Politik : Den Versuch wert

Ingrid Müller

Da sind sie wieder, die alten Vorurteile. Wer Ganztagsschule sagt, fürchtet ganz oft das, was als Gespenst Gesamtschule durch die Republik geistert. Auch dazu könnte man allerlei anmerken, aber jetzt geht es um die Ganztagsschule. Und um die Ängste, die Eltern damit verbinden. Sie müssen ernst genommen werden, denn andernfalls hat die beste Idee kaum eine Chance.

Viele Familien befürchten, sie würden ihre Kinder gar nicht mehr sehen, wenn sie auf eine Ganztagsschule gehen. Diese Sorge scheint unbegründet zu sein. Soeben hat die erste bundesweite Studie gezeigt, dass Ganztagsschüler nicht weniger Zeit mit Eltern und Geschwistern verbringen als Halbtagsschüler.

Gerade gutbürgerliche Familien führen außerdem an, die Angebote für ihre Kinder würden schlechter. Nachmittags gebe es allenfalls Verwahrung, Inhalt Fehlanzeige. Töchter und Söhne bekämen weder Judo- noch Querflötenunterricht, und wer darauf nicht verzichten wolle, müsste dann nach der Schule nochmal los. Das mag im Einzelfall so sein, aber auch hier zeigt die Studie, dass Vereine mit den Schulen zusammenarbeiten und so mehr Kinder Sport treiben.

Natürlich gibt es ganz unterschiedliche Modelle. Selbst wenn die eine oder andere Schule sich nur als Unterbringungsort verstehen sollte – da lässt sich ein Riegel vorschieben. Ein Blick nach Rheinland-Pfalz könnte Zweiflern helfen. Beim 2001 gestarteten Ganztagsschulprogramm machen inzwischen 360 der 1600 Schulen mit. Die Schulen müssen sich bewerben und Vorgaben erfüllen. Dazu gehören Hausaufgabenhilfe durch Lehrer, Förderangebote für Schwächere wie besonders Talentierte, Projekte und Freizeitangebote wie Sport und Musik. Die Schule macht ein Angebot. Anders als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Hessen müssen sich Schüler aber für ein Jahr zur Teilnahme an vier Tagen pro Woche verpflichten.

Wer hier staatlich verordneten Sozialismus sieht, liegt falsch. Nur so kann ein sinnvolles Angebot geplant werden. Wenn heute drei und morgen 13 Schüler kommen, dann geht das kaum. Je mehr Schüler mitmachen, desto differenzierter die Möglichkeiten. Weiterer Vorteil: Wer um vier Uhr nach Hause geht, hat seine Hausaufgaben fertig und wirklich frei. Vor allem war jemand da, den man um Hilfe bitten konnte. Auch besorgte Eltern sind nicht immer mittags daheim, um die Fragen zu beantworten, die alle Kinder haben.

Auch in Mainz und Umgebung waren die Gymnasien zunächst am zurückhaltendsten. Das hat sich gelegt. Die Erfahrung der Eltern und Kinder: Das Klima in der Schule wird offener, die Leistungen werden besser. Wohlgemerkt: nicht nur beim Nachwuchs aus sozial schwachen Familien. An den von Eltern aus den mittleren Schichten viel gelobten Privatschulen ist ja leider auch nicht alles so, wie es sich Mütter und Väter wünschen. Was kein guter Weg ist: die Ganztagsschule als Randschule für die Schwachen, für die, die es in den Augen der anderen nötig haben. Das teilt in jungen Jahren, anstatt viele voranzubringen.

Besonders erfolgversprechend sind komplette Ganztagsklassen. Dann bleiben Freunde zusammen, und die Angebote in der Frühe und nachmittags sind aufeinander abgestimmt. Nicht nur Einzelkinder können Erfahrungen machen, die auch die fürsorgendsten Eltern zu Hause nicht bieten können. Was Eltern und Schüler sich in der Ganztagsschule wünschen – darüber sollten sie mit Lehrern und Schulleitern reden. Warum sollte es nicht möglich sein, Chinesisch, Kung-Fu und Kochkurse anzubieten? Mit Einfallsreichtum und Engagement ist da viel zu machen.

Natürlich setzt das eine entsprechende Finanzplanung des Landes voraus. Für einen Erfolg sind nicht bloß ein paar Umbauten nötig, sondern auch mehr Lehrer und ein qualifiziertes Konzept. Mainz zahlt für sein Projekt 60 Millionen Euro pro Jahr. Ein solch ehrgeiziges Programm sollte auch den Berlinern einen Versuch wert sein. Senator Zöllner kann seine Kollegen sicher beraten. Er kennt das Mainzer Modell. Von Anfang an.

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