Politik : Dem Gewissen zuliebe

Wer fliegt, kann einen Ablass für seine CO2-Sünden zahlen. Das Geschäft blüht. In Berlin bei Atmosfair

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Dietrich Brockhagen verschränkt die Arme hinterm Rücken, so als wüsste er nicht recht, wohin mit ihnen. Der Chef der Agentur Atmosfair steht an seinem Stand auf der Tourismusbörse ITB, vor ihm hat ein Fernsehteam eine Kamera aufgebaut. Brockhagen schaut verlegen hinein, der Rummel scheint dem 39-Jährigen nicht zu behagen. „Mit so viel Aufmerksamkeit hätte ich nie gerechnet“, sagt er. Als die forsche Reporterin ihn fragt, ob man noch guten Gewissens fliegen könne, antwortet er: „Dem Klima ist Ihr Gewissen ziemlich egal.“

Brockhagen zählt zu den großen Gewinnern der Klimadebatte ums Fliegen. Denn bei Atmosfair, das er vor zwei Jahren gegründet hat, kann man für seine individuellen CO2-Sünden einen Ausgleich zahlen. Die Agentur unterstützt mit dem Geld Projekte in Entwicklungsländern, etwa Solarküchen in Indien. Das Angebot scheint vor allem für Leute attraktiv, denen die Politik zu langsam handelt, die selbst etwas gegen die drohende Katastrophe unternehmen möchten. Auf der Homepage von Atmosfair können sie sich ausrechnen, welche Folgen ihr spezieller Flug für das Klima hat. Danach belastet eine Reise von Berlin nach Mallorca und zurück unseren Planeten mit rund 860 Kilogramm CO2. Will man die Negativbilanz ausgleichen, überweist man 19 Euro an Atmosfair.

Mittlerweile greifen jeden Tag mehr als 15 000 Menschen auf den CO2-Rechner der gemeinnützigen Organisation zu. 200 bis 500 Menschen zahlen tatsächlich ein. Im vergangenen Jahr nahm Atmosfair 250 000 Euro ein, 85 000 Euro mehr als im Jahr davor. „Erstmals beuten wir uns nicht mehr selbst aus“, kommentiert Brockhagen. Den Rummel auf der ITB nimmt der promovierte Physiker mit Gleichmut hin. Ob er nicht fürchte, dass die EU die Fluglinien direkt für ihre Emissionen zur Rechenschaft ziehen könnte und Atmosfair dann überflüssig würde? „Ich habe keine Angst“, fällt dem hageren Mann dazu ein. „Mit Angst erreicht man nichts im Leben.“ 20 Prozent der Überweisungen verwendet Brockhagen, um vier feste Mitarbeiter und den Unterhalt des Büros zu finanzieren. Das besteht aus zwei spartanischen Zimmern in einem Plattenbau in Berlin-Mitte. Darin stehen ein paar Laptops, einziger Schmuck: ein Kalender mit Landschaftsbildern.

Bevor Brockhagen Atmosfair gründete, arbeitete er im Bundesumweltministerium. Dort lernte er Klaus Töpfer kennen, den ehemaligen Direktor des UN-Umweltprogramms, der Atmosfair ebenso unterstützt wie Mojib Latif, Deutschlands bekanntester Klimaforscher. Gegen den Vergleich mit dem mittelalterlichen Ablasshandel wehrt sich Brockhagen. „Nichtfliegen ist die beste Lösung“, sagt er. Doch er möchte nicht als „Reisefeind“ verstanden werden. „Wir machen ein positives Angebot.“

Tatsächlich verweisen acht große Internetreiseanbieter auf Atmosfair, darunter Lastminute.com, Expedia und Opodo. Und in den elf Niederlassungen der Berliner Titanic Reisen verteilen die Mitarbeiter Atmosfair-Broschüren mit Überweisungformularen. Doch Titanic-Chefin Ilona Paschke glaubt nicht daran, dass das viel bringt: „Auch bei Reisen herrscht eine Geiz-ist-geil-Mentalität.“

Atmosfair stellt seine Projekte im Internet vor. Die Projekte werden von unabhängigen Prüfern zertifiziert. Dass man bei einer Müllverwertungsanlage in Brasilien den selbst gesetzten Standard bisher nicht erreiche, räumt man offen ein.

Wegen dieser Transparenz gelten die Berliner als Messlatte für die vielen Anbieter im CO2-Geschäft. Die Tufts-Universität bei Boston zählt Atmosfair in einer Studie zu den weltweit besten Anbietern. Doch es geht längst nicht mehr nur ums Fliegen: Jeder mit dem Auto gefahrene Kilometer, die Stromrechnung, selbst der Einkauf im Supermarkt lässt sich kompensieren. Die Anbieter unterscheiden sich dabei vor allem bei den Förderprojekten: Die Schweizer von Myclimate unterstützen Solarenergie in Eritrea und Windanlagen in Madagaskar. Native Energy baut in Indianer-Reservaten in den USA alternative Energieanlagen.

Bei Climate Friendly, einem kommerziellen Unternehmen, das Windparks in Australien fördert, gibt es ein Rundum-Angebot, das sogenannte Klima-Neutral-Paket. Es kostet 177 Euro im Jahresabo. Die Wiedergutmachung kann man auch verschenken, eine Tonne CO2 für 12,50 Euro, dazu gibt es ein Zertifikat mit gelber Schleife.

Aber nicht alle Anbieter verdienen Vertrauen. Kritisch beäugt werden sollten vor allem Aufforstungsprojekte: Wälder seien zunehmend durch Dürren und Brände in Gefahr und schieden deshalb als verlässliche CO2-Speicher aus, heißt es in einer Studie der schwedischen Universität Lund. Doch generell gilt: Je mehr die Agenturen von sich preisgeben, desto sicherer können die Kunden sein.

Mitarbeit: Verena Hasel

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