• Debatte über Ausgangssperre: „Niemand muss Angst haben, ohne Nahrung eingesperrt zu sein“

Debatte über Ausgangssperre : „Niemand muss Angst haben, ohne Nahrung eingesperrt zu sein“

Die Grünen-Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche über Corona-Panik und die Frage, was Deutschland in der Krise von Afrika lernen kann.

Gesperrt: Ab Samstag gilt in Freiburg ein sogenanntes Betretungsverbot für öffentliche Orte.
Gesperrt: Ab Samstag gilt in Freiburg ein sogenanntes Betretungsverbot für öffentliche Orte.Foto: dpa

Kordula Schulz-Asche, 63, ist seit 2013 Bundestagsabgeordnete. Sie ist Sprecherin der Grünen-Fraktion für Pflegepolitik und Mitglied im Gesundheitsausschuss. Von 1986 bis 1998 lebte Schulz-Asche mit ihrer Familie in verschiedenen Ländern Afrikas wie Ruanda oder Burkina Faso. Dort arbeitete sie für Entwicklungsorganisationen in der Gesundheitsaufklärung mit dem Schwerpunkt HIV/Aids.

Frau Schulz-Asche, vor Ihrer Karriere als Bundestagsabgeordnete waren Sie in der Gesundheitsaufklärung tätig. Sind die Deutschen über das Coronavirus ausreichend informiert?
Inzwischen müssten zumindest alle ausreichend aufgeklärt sein. Es gibt genügend verlässliche Quellen wie das Robert-Koch-Institut, das die Menschen sehr gut informiert. An dessen Empfehlungen sollten wir uns jetzt alle halten und nicht jedem x-beliebigen Tweet oder Facebook-Post glauben.

Kordula Schulz-Asche vertritt den Main-Taunus-Kreis im Deutschen Bundestag.
Kordula Schulz-Asche vertritt den Main-Taunus-Kreis im Deutschen Bundestag.Foto: Fraktion Bündnis 90/Die Grünen

Viele halten sich aber nicht an die Empfehlungen der Bundesregierung, zu Hause zu bleiben.
So ein Verhalten kann man bei jeder größeren Infektionswelle beobachten. Das ähnelt sich überall und lässt sich auch nur schlecht steuern. Es gibt Menschen, die verdrängen die Gefahr. Andere denken nur an sich. Bei einigen kommt das Gefühl dazu, dass jetzt eh schon alles egal sei. Das ist nicht nur bei Pandemien so, sondern grundsätzlich bei gesellschaftlichen Ausnahmezuständen. Ich habe in den 90ern in Ruanda gearbeitet, das war kurz vor dem Völkermord. Da haben die Menschen teilweise Party gemacht, obwohl – oder vielleicht gerade weil – die Lage im Land extrem zugespitzt war. Es war wie ein Tanz auf dem Vulkan. Daran muss ich in diesen Tagen wieder denken.

Glauben Sie eine Ausgangssperre könnte in der jetzigen Situation in Deutschland eine Panik auslösen?
Ich würde den Begriff Ausgangssperre nicht benutzen. Das Wort ist mir zu absolut. Es geht um Einschränkungen, aber niemand muss Angst haben, ohne Nahrung eingesperrt zu sein. Ja, die Bewegungsfreiheit könnte zeitweise eingeschränkt werden, jedoch nicht flächendeckend. So müssen die Menschen in Freiburg vielleicht zu Hause bleiben, im Spreewald aber nicht. Das muss man der Öffentlichkeit auch so klarmachen, um eine Panik zu vermeiden.

Sie haben viele Jahre Gesundheitsaufklärung in Afrika gemacht. Können wir beim Umgang mit der Pandemie von den dortigen Ländern etwas lernen?
Wir sollten uns zum Vorbild nehmen, wie in Westafrika seit 2016 mit Ebola umgegangen wurde. Die Eindämmung der Krankheit hat dort am besten geklappt, wo die internationale Hilfe schnell anlief und wo es engagierte Bürgermeister gab, die das Vertrauen der Menschen genossen und ihnen gesagt haben: Wir übernehmen jetzt Verantwortung und kümmern uns, was hier vor Ort passiert. Dort hat man Ebola am schnellsten in den Griff bekommen. Auch im Kampf gegen das Coronavirus kommt es bei uns vor allem auf die Kommunen an. Wir brauchen jetzt jeden Bürgermeister.

Was meinen Sie damit?
Es liegt an den Kommunen, die nötigen Maßnahmen nicht nur umzusetzen, sondern sie der Bevölkerung im Detail auch zu erklären, warum das alles wichtig ist. Die Bundeskanzlerin hat in ihrer Fernsehansprache im Prinzip gezeigt, wie das geht: klare Ansagen machen, ohne Panik zu schüren. Jetzt müssen die Behörden in den Landkreisen die Vorgaben umsetzen – etwa kontrollieren, das bestimmte Verhaltensweisen eingehalten werden und dass Kranke nicht einfach draußen herumlaufen. Leider wurde die Rolle, die die Kommunen im Infektionsschutz spielen, viel zu lange missachtet.

Inwiefern?
In den vergangenen Jahrzehnten wurden die kommunalen Gesundheitsämter systematisch kaputtgespart. Bei vielen stehen als Folge die Leitungspositionen leer. Man hat den Ämtern lange Zeit nur noch kleinere Aufgaben übertragen: die HIV-Beratung, die Kontrolle einfacher Auflagen oder etwa den Zahnzustand von Schulkindern zu überprüfen. Jetzt müssen die lokalen Gesundheitsämter schlagartig eine globale Pandemie in den Griff bekommen und tragen auf einmal eine riesige Verantwortung. Vor allem die kleinen Landkreise haben jetzt ein Problem, auch weil das Personal für diese Mammutaufgabe fehlt.

Das klingt, als könnte die Pandemie uns schnell überfordern.
Ich glaube nicht, dass unser Gesundheitssystem zusammenbrechen wird. Aber klar ist: Es wird über lange Zeit sehr angespannt sein, auch wenn wir grundsätzlich ganz gut aufgestellt sind. Genauere Prognosen können wir aber nicht machen. Wir wissen nur, dass die Pandemie irgendwann vorbei sein wird. Und deswegen sage ich es noch einmal: Wir müssen uns jetzt alle daran halten, was die Experten empfehlen – und damit meine ich die wirklichen Fachleute und nicht die, die sich in diesen Tagen als solche ausgeben.

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