie es mir nicht glauben: In solchen Kategorien denke ich nicht. Mir ist es wichtig, dass wir vernünftige Lösungen finden.“

Auch analog kann man in einer Blase leben

Weshalb hat er der Frau auf dem Höhepunkt des Streits dann noch zuletzt hingerotzt, dass sie „nur wegen mir Kanzlerin ist“? Wieder haben alle es falsch verstanden: „Der Parteivorsitzende der CSU hat alles getan, damit es überhaupt zu dieser Koalition kommt.“

Neuerdings ist ja viel von Filterblasen die Rede, in denen die Internet-Generation sich gegen unbequeme Teile der Realität abschottet. Man sieht, es geht auch analog. Rückblickend lässt sich sogar die ganze Krise zwischen Seehofer und Merkel, CSU und CDU als Produkt einer solchen Blase verstehen. Draußen in der wirklichen Welt gehen die Flüchtlingszahlen zurück und die Babyboomer-Generation denkt an die Rente. Drinnen in der CSU-Blase herrscht wieder Herbst 2015.

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Diesmal fühlten sich die Protagonisten stark genug, „Mutti“ auf die Knie zu zwingen. Sie machten dann aber exakt den gleichen Fehler wie vor drei Jahren. Damals brach Seehofers Angriff die Spitze, als er Merkel auf der Parteitagsbühne vorführte. Diesmal brach ihm die Gefolgschaft weg, als er Merkel erst in einen europäischen Sprint jagte und, als sie wider Erwarten Ergebnisse mitbrachte, diese für null und nichtig erklärte.

Söder zum Umfrageabsturz: "Berliner Werte"

Seither hört man in der CSU vom einfachen Abgeordneten bis zum Vorstandsmitglied, in der Sache habe der Horst ja durchaus recht, „aber Auftreten und Tonfall gingen zu weit“. Wobei man korrekterweise anmerken muss, dass er selbst nie von „Asyltourismus“ und „Anti-Abschiebe-Industrie“ gesprochen hat. Aber ein Parteivorsitzender, der solchen Tönen in den obersten Reihen nicht Einhalt gebietet, trägt am Ende die Verantwortung mit. Wenn er’s nicht freiwillig tut, wird sie ihm eh hingeschoben. „Berliner Werte“ hat Markus Söder arglistig den Umfrageabsturz genannt, den die vier Krawallwochen der CSU drei Monate vor der Landtagswahl beschert hat.

Seehofer will nicht den Sündenbock abgeben. Ministerpräsident Söder könne mit der absoluten Mehrheit, „die wir 2013 unter meiner Führung geholt haben“, CSU pur umsetzen. „Er hat alle Chancen.“ Der Satz ist allerdings wahrer, als es ihm lieb sein kann. Söder ist mit 51Jahren im besten Mannesalter. So einen schickt die CSU nicht leicht in die Wüste, nicht einmal nach einer 38-Prozent-Katastrophe, wie sie die jüngste Bayern-Umfrage aktuell für möglich erklärt.

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Und schon gar nicht, bloß damit der Alte seine Rache kriegt an dem Jungen, der ihn rüde aus München verjagt hat. Zu viele schütteln den Kopf. Seehofer war nie populär, dafür ist er zu eigen. Das Festzelt-Gemütliche geht ihm völlig ab, sein „Bündnis mit dem Bürger“ war ein machtkaltes Projekt. Aber bei allen Drehungen und Wendungen konnten sich viele auf das bayerisch-anarchische Lob einigen, „a Hund“ sei er schon, ein gerissener.

Nur hat er’s jetzt überrissen.

Der alte Horst trifft auf die neue Welt

Manche sagen, seit der Horst in Berlin ist, habe er sich verändert. In Wahrheit ist es anders herum: Er ist der Alte geblieben. Die Zeiten sind andere. Die Bundeshauptstadt 2018 hat mit der, die ihm vertraut war, nur noch wenig zu tun.

Der verrutschte Scherz über 69 abgeschobene Afghanen an seinem 69. Geburtstag ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn der alte Horst auf die neue Welt trifft. Als der Halbsatz raus war – „das war von mir nicht so bestellt“ – hat er sich schmunzelnd umgeschaut, ob auch alle die Ironie bewundern. Doch keiner kicherte wie einst in Bonn. Es war mehr wie beim Familienfest, wenn der Großonkel seinen Herrenwitz erzählt und die Neffen und Nichten im Smartphone versinken, um der peinlichen Situation zu entgehen.

