Deutsch-deutsche Geschichte : "Oh wie groß ist dieser Verrat!"

Vor 25 Jahren besuchte der SED-Generalsekretär Erich Honecker die Bundesrepublik und sprach mit Kanzler und Wirtschaftsbossen. In Ost-Berlin sahen es seine Gegner mit Grauen – und schwärzten ihn in Moskau an. Dort aber erkannte Michail Gorbatschow die Zeichen der Zeit: Der künftige Partner würde Helmut Kohl sein.

Hans-Hermann Hertle
Staatsbesuch. SED-Generalsekretär Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl am 7. September 1987 in Bonn.
Staatsbesuch. SED-Generalsekretär Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl am 7. September 1987 in Bonn.Foto: picture alliance / dpa

Zur Begrüßung wurde in Bonn die Flagge des Arbeiter- und Bauernstaats mit Hammer, Ährenkranz und Zirkel gehisst; eine Bundeswehrkapelle intonierte die DDR-Hymne. Vor 25 Jahren, vom 7. bis 11. September 1987, fand der Arbeitsbesuch von SED-Generalsekretär Erich Honecker in der Bundesrepublik statt. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) empfing den SED-Politiker, Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundestagspräsident Philipp Jenninger begrüßten ihn in ihren Amtssitzen. Auch ein Treffen mit führenden Repräsentanten des westdeutschen Industrie- und Finanzkapitals in der Krupp’schen Villa Hügel in Essen war arrangiert.

Die medial vermittelte Botschaft dieser Begegnungen und Empfänge schien nur eine Schlussfolgerung zuzulassen: Die Anerkennung der DDR als zweiter deutscher Staat war symbolisch vollzogen, das jahrzehntelange Schattendasein der „Sowjetzone“ als sowjetischer Homunkulus und Schurkenstaat überwunden. Erich Honecker schien auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt zu sein.

Doch im fernen Ost-Berlin sahen das einige SED-Spitzengenossen anders. Schon seit spätestens 1980 schwärzte eine Moskauer Fraktion im SED-Politbüro um den DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph, dessen Stellvertreter Werner Krolikowski und Stasi-Minister Erich Mielke im Geheimen die Westpolitik Erich Honeckers und von ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag bei der sowjetischen Führung als „deutsch-deutsches Techtelmechtel“ an. Nun, am 8. September 1987, dem zweiten Besuchstag, rechneten Stoph und Krolikowski in einem bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangten, geheimen Papier, das sie dem KPdSU-Chef Michail Gorbatschow über die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin zukommen ließen, mit der „verräterischen“ Politik Honeckers in Bonn ab.

„Was sich in diesen Tagen zwischen EH (Erich Honecker – d. Red.) und GM (Günter Mittag – d. Red.) und den Führern der BRD abspielt, hat für die Existenz und Perspektive der DDR einen verhängnisvollen Charakter“, meldeten sie nach Moskau. Ohne Beschluss des SED-Politbüros oder der DDR-Regierung hätten Honecker und Mittag den Reiseverkehr von DDR-Bürgern in die Bundesrepublik stark erhöht und damit „eine euphorische nationalistische Reisewelle“ ausgelöst. Und im besten Arbeiter- und Bauern-Deutsch heißt es weiter: „Der EH-Besuch in der BRD verdreht immer mehr DDR-Bürgern den Kopf und erfüllt denselben mit dem gefährlichen ideologischen Westdrall. Haben wir dafür alle die Jahre seit 1945 gekämpft? Diese Entwicklung muss doch beseitigt werden!“ Während Honecker 1971 als SED-Generalsekretär mit der Politik der Abgrenzung gegenüber der BRD angetreten sei, gehe er jetzt „hemmungslos“ aufs Ganze und fördere „die deutsch-deutsche Menschenvereinigung“: „Oh wie groß und offensichtlich ist doch dieser Verrat!“

Stoph und Krolikowski kritisierten die Ausweitung des kleinen Grenzverkehrs zwischen den beiden deutschen Staaten und die von Honecker erlassene Amnestie. Die eigenmächtige Aufhebung des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze während des Bonn-Besuchs bezeichneten sie als „verantwortungslos“. Bedenke man zudem die hoffnungslose Verschuldung der DDR im Westen, die unsaldiert 45 Milliarden D-Mark betrage, „so ist klar, dass wir nicht nur verraten, sondern auch in immer größerer Höhe verkauft werden“.

Früher hatte KPdSU-Chef Leonid Breschnew auch aufgrund solcher Meldungen Erich Honecker noch regelmäßig zur Brust genommen. Doch unter Gorbatschow lagen die Dinge anders. „Unter dem Druck der wirtschaftlichen Faktoren“, hatte der KPdSU-Chef bereits im März 1986 im KPdSU-Politbüro befürchtet, könnte sich die DDR „in die Umarmung durch Westdeutschland werfen“. Schon im Februar 1987 gab er deshalb als Weisung aus: „Die BRD nicht Honecker überlassen!“ Unbeabsichtigt konnte beides – das deutsch-deutsche Gipfeltreffen selbst und seine Denunziation durch die moskautreuen SED-Spitzengenossen – die sowjetische Führung eigentlich nur darin bestärken, sich auf Kanzler Helmut Kohl und die Bundesrepublik als den für die Zukunft der sowjetisch-deutschen Beziehungen wichtigeren Partner umzuorientieren. Der Staatsbesuch wurde umgehend zum Wendepunkt: Die sowjetisch-westdeutschen Beziehungen begannen zu florieren, die deutsch-deutschen Beziehungen stagnierten. Honecker sah sich gleichermaßen von Moskau und Bonn aufs Abstellgleis gedrängt.

Honecker war es schließlich selbst, der mit seiner unnachgiebigen, reformfeindlichen Politik 1989 zunächst die Ausreisewelle und Massenflucht aus der DDR, dann die Massenproteste auf der Straße schürte. Als er auch noch Verfassungsbruch beging und die Nationale Volksarmee in Hundertschaften zum Einsatz gegen das eigene Volk umgruppieren ließ, war das Maß voll. Es war eine der seltsamsten Koalitionen in der Geschichte der SED, die sich Mitte Oktober 1989 zu Honeckers Ablösung zusammenfand. Eine westlich und reformorientierte Gruppe um Planungschef Gerhard Schürer, Außenhandelsminister Gerhard Beil und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski wusste nichts von den jahrelangen Anschwärzungen und Hasstiraden der Moskauer Betonfraktion um Stoph, Mielke und Krolikowski. Diese wiederum war ahnungslos, dass Schürer und Schalck im Einvernehmen mit Honeckers Nachfolger Egon Krenz als letzte Rettung der DDR auf ein „Geheimkonzept für die BRD“ setzten.

Ende Oktober und Anfang November 1989 verhandelte Schalck darüber mit Bundeskanzleramtschef Wolfgang Schäuble und Innenminister Rudolf Seiters. Mit insgesamt rund zwölf bis 15 Milliarden D-Mark sollte die Bundesregierung die DDR stützen. Die Gegenleistung der DDR: Die Grenze sollte bis zum Jahr 2000 durchlässig gemacht werden.

Doch mit dem Fall der Mauer verlor die SED-Spitze die „letzte kreditwürdige Immobilie der DDR“ (Rainer Lepsius), ihr letztes Faustpfand für Verhandlungen. Ende Januar 1990 erkannte die sowjetische Führung, dass ihr Homunkulus DDR nicht länger zu halten war. Gorbatschow gab den Weg zur deutschen Einheit frei.

Der Autor ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

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