Politik : Deutscher Helfer in Afghanistan getötet

Mitarbeiter der Welthungerhilfe im Norden erschossen / Heute beschließt der Bundestag Tornadoeinsatz

Ruth Ciesinger

Berlin - Einen Tag vor der Entscheidung im Bundestag über den Einsatz von sechs Tornado-Aufklärungsflugzeugen in Afghanistan ist am Donnerstag ein deutscher Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Deutsche Welthungerhilfe“ (DWHH) in der nördlichen Provinz Sar-e-Pul erschossen worden. Wie die Organisation in Bonn mitteilte, hatten Bewaffnete die Fahrzeuge des deutschen und zweier afghanischer Mitarbeiter überfallen. Die lokalen Helfer wurden demnach wegen ihrer Arbeit für eine ausländische Organisation beschimpft und dann weggejagt. Als sie Schüsse hörten und an den Ort der Überfalls zurückkehrten, lag der deutsche Kollege, dessen Namen die DWHH zunächst nicht öffentlich machen wollte, schwer verletzt am Boden.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte, Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf aus dem schwedischen Wiederaufbauteam in Masar-i-Scharif seien unterwegs zum Tatort.

Es ist der erste deutsche Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der seit dem Sturz der Taliban 2001 in Afghanistan getötet worden ist. Im vergangenen Jahr waren zwei Mitarbeiter der Deutschen Welle ermordet worden, im Jahr 2004 hatten Unbekannte fünf Mitarbeiter der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ getötet. Der Schwerpunkt der Arbeit der DWHH liegt im Osten und Norden Afghanistans, wo die Sicherheitslage als weniger schlecht gilt als im Süden.

Der Bundestag wird heute voraussichtlich mit großer Mehrheit für die Entsendung der Tornados stimmen, die von Mitte April Isaf-Truppen mit Aufklärungsflügen unterstützen sollen. Für Kampfeinsätze sind die Maschinen nicht vorgesehen. Jedoch muss sich Berlin wohl auf weitere Forderungen der Nato- Partner einstellen: Nach Informationen des „Handelsblatts“ haben Norwegen und Kanada bereits nachgefragt, ob die Bundeswehr zusätzlich zu den Tornados auch Wiederaufbauteams in den Süden des Landes schicken könnte. Offiziell gibt es zwar keine Anfrage, betont die Bundesregierung. Die informelle Nachfrage schürt aber die Debatte, ob die Entsendung der Tornados der Nato ausreicht. Auch forderten die USA, Großbritannien oder die Niederlande, deren Soldaten im umkämpften Süden im Einsatz sind, wiederholt einen größeren Beitrag von Ländern wie Deutschland. Die Bundeswehr ist in Afghanistan mit 3000 Mann im Einsatz.

Der Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, kritisierte dagegen die gesamte Afghanistanstrategie der Nato. Dort werde „viel zu wenig getan für den zivilen Aufbau, für wirtschaftliche Entwicklung, für den Aufbau der Polizei“, sagte er: „Die Staatengemeinschaft hat da total versagt.“

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