Warum die Schuldfrage immer noch ungeklärt ist

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Der Absturz von MH 17 : Spuren lesen in Grabowo
Stummer Zeuge. Diese Buchseite liegt noch immer zwischen den Trümmern von Flug MH 17. Ukrainer und Separatisten beschuldigen sich gegenseitig des Abschusses.
Stummer Zeuge. Diese Buchseite liegt noch immer zwischen den Trümmern von Flug MH 17. Ukrainer und Separatisten beschuldigen sich...Moritz Gathmann

Um die Frage, wer die Schuld für den Absturz der Boeing trägt, streiten der Westen und Moskau bis heute. Kurz vor dem Beginn des G-20-Gipfels im australischen Brisbane vergangene Woche präsentierte das russische Staatsfernsehen ein Bild, das den Abschuss der Boeing durch einen ukrainischen Suchoi-Jagdflieger zeigen soll. Das Bild wurde jedoch schnell von zahlreichen Quellen als plumpe Fälschung enttarnt.

Schwerer wiegt dagegen die Beweislast für einen Abschuss der Maschine durch Separatisten mit einem BUK-System russischer Bauart. Es existieren Fotoaufnahmen, die das Abladen eines BUK-Systems in der Stadt Snischne zeigen, wenige Stunden vor dem Abschuss und wenige Kilometer vom Absturzgebiet entfernt. Und Igor Strelkow, militärischer Führer der Separatisten, prahlte kurz nach dem Absturz im sozialen Netzwerk vk.com, seine Leute hätten eine ukrainische Antonow-26 abgeschossen. Als klar wurde, dass ein ziviles Flugzeug abgestürzt war, wurde der Beitrag gelöscht.

Vor wenigen Tagen dann veröffentlichte der britische Blogger Eliot Higgins auf der Seite bellingcat.com eine detaillierte Analyse aller verfügbaren Video- und Fotoaufnahmen der BUK-Systeme und kommt zu dem Schluss, dass mindestens ein System, das aus einer russischen Luftabwehreinheit in Kursk stammte, im Juli in die Ostukraine transportiert und später wieder nach Russland zurückgebracht wurde. Nun fehlte allerdings eine BUK-Rakete.

Kann Putin belangt werden?

Auch nach deutschen Geheimdienstinformationen waren es die Separatisten, die das Flugzeug mit vom Himmel holten. Doch geht der BND davon aus, dass diese das Waffensystem zuvor in einer ukrainischen Kaserne erbeuteten. Die Herkunft des BUK-Systems hat eine kaum zu überschätzende Tragweite. Die Frage lautet: Sind Russland und Präsident Wladimir Putin für den Abschuss zu belangen? Der Schlussbericht des niederländischen Sicherheitsrates, erwartet für den Sommer 2015, wird die Gründe für den Absturz klären, jedoch nicht die Schuldfrage.

Unter den Bewohnern der Dörfer, über denen am 17. Juli Flugzeugteile, Koffer und menschliche Überreste niedergingen, machen allerlei Gerüchte die Runde. Gesammelt werden sie in der Küche von Wladimir Bereschnoj, Dorfbürgermeister des Fleckchens Grabowo. Gerade ist der 59-Jährige mit dem schwarzen Käppi von der Absturzstelle zurück. Er hat den Niederländern und den Leuten vom Katastrophenschutz heißen Tee und Speckbrote gebracht. „Ein guter Kerl“, sagt einer der Niederländer über ihn, nicht nur wegen des Tees. Der Dorfbürgermeister übergibt ihnen immer wieder Pässe oder Kreditkarten der Passagiere, die die Dorfbewohner auf den Wiesen finden. Gestern war es der Reisepass eines Malaysiers, geboren 1984.

Diamanten? Es viele Gerüchte, was an Bord gewesen sein soll

Manche Dorfbewohner durchstreifen das Absturzgebiet auf der Suche nach einer ganzen Kiste Diamanten, die ein Händler angeblich im Flugzeug transportiert habe, um sie in Malaysia zu verkaufen. Von Hunden und beringten Vögeln wird geraunt, die unter den Trümmern des Flugzeuges gefunden wurden. Der „Erste Republikanische“, der TV-Sender der Separatisten, verbreitete gar die Version, die Insassen von Flug MH 17 seien schon tot gewesen, bevor das Flugzeug abgeschossen wurde.

Wladimir Bereschnojs Haus steht ein paar hundert Meter von der Absturzstelle entfernt, und man muss ihn nicht lange fragen, welches Bild ihm in Erinnerung geblieben ist von jenem Tag. „Ein Frauenbein, mit lackierten Fußnägeln, auf dem Asphalt unserer Straße“, murmelt der ansonsten so leutselige Mann, als hätte er das Bild jetzt gerade vor Augen.

Dann rummst es wieder, und Bereschnoj ist in der Wirklichkeit zurück. „Das ist ein paar Kilometer von hier, beim Dorf Faschiwka“, sagt er. Wenn sich Ukrainer und Separatisten dort beschießen, erzittert sein ganze Haus. So geht das schon seit Monaten. Immerhin haben die beiden Kriegsparteien sich vor einigen Tagen darauf geeinigt, mit dem Töten bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten, dann, wenn die OSZE-Beobachter und das holländische Team das Absturzgebiet verlassen.

Bereschnoj greift zur Gitarre und singt ein Lied des russischen Liedermachers Alexander Galitsch. Es handelt von einem Mann, der einen Freund im Irrenhaus besucht, um mit ihm ein paar Gläschen zu trinken. Am Ende bleibt er dort, weil es ihm im Irrenhaus besser gefällt als in der Wirklichkeit. Dann rummst es wieder, und Bereschnojs Haus erzittert.

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Ein russisches Lied über die "schöne Wirklichkeit" im Irrenhaus
Ein russisches Lied über die "schöne Wirklichkeit" im Irrenhaus

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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