Unter Gorbatschow wurden die Dinge anders

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Deutsch-deutsche Geschichte : "Oh wie groß ist dieser Verrat!"
Hans-Hermann Hertle

Früher hatte KPdSU-Chef Leonid Breschnew auch aufgrund solcher Meldungen Erich Honecker noch regelmäßig zur Brust genommen. Doch unter Gorbatschow lagen die Dinge anders. „Unter dem Druck der wirtschaftlichen Faktoren“, hatte der KPdSU-Chef bereits im März 1986 im KPdSU-Politbüro befürchtet, könnte sich die DDR „in die Umarmung durch Westdeutschland werfen“. Schon im Februar 1987 gab er deshalb als Weisung aus: „Die BRD nicht Honecker überlassen!“ Unbeabsichtigt konnte beides – das deutsch-deutsche Gipfeltreffen selbst und seine Denunziation durch die moskautreuen SED-Spitzengenossen – die sowjetische Führung eigentlich nur darin bestärken, sich auf Kanzler Helmut Kohl und die Bundesrepublik als den für die Zukunft der sowjetisch-deutschen Beziehungen wichtigeren Partner umzuorientieren. Der Staatsbesuch wurde umgehend zum Wendepunkt: Die sowjetisch-westdeutschen Beziehungen begannen zu florieren, die deutsch-deutschen Beziehungen stagnierten. Honecker sah sich gleichermaßen von Moskau und Bonn aufs Abstellgleis gedrängt.

Honecker war es schließlich selbst, der mit seiner unnachgiebigen, reformfeindlichen Politik 1989 zunächst die Ausreisewelle und Massenflucht aus der DDR, dann die Massenproteste auf der Straße schürte. Als er auch noch Verfassungsbruch beging und die Nationale Volksarmee in Hundertschaften zum Einsatz gegen das eigene Volk umgruppieren ließ, war das Maß voll. Es war eine der seltsamsten Koalitionen in der Geschichte der SED, die sich Mitte Oktober 1989 zu Honeckers Ablösung zusammenfand. Eine westlich und reformorientierte Gruppe um Planungschef Gerhard Schürer, Außenhandelsminister Gerhard Beil und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski wusste nichts von den jahrelangen Anschwärzungen und Hasstiraden der Moskauer Betonfraktion um Stoph, Mielke und Krolikowski. Diese wiederum war ahnungslos, dass Schürer und Schalck im Einvernehmen mit Honeckers Nachfolger Egon Krenz als letzte Rettung der DDR auf ein „Geheimkonzept für die BRD“ setzten.

Ende Oktober und Anfang November 1989 verhandelte Schalck darüber mit Bundeskanzleramtschef Wolfgang Schäuble und Innenminister Rudolf Seiters. Mit insgesamt rund zwölf bis 15 Milliarden D-Mark sollte die Bundesregierung die DDR stützen. Die Gegenleistung der DDR: Die Grenze sollte bis zum Jahr 2000 durchlässig gemacht werden.

Doch mit dem Fall der Mauer verlor die SED-Spitze die „letzte kreditwürdige Immobilie der DDR“ (Rainer Lepsius), ihr letztes Faustpfand für Verhandlungen. Ende Januar 1990 erkannte die sowjetische Führung, dass ihr Homunkulus DDR nicht länger zu halten war. Gorbatschow gab den Weg zur deutschen Einheit frei.

Der Autor ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

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