"Seehofer direkt" heißt die Reihe. Perfekt für den Egotrip

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CSU-Wahlkampf in Bayern : Horst Seehofer auf dem Egotrip

Seehofer will mit der Schwärmerei gar nicht mehr aufhören. In seinem ganzen Leben, sagt er, werde es ihm „nicht vergönnt sein, auf vergleichbare Beliebtheitswerte zu kommen“. Schon klar. Die CSU möchte auch vom Merkel-Bonus profitieren. Wo die Wahlen diesmal so eng zusammenliegen. Doch muss es gleich Liebedienerei sein? „Die Kanzlerin“, lautet unbeirrt Seehofers Ansage, „ist existenziell für unseren Erfolg.“

Diese Einschätzung ist bemerkenswert für eine Partei, die ihre Daseinsberechtigung seit jeher aus ihrer Eigenständigkeit und Renitenz bezieht – und sich nichts Schlimmeres vorzustellen vermag, als zum Landesverband der CDU mit anderem Namen herabzusinken. Außer der Adenauer- und der Wiedervereinigungszeit habe er keinen Wahlkampf in Erinnerung, sagt der Politologe Heinrich Oberreuter, in der die CSU so auf Rückenwind aus dem Kanzleramt gesetzt habe.

Womöglich ist es mit der zur Schau getragenen Selbstgewissheit ja doch nicht so weit her. Tatsächlich war die Partei bis vor kurzem schwer verunsichert. Von ihrem 2008er-Wahlergebnis immer noch, dem schlechtesten seit einem halben Jahrhundert. Von der ungewohnten Popularität des bayerischen SPD-Kandidaten. Der Unberechenbarkeit ihres neuen Vorsitzenden. Dem Bekanntwerden immer neuer Spezlwirtschaften. Und der Ahnung, dass ihr diesmal womöglich auch keine FDP mehr helfen kann.

Ruhe ist für die Christsozialen erst eingekehrt, als ihnen eine Umfrage im Juli wieder Chancen auf die absolute Mehrheit bescheinigte. 47 Prozent – trotz einer Verwandtenaffäre, in die fast zwei Drittel aller CSU-Abgeordneten und sechs von Seehofers Kabinettsmitgliedern verwickelt waren! Das hat denn doch manchen überrascht, vor allem in der CSU selbst.

Dass sich Seehofer von der jahrzehntelangen Patronage zu distanzieren vermochte, dass er durchgegriffen, auf Rückzahlungen gepocht, seinen Fraktionschef in die Wüste geschickt hat – das alles dürfte größeren Schaden beim Wähler vermieden haben. Gleichzeitig aber hat es etwas vertieft, das das Geschäft für ihn nicht leichter macht: den Graben zwischen dem aus Berlin zugereisten Parteichef und den örtlichen Funktionären.

Mit den Liberalen hat die CSU in Bayern zu leben gelernt. Sie würde sich, wenn es ganz dumm läuft, auch mit den Freien Wählern arrangieren. Doch für Seehofer geht es um mehr. Als Günther Beckstein und Erwin Huber die Wahl vor fünf Jahren vergeigt und die absolute Mehrheit verloren hatten, kam er als Nothelfer. Sie hatten ja nur noch diesen Seehofer mit seinem Querulanten-Image.

Manchmal bricht die Nervosität durch

Das Befürchtete trat ein. Der Neue verpasste seiner Partei nicht nur jede Menge inhaltlicher Zumutungen: Abschied vom Atomkurs, dem geplanten Donauausbau, den Studiengebühren. Er schien es auch zu genießen, mit dem Parteipersonal zu spielen. Ließ den einen gegen die Wand laufen, desavouierte den andern in aller Öffentlichkeit. Als „Elder Statesman“ Edmund Stoiber dieser Tage kundtat, Seehofer sei „als Ministerpräsident angekommen“, hörten alle den Unterton heraus. Eine Landtagswahl hat der Ingolstädter noch nicht bestanden. Wenn’s klappt, ist alles gut. Wenn nicht, gibt es Rechnungen zu begleichen.

Kein Wunder, dass da manchmal noch alte Nervosität durchbricht. Als WDR-Journalisten die Landtagspräsidentin jüngst erneut mit Fragen nach raffgierigen CSU-Politikern bedrängten, konnte Seehofer nicht an sich halten. „Die müssen raus aus Bayern“, bellte er zornig. Es sei ihm um die Einhaltung von Anstandsregeln gegangen, beeilte sich ein Sprecher hinterher zu versichern. WDR und Journalistenverband dagegen sahen die Pressefreiheit missachtet. Und selbst der Koalitionspartner FDP fand das nicht komisch. Da war sie wieder, die alte selbstherrliche CSU. Und die Erinnerung, dass sie vor gut einem halben Jahr ja auch versucht hatte, Einfluss aufs ZDF zu nehmen – woraufhin Seehofers damaliger Intimus Hans-Michael Strepp den Hut nehmen musste.

Doch Seehofer wäre nicht Seehofer, wenn er seine Solistenrolle nicht zu nutzen verstünde. Er ist sie ja gewohnt. Zweieinhalb Stunden nachdem die CSU ihre Merkel-Show in Erlangen staatstragend mit dem Absingen von Bayern- und Deutschlandhymne zu Ende gebracht hat: Die Kanzlerin ist nach Dachau geflogen. Ihr Bewunderer hat sich nach Nordbayern aufgemacht. Grenzland, das auch die Wiedervereinigung nicht nach vorne gebracht hat. Weder von der Sonne noch der CSU verwöhnt. Die Menschen ziehen fort von hier, weil ihre Arbeitsplätze fortgezogen sind. Schulen müssen schließen, es fehlt an Ärzten, die Immobilienpreise sind im Keller. Mit „gelobtem Land“ braucht den Leuten hier keiner zu kommen.

Seehofers Ziel ist die Hofer Freiheitshalle. Wie ein Versprechen steht das futuristische Gebäude in der Stadt, frisch saniert, ein Millionenprojekt. Im überfüllten Festsaal heißt Hans-Peter Friedrich den Chef mit feuriger Rede willkommen. Der Bundesinnenminister ist Bezirksvorsitzender von Oberfranken. CSU-Politiker wie er haben die einstmals rote Hochburg geschleift. Seehofer, das Mikro in der Hand, marschiert nun geradewegs auf Friedrich zu, um ihm vor aufmerksamem Publikum sein Problem zu erklären. „Du hast’s gut, Hans-Peter“, sagt er. „Du hast in Berlin nur die Kanzlerin als Gegenüber. Ich hab’ in München die CSU-Fraktion.“ Der Parteichef macht eine Kunstpause. „Außerdem mag sie dich.“

Ein Regierender, der es schwer hat mit seiner Truppe, ihr aber trotzdem auf die Finger klopft, wenn den Herrschaften im Münchner Maximilianeum das Gemeinwohl aus dem Blick gerät – das gefällt den Leuten. Das Veranstaltungsformat ist eigens geschaffen für den Egotrip des Spitzenkandidaten. „Seehofer direkt“ heißt die Reihe, mit der er durch die Regierungsbezirke tingelt. Auf Tuchfühlung zum Volk, das Publikum darf Fragen stellen, persönlich und per Internet. Das Spektakel ist auch per Live-Stream zu verfolgen. König Ludwig? Aber hallo.

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