Einordnen, unterordnen - das ist schwierig

Dass ihm Zynismus vorgeworfen wird, kränkt ihn. Hat er nicht gerade erst mit der Kanzlerin entschieden, dass Deutschland 50 aus Seenot gerettete Flüchtlinge aufnimmt, die Italien nicht wollte? Gut, nur: Ist es Kampagne, wenn man es unangemessen findet, dass ein Bundesinnenminister über die Abschiebung von Menschen witzelt? „Aus dem Zusammenhang gerissen“, behauptet er. Nein: Im Zusammenhang gerissen, der Witz.

Das Amt macht ihm ohnehin zu schaffen. Seehofer war zehn Jahre lang Ministerpräsident in Bayern, Herrscher über die „Vorstufe zum Paradies“ und also knapp unterhalb des lieben Gottes. Sein Wunsch war Befehl, Unterlinge wurden nach Belieben gerüffelt. Kann sich einer noch einordnen, der so lange absolute Macht ausübte? Merkel musste ihm mit ihren Richtlinien Grenzen ziehen.

Zur Zeit ist seine Kampfkraft erschöpft

Und es ist rücksichtslos, das Amt. In Bayern konnte er Juristenkram an den Herrmann delegieren oder einen der Vorzeigejuristen in der Staatskanzlei. Jetzt ist er selbst Verfassungsminister, Polizeiminister, Krisenminister. Ein Skandal um das Flüchtlingsamt Bamf noch nicht ausgestanden, zwei grobe Abschiebe-Fehler, einer obendrein beim mutmaßlichen Bin- Laden-Leibwächter, den er sich als Musterfall herausgepickt hatte: Jeden Morgen lasse er sich berichten, ob der Mann endlich weg sei, hat er vor Wochen verkündet. Neuerdings ist Sami A. nur noch einer von vielen „Einzelfällen“.

Ob er sich von dem Streit noch einmal erholen kann, den er selbst mit angezettelt hat? Bis auf Weiteres hat er seine Kampfkraft erschöpft. Kein Wort mehr davon, ohne Verträge mit anderen Staaten über die Rücknahme von Asylbewerbern werde alles von vorne losgehen. „Wenn es keine Verträge gibt, gibt es zunächst auch keine Lösung.“ Tja. Wer sollte ihm auch in neue Kriege folgen? Schon als sein Rücktritt zwei Tage in der Luft hing, ist nichts von Bittprozessionen zum heiligen Laurentius bekannt geworden, dass der weiß-blaue Himmel doch diesen Vorsitzenden erhalten möge.

Er eignet sich als Sündenbock

Nur der Landesgruppenchef Alexander Dobrindt trat dem vorzeitigen Ende energisch entgegen. Er braucht den Alten noch. Der Mann, der die Theorie von der Vernichtung der AfD durch Annäherung erfunden hat, kann noch nicht Kalif anstelle des Kalifen werden. Die AfD-Anhänger folgen der Theorie nicht. Und so kurz vor der Wahl hielte ohnehin der Spitzenkandidat Söder das Heft des Handelns in Händen. Er will den Parteijob gar nicht dringend. Doch er könnte sich jemanden aussuchen.

Söder ist es aber auch recht, wenn der Alte bleibt, wegen der Eignung zum Sündenbock. Vielleicht erweist sich das Singspiel doch als prophetisch, das jedes Jahr zum Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg aufgeführt wird. Oben auf der Bühne verulken Schauspieler die Spitzen der Politik, unten im Publikum sitzen die Originale und müssen vor den Live- Kameras des Bayerischen Rundfunks gute Miene machen.

Diesmal wurde ein Western gegeben. Das Söder-Double stolzierte als Maul- und Revolverheld „El Marco“ über die Bühne, die Bühnen-Merkel gab die Puffmutter, und mittendrin der alte Horst. Dem brachte „El Marco“ ein Ständchen mit einem derart schmissigen Refrain, dass bei der fünften Wiederholung um ein Haar der ganze Saal mit eingestimmt hätte. Genau in dem Moment zeigte die Kamera, wie beim echten Seehofer das Lächeln gefror. Denn der Refrain, der lautete: „Sieh’ es ein, alter Horst, du musst jetzt geh’n!“

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