• Das Bild vom Sunnyboy ist verblasst: Warum Trudeau bei Kanadas Parlamentswahl scheitern könnte

Das Bild vom Sunnyboy ist verblasst : Warum Trudeau bei Kanadas Parlamentswahl scheitern könnte

Als er vor vier Jahren gewählt wurde, schien Trudeau alles zu gelingen. Doch zuletzt hatte er ein miserables Jahr, am Montag droht eine Wahlniederlage.

Justin Trudeau in Wahlkampf
Justin Trudeau in WahlkampfFoto: Cole Burston/Getty Images/AFP

Mit Schwung und Optimismus hatte Kanadas Premierminister Justin Trudeau vor vier Jahren nach seinem fulminanten Wahlsieg sein Amt angetreten. Eine lange Regierungszeit war ihm prognostiziert worden. Jetzt aber ist keineswegs sicher, dass Trudeau bei der Wahl am Montag ein Mandat für eine weitere Amtszeit bekommt. Seine Liberalen liegen in Umfragen gleichauf mit den Konservativen von Andrew Scheer. Ein Ende der Ära Trudeau ist möglich.

Im Botanischen Garten in Montreal hat Justin Trudeau seine Wahlkreiskandidaten aus der Provinz Quebec, darunter etliche Minister, versammelt. Die Blätter der Bäume, vor denen sich die liberale Equipe aufstellt, leuchten in den für den „Indian Summer“ typischen Farben, rot, gelb, braun. Aber ein entspannter Herbstausflug ist dieser Besuch nicht. Trudeau kämpft um jeden einzelnen Parlamentssitz. Es wird knapp.

Dies will er deutlich machen, vor allem wankelmütigen Liberalen-Wählern, die sich enttäuscht abwenden, weil sie von den Liberalen mehr erwartet hatten, und Sozialdemokraten, Grüne oder Bloc Quebecois wählen könnten. Dies könnte Trudeau nicht nur die absolute Mehrheit der Sitze, sondern sogar das Amt kosten.

„Wir könnten am kommenden Dienstag mit einer neuen Regierung aufwachen, geführt von Andrew Scheer. Der einzige Weg, dies zu verhindern, ist die Liberale Partei zu wählen“, mahnt er. „Wir brauchen keine progressive Opposition, sondern eine progressive Regierung“ – und meint damit eine liberale Regierung. Auf seiner schwarzen Jacke prangt ein rotes „L“ mit rotem Ahornblatt.

Tolerant, offen, progressiv – dieses Bild vermittelte Trudeau im Herbst 2015 den Kanadiern, aber auch dem Ausland, das erstaunt und fasziniert auf Kanada blickte. Getragen vom Wunsch der Kanadier nach Änderung und mit unkonventionellen Politikideen hatte er die Wahl gewonnen.

Gestartet mit vielen Versprechen

Er versprach ein Ende der Austeritätspolitik seines konservativen Vorgängers Stephen Harper, die Legalisierung von Marihuana, eine paritätische Besetzung des Kabinetts mit Männern und Frauen und ein besseres Verhältnis zu den indigenen Völkern. Er propagierte die „sunny ways“, einen freundlicheren Politikstil. Er galt für viele Kanadier und das Ausland als der liberale Sunnyboy. Noch besser sah Kanada aus, als Anfang 2017 der krakelende Donald Trump ins Weiße Haus einzog.

Vier Jahre später ist dieses Bild verblasst. Für den 47-jährigen Trudeau ist der Wahlkampf unerwartet schwer. Überhaupt ist das Jahr 2019, in dem er zu einem überzeugenden Wahlsieg segeln wollte, ein „annus horribilis“, ein miserables Jahr. Im Frühjahr erschütterte die SNC Lavalin-Affäre seine Regierung.

Trudeaus Image als Feminist ist beschädigt

Dem Premier wird vorgeworfen versucht zu haben, auf ein Strafverfahren gegen den Bau- und Ingenieurkonzern SNC Lavalin Einfluss zu nehmen. Im Zuge der Krise traten mit Jody Wilson-Raybould und Jane Philpott zwei prominente Kabinettsmitglieder zurück. Ihr Rücktritt und späterer Rauswurf aus der Fraktion kratzen an Trudeaus Image als Feminist.

