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Deutsch-kurdischer Fußballprofi : Deniz Naki auf Autobahn beschossen

Der Wagen von Deniz Naki ist bei Aachen beschossen worden. Der Fußballer ist Kritiker der türkischen Regierung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt - Angriffe auf Kurden gab es immer wieder.

Deniz Naki im jahr 2010 auf dem Spielfeld für Hannover 96
Deniz Naki im jahr 2010 auf dem Spielfeld für Hannover 96Christian Charisius/rtr

Nach Schüssen auf das Auto des deutsch-kurdischen Fußballers Deniz Naki ermittelt die Staatsanwaltschaft Aachen wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Die Tat habe sich in der Nacht zu Montag ereignet. Naki, der 1989 in Düren nahe Aachen geboren wurde, sei am Sonntag nach 23 Uhr auf der A4 Richtung Köln gefahren, als Unbekannte auf seinen Wagen geschossen hätten.
Naki ist nicht nur als Fußballer bekannt, sondern in der türkeistämmigen Community in Deutschland, vor allem aber in der Türkei selbst auch als Kritiker der rechtskonservativen Regierung in Ankara. Der frühere Profikicker des FC St. Pauli spielt beim kurdischen Verein Amed SK in der dritten türkischen Liga. In türkischen Medien wurde am Montag über den Angriff berichtet.

Immer wieder Angriffe auf Erdogan-Kritiker in Deutschland


„Eine Kugel traf mein Auto in der Mitte am Fenster, der andere Schuss landete nahe den Reifen“, sagte Naki in einem Gespräch mit der „Welt“. Er habe sich geduckt und den Wagen auf den Standstreifen gerollt. Naki geht eigener Auskunft zufolge davon aus, dass ein Agent des türkischen Geheimdienstes MIT die Schüsse zu verantworten habe – oder jemand anderes, dem die politische Haltung Nakis nicht passe. Eine Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft sagte, man ermittle in „alle Richtungen“.

Im April 2017 wurde Naki in der Kurdenmetropole Diyarbakir im Südosten der Türkei zu einer Haftstrafe von 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Justiz wirft ihm Propaganda für die PKK vor. Die auch in Deutschland verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK kämpft gegen den türkischen Staat. Nach Friedensverhandlungen zwischen der PKK und Gesandten Erdogans eskalierte der Konflikt auch wegen der Unabhängigkeitsambitionen der in Syrien und Irak unterdrückten Kurden. Naki hatte sich über den Onlinedienst Twitter kritisch zu Aktionen der türkischen Regierung gegen kurdische Kämpfer geäußert.

Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan haben den Fußballer immer wieder als „kurdischen Terroristen“ denunziert. In deutschen Justizkreisen gilt eine Tat rechter Türken als wahrscheinlich. Zuletzt hatten türkische Rechtsradikale – Graue Wölfe genannt – bundesweit Kritiker der Staatsführung in Ankara angegriffen. Die vergleichsweise liberalen Aleviten, eine religiöse Minderheit in der Türkei, PKK-nahe Kurden, aber auch Sympathisanten der linken Oppositionspartei HDP wurden bedroht und geschlagen.

Kurdischer Dachverband: Bundesregierung muss Gefahr ernstnehmen

Zuletzt waren mutmaßliche Agenten des MIT aufgeflogen, die in Deutschland lebende Kurden ausspähten. Zudem war bekannt geworden, dass Anhänger der Grauen Wölfe, die sich hierzulande im Boxclub „Osmanen Germania“ organisierten, Kritiker Erdogans verprügeln wollten. In Hamburg, Bremen, Köln und Stuttgart wird ermittelt. So soll – nach vorläufigen Erkenntnissen – Jan Böhmermann nach seinem Schmähgedicht gegen den türkischen Staatspräsidenten ins Visier von „Osmanen“-Schlägern geraten sein. Der ZDF-Satiriker erhielt monatelang Personenschutz.

Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht sagte am Montag, es müsse schnell aufgeklärt werden, ob türkische Todesschwadrone in Deutschland aktiv seien. In kurdischen Vereinen ist man besorgt. „Kritiker des Erdogan-Regimes sind in Deutschland längst nicht mehr sicher“, sagte der Co-Chef des deutsch-kurdischen Dachverbands NAV-DEM. Es sei zudem bezeichnend, dass Naki, der in Diyarbakir spiele, ausgerechnet in Deutschland angegriffen werde. In der Türkei werde vor reisenden Attentätern gewarnt. „Wir rufen die Bundesregierung ausdrücklich dazu auf, diese Gefahr ernst zu nehmen.“

Schon in den 90ern hatte der Pate der Grauen Wölfe, ein Armeeoberst, in Essen seine Anhänger dazu aufgerufen, sich in Deutschland zu organisieren. Inzwischen sind immer wieder türkische Nationalisten aus deutschen Parteien geflogen. Als der Kurdenkonflikt vor einigen Jahren erneut eskalierte, tauchten Kleinkriminelle in Kutten eines „Turkos MC“ genannten Rockerclubs bei antikurdischen Kundgebungen auf.

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