Die Außenpolitik - ein Elitenthema?

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Debatte über deutsche Außenpolitik : Wir müssen mehr reden

Sachkundig über außenpolitische Konflikt- und Interessenslagen zu debattieren, sei in der unübersichtlich gewordenen Welt des 21. Jahrhunderts auch nicht einfacher geworden, sagt Sylke Tempel. Die Chefredakteurin der Zeitschrift „Internationale Politik“ gibt zu bedenken, dass es vielfach „um hoch komplexe Sachverhältnisse“ gehe. „Macht bemisst sich nicht mehr nur nach der Zahl an Raketen und Flugzeugträgern, über die ein Staat verfügt.“ Zur Macht gehöre inzwischen vielmehr auch die Wirtschaftskraft eines Landes, seine kulturelle Ausstrahlungskraft, seine Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten – „das ist oft schwierig zu durchschauen, selbst für Informierte“, sagt Tempel. Insofern, ja: es gebe eine Bringschuld der Politik, sich besser zu erklären. „Aber vielleicht gibt es auch eine Holschuld der Öffentlichkeit“, sagt Tempel. Denn es fehle doch häufig auch an „der nötigen Geduld und Bereitschaft, sich wirklich längere Zeit möglichst unideologisch und unvoreingenommen für ein Thema zu interessieren“.

Die Außenpolitik – ein Elitenthema? Deutschlands Beziehungen zur Welt, das Verständnis des Fremden – nur was für Eingeweihte? Um genau dem etwas entgegen zu halten, hat der Wahlberliner Johannes Bohnen 2004 die „Atlantische Initiative“ gegründet. „Die Demokratie ist zu wichtig, um sie der Politik zu überlassen“, sagt der gelernte Industriekaufmann. Seine Amerika-Erfahrung hat ihn gelehrt: Selbst ist der Bürger und die Bürgerin. Verantwortung übernehmen, sich kümmern, anpacken statt abwarten, das ist sein Motto, „Außenpolitik für alle“ das Leitmotiv seines Thinktanks. Wer die Welt verändern will, der muss sie verstehen – und wer sie verstehen will, der braucht Informationen. Bohnens Mittel der Wahl ist das Internet. Die neuen Kommunikationstechnologien, sagt Bohnen, ermöglichten erstmals eine umfassende Emanzipation der Bürger vom „Vater Staat“.

Zwei Jahre hat Bohnen als Redenschreiber des Bundesministers für Bildung und Forschung in Bonn gearbeitet, danach als Pressesprecher und Wahlkampfberater der brandenburgischen CDU, bis er bei Scholz & Friends Berlin den Public-Affairs-Bereich aufbaute. Seit 2005 arbeitet er als selbstständiger Berater für Politik und Kommunikation. Er gründete einen Hauptstadtkongress zur Stärkung der Berliner Bürgergesellschaft – sein Leib- und Magenprojekt aber ist der Online-Thinktank „atlantic-community.org“. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Jan-Friedrich Kallmorgen, Atlantiker und Politologe wie er selbst, gründete er diese virtuelle Denkfabrik. Ein jeder kann daran mitwirken und mitarbeiten. Das erschien ihm nie nötiger zu sein als damals, nach dem Irakkrieg, als über den Atlantik hinweg Funkstille herrschte und die Debatte hierzulande so „schablonenhaft“ war, dass er sich Sorgen machte, es könne „mehr kaputtgehen, als uns lieb sein kann“.

Der internetbasierte Thinktank soll als Plattform dienen, wo sich Politiker, Akademiker, Geschäftsleute, Journalisten und interessierte Laien treffen. Die Redaktion des Forums will für Qualität sorgen, indem sie das Beste vom Guten an weltweit publizierten Artikeln, Studien und Analysen als Meinungsgrundlage zusammen und zur Verfügung stellt. Und dann, und das ist es, worauf Bohnen besonders stolz ist: Dann wird der direkte Weg zum Entscheidungsträger gesucht. Aus den Beiträgen werden die stärksten zu Memoranden gebündelt, und diese Memoranden mit den besten Handlungsempfehlungen werden an die zuständigen Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks verschickt. „Auf diese Weise erhalten ganz normale Bürger die Möglichkeit, politisch Einfluss zu nehmen“, sagt Bohnen. Das Web 2.0 als Instrument gegen Politik- und Parteienverdrossenheit, als Mittel, um Druck aufzubauen, als Ort des Austauschs mit „denen da oben“.

Ob gewollt oder ungewollt, Deutschland sei international ein Gewicht zugewachsen, dem es sich gewachsen zeigen müsse. „Wir brauchen mehr öffentliche Debatten über Strategien, Interessen und Werte“, sagt Bohnen. Es reiche nicht, wenn die immer gleichen Experten die immer gleichen Argumente austauschten. „Die Bürgergesellschaft selbst sollte aktiv diskutieren.“ Das, sagt der 1965 in Bremen Geborene, sei sie sich und der Sache schuldig.

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