Deutschland international weit hinten : Zahl der Organspender sinkt geringfügig

Rund 9000 Menschen in Deutschland warten auf eine Organspende. Die Zahl der transplantierten Organe reicht nicht aus. Im Bundestag steht eine Entscheidung an.

Die Zahl der Organspender in Deutschland reicht noch nicht aus.
Die Zahl der Organspender in Deutschland reicht noch nicht aus.Foto: epd

Die Zahl der Organspender in Deutschland hat sich im vergangenen Jahr leicht auf 932 Menschen verringert. Im Jahr davor spendeten noch 955 Menschen und damit 23 mehr nach ihrem Tod eines oder mehrere Organe für eine Transplantation, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Montag in Frankfurt am Main mitteilte.

Den 932 Verstorbenen seien 2995 Organe entnommen worden - insgesamt seien 1524 Nieren, 726 Lebern, 329 Lungen, 324 Herzen, 87 Bauchspeicheldrüsen und fünf Dünndärme gespendet worden. Jeder der Spender habe im Durchschnitt mehr als drei schwerkranken Patienten eine neue Lebenschance geschenkt.

Trotz des Rückgangs bei der Zahl der Organspender äußerte sich die Stiftung positiv. Es habe sich damit nach dem deutlichen Anstieg der Organspenderzahlen im Jahr 2017 die damalige Entwicklung konsolidiert. „Statistisch gesehen sind das Schwankungen, keine große Änderung“, sagt Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. Wichtig sei, dass der deutliche Anstieg im Jahr 2018 kein Ausreißer gewesen sei. Mit einer Rate von 11,2 Organspendern auf eine Million Einwohner sei Deutschland allerdings weiterhin eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich.

In Deutschland sind derzeit mehr als 9000 Menschen dringend auf eine Organspende angewiesen, weil ihr Körper nicht mehr hundertprozentig funktioniert. Alljährlich verschlechtert sich der Gesundheitszustand bei mehr als 1000 der Patienten auf den Wartelisten so sehr, dass entweder keine Transplantation mehr möglich ist - oder sie sterben sogar. Die großen Skandale um manipulierte Wartelisten sind schon einige Jahre her, die Einstellung der Deutschen ist laut Umfragen so positiv wie nie. Dennoch mangelt an geeigneten Spendern.

Bundestag stimmt am Donnerstag über Organspende ab

Viel versprechen sich die meisten von einer Abstimmung, die an diesem Donnerstag im Bundestag ansteht: Dann geht es auch um die sogenannte Widerspruchslösung. Zwei fraktionsübergreifende Gesetzentwürfe liegen vor: Eine Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schlägt eine „doppelte Widerspruchslösung“ vor. Demnach sollen automatisch alle Bürger als Organspender gelten. Man soll dazu aber später Nein sagen können, ansonsten wäre auch noch bei Angehörigen nachzufragen. Dies lehnt eine Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock ab. Sie schlägt vor, die Bürger mindestens alle zehn Jahre beim Ausweisabholen auf das Thema anzusprechen.

Rahmel sagt, die Widerspruchslösung würde dazu führen, dass sich jeder mit dem Thema auseinandersetzen müsse. „Mehr als 40 Prozent der ablehnenden Entscheidungen werden heute von Angehörigen getroffen, die gar nicht wissen, was der Verstorbene wollte.“ Allerdings warnt er auch: „Die Widerspruchslösung ist nur ein Baustein. Dadurch werden sich nicht von einem auf den anderen Tag die Zahlen verdoppeln.“

Bisher sind Organentnahmen nur bei einem ausdrücklichen Ja zulässig. Philosoph Dieter Birnbacher, Mitglied der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, meint, die Quote an Verweigerungen der Angehörigen hänge mit den jeweiligen Einstellungen in den Ländern zusammen. „In Deutschland herrscht in Bezug auf die High-Tech-Medizin immer noch eine Misstrauenskultur“, so Birnbacher. „Es wäre insofern gut, wenn sich mehr potenzielle Spender zu Lebzeiten äußern würden.“

Ein zweiter Punkt ist wichtig: Der Tod des Menschen muss durch Nachweis des unwiderrufbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms zweifelsfrei feststehen. Zwei Ärzte prüfen das unabhängig voneinander. Beispielsweise ist in Spanien die Organspende nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand möglich, in Deutschland aber nicht erlaubt. „Das ist ein relativ dickes Brett und hat ganz eigene ethische Herausforderungen“, sagt Rahmel dazu.

Ist ein passender Empfänger gefunden, kommt es auf Zeit an: „Einige Organe lassen sich nur für kurze Zeit konservieren, ein Herz beispielsweise nur für vier Stunden“, heißt es bei der DSO. Bei einer Niere könnten mehr als 20 Stunden bis zur Transplantation vergehen.

Rund 1300 sogenannte Entnahmekrankenhäuser gibt es in Deutschland. Birnbacher sieht auch hier ein Problem, weil die große Zahl dazu führe, dass zu wenige Transplantationen pro Intensivstation anfielen und zu wenig Expertise bestehe. Eine Konzentration und Spezialisierung, wie sie etwa in Dänemark verwirklicht worden sei, sei deshalb wünschenswert. „Dem stehen allerdings lokale Interessen entgegen“, so Birnbacher. „Ich halte die Konzentration allerdings für unausweichlich, nicht nur im Patienteninteresse, sondern auch wegen der Probleme der Finanzierbarkeit des bestehenden Systems.“ (AFP, dpa)

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