Debatte um NS-Vergangenheit : Die Marine und ihre falschen Helden

Kapitän Hans Langsdorff rettete 1939 rund 1000 Leben und wird dennoch in der Marine nicht als Vorbild geehrt – andere umstrittene Köpfe aber schon.

Hans Langsdorff, deutscher Marineoffizier, zuletzt Kapitän zur See und Kommandant des Panzerschiffs Admiral Graf Spee.
Hans Langsdorff, deutscher Marineoffizier, zuletzt Kapitän zur See und Kommandant des Panzerschiffs Admiral Graf Spee.Foto: Privatarchiv Klaus Neumann

Eigentlich wollte Hans-Jürgen Kaack nur eine Biographie über einen Kapitän veröffentlichen, dem 1000 lebende Seeleute lieber waren, als 1000 tote Helden. Doch daraus ist eine Debatte in der deutschen Marine geworden, die viel erzählt über den schwierigen, widersprüchlichen Umgang mit der eigenen Geschichte. Wer ist zu ehren? Wer begründet eine Traditionswürdigkeit, dessen Verhalten als vorbildhaft für künftige Generationen in der Marine zu behandeln ist? Und wo sind Erinnerungen zu tilgen?

Vor genau 80 Jahren, am 20. Dezember 1939, erschoss sich Kapitän zur See Hans Langsdorff in Buenos Aires, nachdem er das schon schwer beschädigte Panzerschiff „Admiral Graf Spee“ nicht in eine aussichtlose Schlacht gegen britischen Schiffe im Südatlantik geschickt hatte. Die rund 1000-köpfige Besatzung konnte per Schiff in das gegenüberliegende Buenos Aires gebracht werden, Langsdorff ließ die „Graf Spee“ in der Mündung des Rio de la Plata versenken und erschoss sich, auf einer Hakenkreuzflagge liegend.

Ist er ein Held? Für die Bundesregierung nicht unbedingt, zumindest nicht in dem Sinne, dass man besonders an Langsdorff erinnert oder Einrichtungen nach ihm benennt – seine noch lebende Tochter ist schwer enttäuscht, dass ihr Vater mehr von den Briten gewürdigt wird, weil er eine opferreiche Schlacht verhindert hat, als von der deutschen Marine.

In einer Regierungsantwort auf eine Anfrage der Linken-Fraktion betont der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Tauber (CDU), Langsdorff habe sicher ein „ein beispielgebendes Verhalten“ gezeigt. Es müsse jedoch im historischen Kontext bewertet werden. Für die Bundeswehr könne nur ein soldatisches Selbstverständnis sinn- und traditionsstiftend sein, das sich nicht allein auf professionelles Können im Gefecht reduziert.

„Die Forschung zum militärischen Widerstand gegen das NS-Regime bewertet das Handeln von Kapitän Langsdorff jedoch nicht als Widerstandstat gegen das NS-Regime.“ Der Umstand, „dass er sich auf der Flagge seines Schiffes (Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz), also dem staatlichen Symbol des NS-Regimes, das Leben nahm, lässt keine innere Distanz zum NS-Regime oder gar ein widerständiges Verhalten erkennen, das seine Traditionswürdigkeit für die Bundeswehr begründen könnte“, betont Tauber.

Biograph schätzt Langsdorff als regimekritisch ein

Der Biograph Hans-Jürgen Kaack („Kapitän zur See Hans Langsdorff“, Schöningh Verlag) kommt auf Basis vieler persönlicher Dokumente zu einem anderen Ergebnis. Demnach habe Langsdorff dem Regime kritisch gegenübergestanden. Dass er sich auf der Flagge des Schiffes erschoss, sei für ihn der symbolische Akt gewesen, dass er mit seinem Schiff untergegangen ist.

Es gehe hier vor allem um die „Haltung eines Seeoffiziers in einer Extremsituation“. Es sei nun mal die offizielle damalige Flagge gewesen. Getreu der Linie der Bundesregierung hätte sich also Langsdorff vor dem Suizid noch offiziell vom NS-Regime lossagen müssen. Adolf Hitler tobte damals. Das eigenmächtige Handeln Langsdorffs führte zu dem Befehl des Chefs der Kriegsmarine, Erich Raeder, dass künftig jedes Kriegsschiff bis zur letzten Granate zu kämpfen habe, bis es siegt oder mit wehender Flagge untergeht. Einige in der Marine kreiden diesen Befehl Langsdorff an, tausende deutsche Seeleute starben in Gefechten.

