Debatte um Corona-Immunitätsnachweise : Der Fall Tönnies und die Frage, wer reisen darf

Der Urlaubsbann für Bürger aus dem Kreis Gütersloh belebt die Debatte um einen Immunitätspass neu. Die SPD warnt vor der „Zwei-Klassen-Gesellschaft“.

Jenseits von Gütersloh können viele Bürger des Kreises derzeit kaum Urlaub planen - es sei denn, sie können negative Corona-Tests nachweisen.
Jenseits von Gütersloh können viele Bürger des Kreises derzeit kaum Urlaub planen - es sei denn, sie können negative Corona-Tests...Foto: dpa

Schon 2011 thematisierte der Pandemie-Thriller „Contagion“, eine US–Produktion, einen Virusausbruch in China mit folgenden weltweiten Lockdowns. In dem Film bekommen die Bürger, die nach der Entwicklung eines Impfstoffes immunisiert sind, ein blaues Bändchen. Sie können wieder das normale Leben genießen.

In der Corona-Pandemie ist ein Impfstoff noch in weiter Ferne, aber die Debatte um einen Immunitätsausweis ist seit Wochen auch in Deutschland in vollem Gange. Wie kompliziert diese Fragen sind, zeigt aktuell der Fall Tönnies. Vorerst geht es vor allem darum, ob jemand Urlaub machen kann, der schon eine Infektion durchgemacht hat und durch Antikörper erst einmal immun sein kann - oder wer einen aktuellen, negativen Corona-Test nachweisen kann.

Immunitäts- oder Corona-Testnachweis?

Durch den Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies gelten die westfälischen Kreise Gütersloh und Warendorf als Risikogebiete. Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Niedersachsen wollen bis auf weiteres Reisende aus dem Corona-Gebiet nicht bei sich übernachten lassen. Ausnahmen gelten zum Teil für Bürger aus den beiden Kreisen mit einem negativen Corona-Test. Das ist sozusagen ein Freifahrtsschein.

Es gibt Indizien, dass der Ausbruch mit über 1500 Infizierten bei Tönnies bisher nicht auf die übrige Bevölkerung übergegriffen hat. Wie der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) mitteilte, wurde nach ersten Massentests unter 2000 Getesteten nur ein Infizierter gefunden.

Der Fall Ischgl zeigt, dass nach einem regionalen Hot Spot viele unbemerkt eine Infektion durchmachen können, daher liegt das aktuelle Augenmerk auch auf verlässlichen Antikörpertests. Doch wie lange jemand immun ist und ob man trotz Antikörpern noch infektiös sein kann, ist bislang wissenschaftlich nicht klar erwiesen.

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Spahns Kampf für den Corona-Ausweis

Aus Sicht von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) würde ein solcher Immunitätsausweis gerade bei Beschäftigten im Gesundheitswesen und in Senioreneinrichtungen eine große Erleichterung zur Eindämmung des Infektionsrisikos bringen. Er verweist darauf, dass auch im Impfpass Immunitäten eingetragen werden. In Südamerika zum Beispiel kann man in bestimmte Länder nur einreisen, wenn man eine Gelbfieberimpfung vorweisen kann.

Aber ist es ethisch vertretbar, den einen den Besuch in der Oper, im Theater, im Fußballstadion oder die Urlaubsreise zu erlauben, anderen aber nicht? Und was ist, wenn Arbeitgeber dann auch den Nachweis verlangen und entsprechend bei Personalentscheidungen aussieben?

Gesundheitsminister Jens Spahn setzt auf einen Immunitätsausweis - und hofft auf eine Empfehlung durch den Ethikrat.
Gesundheitsminister Jens Spahn setzt auf einen Immunitätsausweis - und hofft auf eine Empfehlung durch den Ethikrat.Foto: dpa

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Spahn musste seine Pläne für einen Immunitätsnachweis vorerst auf Eis legen, weil der Koalitionspartner SPD widersprach. Die Gesundheitsexpertin und stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Bärbel Bas, sagte jedoch nun der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, zukünftig könne eine wissenschaftlich gesicherte Aussage zur Immunität und Infektiosität möglich sein. „Wie bei jedem anderen medizinischen Testbefund, hat man auch bei einem Corona-Test einen Anspruch auf die Dokumentation des Ergebnisses.“ Auch in der SPD ließ das aufhorchen. Rückt die Partei vom Nein zu so einem Nachweis ab?

Bröckelt die SPD-Ablehnung?

Die Abgeordnete Bas ist bemüht, die Debatte einzufangen. Sie setze auf eine „Immuntitätsdokumentation“. „Wir wollen keinen Immunitätsausweis im Sinne eines Passierscheins einführen“, betont sie. Fakt sei aber auch: Jeder könne sich schon jetzt Untersuchungsergebnisse von Ärzten aushändigen lassen. Aber daraus dürfe am Ende keine Stigmatisierung entstehen. „Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft von Menschen mit und ohne Immunität darf es nicht geben. Es wird aufgrund des Anitkörperstatus keinen Unterschied in den Freiheits- und Persönlichkeitsrechten geben“, verspricht sie.

Der von Spahn vorgelegte Entwurf für das "Zweite Gesetz zum Schutz der Bevölkerung in einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" sah zunächst die Einführung eines Immunitätsausweises für genesene Covid-19-Patienten vor. In dem Entwurf hieß es: "Eine Immunitätsdokumentation soll künftig analog der Impfdokumentation (auch zusammen in einem Dokument) die mögliche Grundlage dafür sein, eine entsprechende Immunität nachzuweisen."

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Sorge vor bewusster Ansteckung

Aber die Kritiker des Nachweises betonen, dass es unfair sei, wenn Menschen, die von Corona genesen sind, wieder mehr Freiheiten genießen dürfen, als diejenigen, die sich streng an alle Regeln gehalten haben und noch nicht erkrankt sind. Das könnte letztlich dazu führen, dass sich mancher bewusst ansteckt, Stichwort Corona-Partys.

Der Ball liegt beim Ethikrat

Wegen der Differenzen in der Koalition forderte Spahn schließlich eine Stellungnahme des Ethikrats an, der in dieser Corona-Krise besonders gefragt ist. Das 24-köpfige Gremium beriet am Donnerstag intensiv, musste sich aber am Ende vertagen. Man habe entschieden, der Stellungnahme zum Immunitätsnachweis mehr Zeit zu widmen, sagte die Sprecherin dem Tagespiegel. „Dies ist als Wertung der Komplexität der Lage zu verstehen, die noch intensivere und umfänglichere Abwägungen verlangt“

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