Seehofer hat das Sowohl-als-auch richtig raus

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CSU-Wahlkampf in Bayern : Horst Seehofer auf dem Egotrip

Klar, sagt einer, der die Sache miterfunden hat, Bierzeltreden und Aschermittwochsgepolter müssten auch sein, das gehöre in Bayern schließlich dazu. „Aber das hier, das ist spritzig, nah dran, modern.“ Nicht die hausbackene CSU von gestern. Weil das Ganze nach Unterhaltung riecht, kommen nicht nur Parteimitglieder. Und Seehofer nimmt sie alle mit, auf dieser Bühne mit dem blauen Teppich. Zwei Stunden lang, mit Witz, Charme und Anekdötchen. Dem zum Beispiel, wie es ihm gelinge, bayerische Anliegen in Berlin durchzubringen. „Wenn nichts mehr hilft, setze ich auf das Mittel der Erschöpfung“, erzählt der CSU-Chef. „Irgendwann sind sie im Kanzleramt dann nur noch froh, wenn ich gehe.“

Kümmerer im Freistaat, Macher in Berlin. „Schaun S’ ...“, sagt Seehofer immer wieder, bevor er geduldig zum Erklären anhebt. In Hof geht es um fehlende Arbeitsplätze, die Probleme der strukturschwachen Region. Außerdem gibt es Protest gegen den Bau von immer mehr Windrädern. Nicht alles läuft rund in Bayern und für die Partei, die ganz Bayern sein will.

Aber im Zweifelsfall hilft das Sowohl- als-auch, das die CSU unter Seehofer perfektioniert hat. Ja zur Energiewende – doch es gebe „keinen Grund, ganz Bayern zu verspargeln“. Ja zu Europa – aber bloß keine Kompetenzverluste und Schuldenfässer ohne Boden. Jetzt, wo Merkel nicht dabei ist, kann Seehofer auch noch mal mit der Pkw-Maut für Ausländer anfangen. Beifall garantiert. Und als roter Faden das Versprechen, „gleichwertige Entwicklungschancen“ zu schaffen, für alle im Land und künftig sogar per Verfassung garantiert. Da ist nur erstaunlich, dass keiner fragt, wie es unter der dauerregierenden CSU überhaupt zu so ungleichen Entwicklungen kommen konnte.

Seehofer ist ein Verwandlungskünstler

Auch die Rezepte sind in ihrer Schlichtheit gut zu kommunizieren. Gegen das Schulsterben auf dem Land gibt die CSU die Garantie, gegen den Willen der Eltern künftig einfach keine Grundschule mehr zu schließen. Gegen die ausufernde Bürokratie verhängt Seehofer einen „Paragrafenstopp“, gültig für alle Ministerien und die nächsten fünf Jahre. Und für die strukturschwachen Regionen verspricht er ein „Heimatministerium“, das sich, konsequenterweise fern von München angesiedelt, nichts anderem zu widmen hat als dem ländlichen Raum. Wen Seehofer dafür als Minister im Auge hat? „Bewerbungen werden entgegengenommen.“

Bayern-Bonus, Merkel-Bonus, und dann noch der Populist Seehofer – aus Sicht der Parteistrategen kann da nicht mehr viel schief gehen. Der örtliche Abgeordnete jedenfalls kriegt sich kaum noch ein vor Begeisterung. Er habe schon viele Vorsitzende erlebt, die den Wählern die Welt erklärt hätten, versichert Alexander König. Aber eine derartige Zuwendung ...

Dank und nochmals Dank dem Herrn Ministerpräsidenten. Der Fraktionsvize ist etwas überdreht, denn gerade ist bekannt geworden, dass er sich auf Staatskosten fünf Digitalkameras gekauft hat, darunter eine für fast 7000 Euro. Der CSU-Chef wird ihn kurz vorm Wegfahren noch mal grimmig zur Brust nehmen. Das Publikum kriegt nichts davon mit. Es hat Seehofers monatelanges Sorgenthema, den CSU-Filz, mit keiner Frage erwähnt.

Von draußen sieht die erleuchtete Halle jetzt aus wie ein Raumschiff, Seehofers Publikum strebt nach Hause. „Er ist halt ein Verwandlungskünstler“, sagt einer mit Jeans und Schnauzbart, bevor er ins Auto steigt. „Aber interessant war’s scho.“ Er sieht keinen Grund, den Verwandlungskünstler nicht zu wählen.

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