Langsdorff wird nicht geehrt – Johannesson schon: Warum?

Immer wieder vermengt wird die Langsdorff-Debatte nun mit dem Fall von Admiral Rolf Johannesson. So argumentieren die Linken-Abgeordneten um den Parlamentarischen Fraktionsgeschäftsführer Jan Korte mit den zahlreichen Widersprüchen in der Erinnerungskultur der Marine. Zudem hat die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) betont, dass sie keinen Kadavergehorsam wolle – Langsdorff war mit seinem eigenmächtigen Handeln ein Musterbeispiel für das Verweigern eines Kadavergehorsams, die tausenden Nachkommen der „Graf Spee“-Seeleute würde es sonst nicht geben.

Hingegen stehe Johannesson für eine Reihe von „Protagonisten aus Kaiserlicher Marine und Kriegsmarine, die überzeugte Militaristen, Anti-Demokraten oder sogar glühende Nationalsozialisten waren und nach wie vor Teil der Traditionspflege der Marine sind“. So werde in der Aula der Marineschule Mürwik (MSM) immer noch mit einer Büste an Johannesson erinnert. Dieser habe noch kurz vor Kriegsende fünf Todesurteile gegen vier Soldaten und einen Zivilisten bestätigt, die Helgoland vor der drohenden Bombardierung und Zerstörung retten wollten, kritisieren die Abgeordneten.

Scheer-Mole und Scheer-Brücke werden umbenannt

Die Bundesregierung verweist darauf, dass Johannesson sich in den Aufbaujahren der Bundeswehr vorbildlich mit der moralischen Schuld auseinandergesetzt habe, die er durch seine Beteiligung im NS-Regime auf sich geladen habe. Er wurde in der Bundesmarine später Kommandeur.

Weiter kritisieren die Abgeordneten, dass Kapitän zur See Wolfgang Lüth, „der von 1944 bis 1945 der letzte Kommandeur der Marinekriegsschule Mürwik war und zu den höchstdekorierten Kriegshelden der NS-Propaganda gehörte“, an der MSM bis heute durch einen Gedenkstein geehrt werde. Zudem sei unter anderem die Scheer-Mole in Kiel nach Admiral Reinhard Scheer, „einem Verfechter der Strategie des uneingeschränkten U-Boot-Krieges“, benannt.

Hier zumindest wird es nun Änderungen geben. Die Scheer-Mole in Kiel und die Scheer-Brücke in Wilhelmshaven sollen umbenannt werden. „Entsprechende Namensvorschläge wurden erarbeitet“, betont Tauber im Namen der Bundesregierung, lässt aber offen, welche das sind.

Benennungen werden auf Traditions- und Erinnerungswürdigkeit überprüft

Mit dem Marine-Befehl 069-18 sei verfügt worden, alle bestehenden Benennungen auf ihre unveränderte Traditions- und Erinnerungswürdigkeit hin zu überprüfen und, wo nötig, zu ändern. Auch der nach dem umstrittenen Großadmiral Alfred von Tirpitz (1849 bis 1930) benannte Tirpitzhafen und die Tirpitzmole in Kiel sollen umbenannt werden. Darüber hinaus sei eine Überarbeitung der Traditionspflege in der Marine geplant – mit Spannung wird erwartet, ob der Fall Langsdorff Auswirkungen haben wird.

Die Büste von Johannesson in der Marineschule Mürwick soll aber bleiben – sie würde durch einen erklärenden Text historisch eingeordnet und stehe „stellvertretend für die Brüche, Zäsuren und Kontinuitäten der deutschen Militär- und Marinegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“.

Staatssekretär Peter Tauber betont mit Blick auf die Debatte um Kapitän zur See Wolfgang Lüth (1913-1945), dass der am Volkstrauertag 1957 errichtete Gedenkstein lediglich eine Form des allgemeinen Totengedenkens darstelle. Linken-Politiker Jan Korte kritisiert dagegen insgesamt eine Fokussierung auf falsche Helden: „Die maßgeblichen Personen verwenden seit Jahren mehr Energie darauf, sich gegen die Interventionen einer kritischen Öffentlichkeit zu wehren, als ihren Laden zu entrümpeln“, meint Korte. „Es wird höchste Zeit, dass mit falscher Heldenverehrung Schluss gemacht wird.“

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