Kaum war die Erinnerung an die Affäre verblasst, da veröffentlichte der Ethikbeauftragte des Parlaments seinen SNC Lavalin-Bericht, in dem er Trudeau Verletzung von Ethikregeln vorwarf.

Und dann tauchte in der Startphase des Wahlkampfs vor vier Wochen ein Foto aus dem Jahr 2001 auf, das Trudeau mit dunkel gefärbtem Gesicht und Turban bei einem Schulfest zeigt. Das Foto fügte seinem Image als Repräsentant einer multikulturellen, Rassismus ablehnenden Gesellschaft Schaden zu. Trudeau musste sich für das von ihm nun selbst als rassistisch bezeichnete Verhalten vor fast 20 Jahren entschuldigen.

Einige Erfolge

Richtig in Schwung kam sein Wahlkampf daher nie. Dabei hat Trudeau einiges vorzuweisen. Die Wirtschaftsdaten müssten ihm seine Wiederwahl garantieren. Die Arbeitslosigkeit, bei seinem Amtsantritt bei sieben Prozent, ist jetzt auf 5,5 Prozent gesunken, es wurden knapp über eine Million Arbeitsplätze geschaffen.

Recht erfolgreich hat er die Beziehungen zu den USA und zum unberechenbaren Trump gemanagt, der mehrmals eher wie ein Feind denn als ein Freund Kanadas agierte. Dies absorbierte viel Kraft. Dennoch konnte Trudeau mit den USA eine Neuauflage des Freihandelsabkommens Nafta aushandeln und Trump bewegen, die Strafzölle auf kanadische Stahl- und Aluminiumprodukte aufzuheben.

Auch das Handelsabkommen CETA mit der EU ist vorläufig in Kraft. Trudeaus Regierung hat das Kindergeld angehoben, in einem breiten Segment der mittleren Einkommen den Steuersatz gesenkt. Sie hat aber dafür einige Möglichkeiten abgeschafft, Ausgaben von der Steuer abzusetzen. Das macht Trudeau anfällig für Vorwürfe, er habe Steuern erhöht. Er hat die Legalisierung von Marihuana durchgesetzt und die ärztliche Sterbehilfe gesetzlich geregelt.

Kritik von den Grünen

Das alles versucht Trudeau im Wahlkampf hervorzuheben. Stets präsentes Thema ist der Umwelt- und Klimaschutz. „Wir brauchen eine Regierung in Ottawa, die für Kanadier gegen Klimawandel kämpft“, sagt Trudeau. Pausenlos attackieren die Konservativen die zur Senkung der Treibhausgasemissionen eingeführte „Kohlenstoffabgabe“, die sie als „arbeitsplatzvernichtende C02-Steuer“ bezeichnen. Scheer verspricht ihre sofortige Abschaffung.

Attackiert wird Trudeau auch von den Grünen und der sozialdemokratischen NDP: Für sie hat Trudeau nicht genug im Klimaschutz gemacht und durch die Genehmigung des Baus einer Ölpipeline für Teersandöl Kredit verspielt.

Trudeau kontert: Kanada habe unter seiner Führung erstmals einen Plan zur Reduzierung klimaschädlicher Emissionen, und diesen wolle Scheer abschaffen. Er warnt, dass „grün“ geneigte Wähler mit ihren Stimmen für Grüne oder NDP am Ende den Konservativen helfen, die stärker auf Öl und Pipelines setzen.

Rassismus-Vorwürfe gegen Trudeau

Trudeau hat sich angreifbar gemacht. Er hat einige wichtige Wahlversprechen gebrochen. So hat er die versprochene Reform des Wahlrechts abgesagt. Das nehmen ihm viele Wähler übel. Vermutlich sind dies mehr als diejenigen, die sich daran stören, dass er sein Wahlversprechen brach, nach einem vorübergehenden Budgetdefit bis Ende 2019 den Haushalt wieder auszugleichen.

