Politik : Deutsche Jugend: Wer trinkt, trinkt viel

Mehrere Länder bestätigen Berliner Zahlen / Alkohol ist auch ein Problem von Wohlstandskindern

A. Dernbach R. Woratschka

Berlin - Die alarmierenden Berliner Zahlen über frühen Alkoholkonsum sind anscheinend kein Einzelfall: Auch die Daten anderer Bundesländer bestätigen: Zwar trinken immer weniger Jugendliche, aber wer es tut, tut es exzessiv.

So sind auch in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren immer mehr Kinder wegen Alkoholmissbrauchs ins Krankenhaus gekommen. Im Jahr 2001 wurden 392 unter 15-Jährige registriert, 2005 waren es schon 543. Bei den 15- bis 20-Jährigen stieg die Zahl im gleichen Zeitraum von 1504 auf 2647 Fälle. In Berlin hatte am Wochenende Gesundheitsstaatssekretär Hoff (PDS) die neuesten erreichbaren Zahlen veröffentlicht: Demnach mussten 2005 74 Zehn- bis 14-Jährige wegen Alkoholvergiftungen stationär behandelt werden. Ein Jahr zuvor waren es 48.

Auch Bayern, das seit 1995 alle fünf Jahre die Gesundheit seiner jungen Bürger dokumentiert, registriert mehr Kampftrinker. Während sich der Alkoholkonsum insgesamt kaum verändert habe, werde „Rauschtrinken häufiger“, heißt es in der „Jugendgesundheitsstudie“ des Gesundheitsministeriums von 2005. Immerhin „46 Prozent aller Jugendlichen in Bayern“ haben demnach „an mindestens einem Tag innerhalb der letzten 30 Tage fünf alkoholische Getränke wie Bier, Wein oder Spirituosen und mehr hintereinander zu sich genommen“.

Im Westen sieht es kaum anders aus: Nordrhein-Westfalen verfügt nach Aussage des Sozialministeriums nicht über Zahlen, doch die Landeskoordinationsstelle für Suchtprophylaxe bestätigt: Zwar gingen immer mehr Jugendliche „vernünftig mit Alkohol um“, aber das sogenannte „binge drinking“ (englisch für „Gelage“), sei ein wachsendes Problem. Hans-Jürgen Grass von der Koordinationsstelle bestätigt auch eine andere Berliner Tendenz: Alkohol sei nicht nur eine Armendroge. Gesoffen werde sogar „eher in gut situierten Elternhäusern“. In Berlin kamen die meisten alkoholisierten Kinder, die 2005 in Krankenhäusern landeten, aus den bürgerlichen Bezirken Pankow, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof- Schöneberg.

Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung liefert allerdings auch positive Zahlen. Demnach ist der Anteil der Zwölf- bis 17-Jährigen, die regelmäßig trinken, von 20 Prozent 2004 auf 18 Prozent im Folgejahr gesunken. Damit liegt Deutschland allerdings an der Spitze der Industrieländer, wie eine Unicef-Studie kürzlich feststellte: Nur noch in Großbritannien trinken so viele Kinder und Jugendliche wie hierzulande.

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