Déjà-Vu im Funkloch : Nachrichtenschleifen vom Ende der Welt

Brexit, BER, Trump: Das Funkloch schneidet uns von allen Problemen ab. Wer doch mal Nachrichten empfängt, erkennt: Sie wirken wie aus dem Vorjahr. Eine Kolumne.

Ein Sendemast mit verschiedenen Antennen für den Mobilfunk
Ein Sendemast mit verschiedenen Antennen für den MobilfunkFoto: Stefan Sauer / dpa

Fast hätte es diese Kolumne heute nicht gegeben. Um sie zu schreiben, musste ich akrobatische Kunststücke vollbringen, ja, man könnte sagen, ich habe mein Leben riskiert. Ich bin am Ende der Welt und am Ende der Leitung, in einem der letzten kleinen Bergdörfer Europas, wo es kein Hochgeschwindigkeitsinternet gibt. Ein Funkloch, so tief wie ein Abgrund.

Die Krisen und Kriege dieser Welt erreichen mich hier nicht. Hier gibt es nur den Gesang der Zikaden und das Geräusch des Winds in den Bäumen. Um hin und wieder ein paar spärliche Nachrichten von draußen zu erfahren, muss ich auf einen Felsen klettern und mein Telefon in den Himmel recken. Fast wäre ich in einem Kaktus gelandet. Dann bin ich fünf Kilometer auf einer Serpentinenstraße ins Dorf gefahren.

Gestern mitten in der Nacht auf der Dachterrasse bin ich auf einmal von einer regelrechten Nachrichtenflut auf meinem Bildschirm überrollt worden: Hitzewelle in Paris – Wohnungsnot in Berlin – SPD-Krise – geplatzte Generalprobe für den BER – Boris Johnson plädiert für einen Kamikaze-Brexit – Trump und immer wieder Trump – Merkel verbringt ihre Ferien in Südtirol – die „New York Times“ hat 47 Rezeptvorschläge für Zucchini für mich – meine frühere Schulfreundin Jeannine betreibt auf Facebook Gleitschirmfliegen – meine Nichte postet Steaks mit Pommes auf Instagram.

Ich bin schon ganz betäubt von diesem Durcheinander, als plötzlich, plopp!, die Verbindung weg ist. Die Welt hat sich wieder in nichts aufgelöst. Über mir nur der sternenübersäte Nachthimmel, ein Flugzeug blinkt in der Ferne. Ein paar Hunde bellen im Tal. Die Glocken der Kirche läuten. Das passiert manchmal. Grundlos.

Morgen erwartet mich im einzigen Café im Dorf wie immer die „Gazzetta dello Sport“ und Berlusconis Fernsehprogramm. Der Sale Tabacchi hat nur Rätselzeitschriften im Angebot und die Bäckerei, in der sich Ausländer wie wir trafen, um sich über die Nachrichten auszutauschen, hat dieses Jahr dicht gemacht, weil es im Winter nicht genug Kunden gibt. Nichts verbindet mich noch mit dem Rest der Welt.

Die Probleme dringen trotzdem bis in den letzten Winkel vor

Mich beschleicht ein merkwürdiges Déjà-Vu-Gefühl. Tauchten letztes Jahr auf derselben Dachterrasse nicht schon dieselben Nachrichten auf meinem Telefon auf? Der Brexit bereitete schon Kopfzerbrechen, die SPD steckte bereits in der Krise, der Planet erwärmte sich, die Eröffnung der BER verschob sich, die „New York Times“ hatte 47 Rezeptvorschläge für ein anderes Gemüse für mich, Trump war auch damals schon Trump, und Frau Merkel verbrachte ihre Ferien in Südtirol. Die alten Probleme bleiben ungelöst, allenfalls kommen ein paar neue hinzu. Und meine Schulfreundin Jeannine … Na, Sie wissen schon. Ich könnte jeden Sommer die gleiche Kolumne verfassen. Ich frage mich, ob es überhaupt jemandem auffallen würde.

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Dabei wäre es naiv zu glauben, in diesem von allem abgeschnittenen mittelalterlichen Dorf herrschte himmlischer Frieden. Geht man im Meer schwimmen, treiben Plastikpartikel auf den Wellen, afrikanische Migranten lagern unter Autobahnbrücken, die Männer im Dorf schwingen morgens am Tresen des Cafés populistische Reden, die Gewitter werden immer heftiger, die Flugzeuge erinnern uns an unsere Umweltsünden und die Engländer haben ihr Haus vorsichtshalber noch vor dem Brexit verkauft und sind gegangen. Kein Funkloch ist so tief, dass es uns schützt vor dem Lärm und der Gewalt der Welt. Übersetzung aus dem Französischen: Odile Kennel

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