„Offenbar zehren die Probleme dieses Jahres und die Veröffentlichung des Fotos mit dem gefärbten Gesicht an ihm“, sagt eine Wählerin in Ottawa. Die Leichtigkeit des Wahlkampfs 2015, den er aus der bequemen Position des Angreifers führen konnte, ist verschwunden. Die Spontaneität, die ihn prägte, fehlt. Er scheint sich an entworfene Redemanuskripte und eingeübte Antworten auf Fragen zu halten.

Vielleicht erklärt dies seinen unerwartet zahmen Auftritt in der landesweit ausgestrahlten englischsprachigen Fernsehdebatte. Offenkundig war sein Bemühen, die Kanadier mit Sachlichkeit für sich zu gewinnen. Das kommt eigentlich bei Kanadiern gut an, aber viele hatten doch einen kämpferischen Regierungschef erwartet.

Keine Reaktion auf Attacken

Auf beleidigende Attacken seines 40-jährigen Herausforderers Scheer, Trudeau sei ein „Schwindler und Betrüger“, reagierte dieser zur Verwunderung vieler überhaupt nicht. Er präsentierte sich zurückhaltend „premierministeriell“, anstatt Scheers Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Wofür er einige Argumente gehabt hätte, denn Scheer hatte bis vor Kurzem nicht offenbart, dass er neben der kanadischen auch die US-Staatsbürgerschaft hat.

Weder Trudeau noch Scheer genießen bei den Kanadiern hohe Popularität. „Es ist ziemlich klar, dass keiner der beiden Parteivorsitzenden die Wähler begeistert“, sagt Nik Nanos, Chef des Meinungsforschungsinstitut Nanos Research. Er sieht Liberale und Konservative bei jeweils 32 Prozent. „Eng wie eine Messerstecherei in einer Telefonzelle“ sei es.

In Kanadas Wahlsystem ist der Stimmenanteil aber nicht ausschlaggebend. Es kommt darauf an, die meisten der 338 Wahlkreise zu gewinnen. Jeder Wähler hat nur eine Stimme für den Wahlkreiskandidaten. Wer die meisten Stimmen hat, gewinnt den Wahlkreis. 170 Sitze ist die magische Grenze zur Mehrheit im Parlament.

Koalitionen sind Kanada fremd

Lange sah es so aus, dass die Liberalen einen Vorteil bei der Sitzvergabe hätten. Nun signalisieren Umfragen, dass die sozialdemokratische NDP von Jagmeet Singh und die Grünen von Elizabeth May wichtige Prozente im linksliberalen Spektrum gewinnen könnte. In Quebec macht der wiedererstarkte separatistische Bloc Quebecois den Liberalen zu schaffen.

Lachender Dritter wäre Scheer, dem durch Stimmensplitting im Mitte-Links-Bereich Sitze zufallen könnten. Die stärkste Fraktion bildet traditionell die Regierung, selbst wenn keine eigene Mehrheit hat. Koalitionen sind Kanada fremd. Vielleicht wird sich dies bei einem knappen Wahlausgang ändern.

Ein Wahlkampfbus mit Trudeau und seinem Mitarbeiterstab fährt vor der Kürbisfarm von Susan und Ron Miller in Manotick, einem zur Hauptstadt Ottawa gehörenden Dorf vor. Trudeau wird freundlich begrüßt. An seiner Hand hat er seinen fünfjährigen Sohn Hadrien. Dieser freut sich auf die „pumpkins“. Bald ist Halloween, die Kürbiszeit. Mit seinem Vater geht er durch die Kürbisreihen und sucht sich einen schönen aus.

Für Justin Trudeau bietet dieser Besuch eine willkommene Abwechslung. Er plaudert mit dem Ehepaar Miller. Hadrien will einen dicken Kürbis auf einen Karren heben. Dafür braucht er die Hilfe seines Vaters. Gemeinsam heben sie den Kürbis hoch. Im Wahlkampfendspurt wird er stärker gefordert als auf der Farm und muss schwerere Dinge stemmen, damit seine Ära nicht bereits nach vier Jahren endet.

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