• Die Achtlosigkeit der Westler: CDU und CSU mangelt es an Wertschätzung für Ostdeutschland

Die Achtlosigkeit der Westler : CDU und CSU mangelt es an Wertschätzung für Ostdeutschland

Die Trauerfeier für Manfred Stolpe führt beispielhaft vor Augen, wie die Union das Befinden der Ostdeutschen immer noch ignoriert. Ein Kommentar.

Gedenkfeier zum Tod von Manfred Stolpe
Gedenkfeier zum Tod von Manfred StolpeFoto: Ottmar Winter / PNN

Sind wir darin einig, dass dies ein besonderes Jahr ist, das Jahr 30 der deutschen (Wieder-)Vereinigung? Ja? Dann geht es doch wohl darum, in diesem Jahr deutlich zu machen, wie wichtig wir einander nehmen, West- und Ostdeutsche.

Nur aus beiderseitigem Respekt erwächst Gemeinsamkeit; eine, die aber auch deshalb aus Sicht Vieler noch nicht erreicht ist, weil es die Westler an Respekt gegenüber den Ostlern mangeln lassen.

Das ist die Klage dieser Tage: Ihr hört nicht zu, ihr interessiert euch nicht, ihr wollt euch immer durchsetzen – und kein Stück der Macht abgeben. Das mögen die Westdeutschen nicht gerne hören; wer will das schon.

Aber blicken wir auf die Statistiken, dann zeigt sich: Es gibt Grund zur Klage. Ob in Behörden, Ministerien, Hochschulen, wo es darauf ankommt, findet sich das Ostdeutsche nur in Spurenelementen. Und das in Ostdeutschland. Von Westdeutschland gar nicht zu reden.

Wer hat wirklich geglaubt, dass es ohne Schmerzen geht?

Kein Wunder, dass der Ton rauer wird, wo doch die Nervenenden auch aufgeraut sind. Auf Podiumsdiskussionen sagen sie es, die Ostler, ganz deutlich. Und die Antworten sind wie? Hilflos, weil Abhilfe so schwierig ist. Dennoch müssen sich die Gutwilligen, die Besserwissenden darauf verpflichten, damit wirklich eins wird, was sich wieder zu entzweien beginnt.

Wer hat glauben können, dass die zwei deutschen Staaten, die Jahrzehnte nebeneinander existierten, noch dazu derart unterschiedlich, einfach so zusammenwachsen, ohne dass es Schmerzen gibt?

Darum ist Achtlosigkeit von Übel. Darum gilt es, möglichst jede Gelegenheit mit Bedacht zu nutzen, damit Zeichen gesetzt werden. Es gibt eine Formel für gelingende Kommunikation. Sie lautet: Echtheit mal Empathie mal Wertschätzung. Wertschätzung!

Womit wir bei der Trauerfeier für Manfred Stolpe wären, die gerade in Potsdam stattgefunden hat. Wäre es für manche Politiker aus dem Westen auch schwierig, Wertschätzung deutlich zu machen, vielleicht auch nur, weil die Kenntnis fehlt – es ist zugleich eine Frage des politischen Geschicks, sich zumindest darin zu versuchen.

Eine große Chance verpasst

Da hat der unionsgeführte Teil der Bundesregierung, der in diesem besonderen Jahr amtierenden, eine große Chance ausgelassen, sie fast schon missachtet. Denn keiner von den großen Aktiven aus CDU oder CSU war anwesend, keine Annegret Kramp-Karrenbauer, kein Horst Seehofer, kein Andreas Scheuer; ja, auch der hätte kommen können, als Nachfahre Stolpes im Amt des Bundesverkehrsministers. Keine Vorsitzende, kein Generalsekretär, niemand. Von Angela Merkel, die in Brandenburg aufgewachsen ist, einmal zu schweigen.

Warum sie hätten kommen sollen, nicht allein alte Wegbegleiter? Weil wir „vielleicht zu schnell ad acta gelegt haben, was in den Jahren nach 1990 als fundamentaler sozialer Umbruch in Ostdeutschland, aber eben auch als grundlegender Wandel der alten Bundesrepublik zu verdauen war“.

Das hat der Bundespräsident gesagt, Frank-Walter Steinmeier. Ein Westler. Ein von Stolpe angelernter Brandenburger. Ein Sozialdemokrat.

Stolpe war aber nicht nur für Steinmeier wichtig, sondern für die Identität der Ostdeutschen im vereinten Land insgesamt. Man muss ihn nicht einmal mögen, um doch seine Rolle zu würdigen: als „Präsident Ost“, als politische Persönlichkeit von überragender Bedeutung für die innere Einheit.

Stolpes Worte sind immer noch brandaktuell

Die Bundespräsident hat an das Schockartige des sozialen Umbruchs für die zahllosen Menschen erinnert, die ihren Arbeitsplatz verloren, überhaupt alles, was ihre Sicherheit ausmachte. Wer Steinmeiers Worte über den damaligen Präsidenten Ost gehört hat, der gemeinsam mit Regine Hildebrandt warnte, die Selbstachtung der Vielen nicht gering zu schätzen, der hat mehr verstanden von der aktuellen Lage. Ob Sozial- oder Christdemokrat oder CSUler.

Um das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen in der neuen deutschen demokratischen Bundesrepublik geht es immer noch, genauer: wieder mehr im Jahr 30 der Einheit. Der Aufbau Ost ist, gemessen an Ansiedlungen und Arbeitsplätze, vorangekommen.

Aber einen Vorsprung Ost, den mag der Westen erkennbar nicht zulassen. Stolpes warnende Worte über die Folgen nachwirkender Verletzungen, die Steinmeier den Anwesenden ins Gedächtnis rief, sind vor dem Hintergrund brandaktuell: weil sie von einer Generation auf die nächste übergehen.

„Die ostdeutschen Geschichten sind noch immer kein selbstverständlicher Teil unseres gesamtdeutschen Wir geworden. Wir können es im dreißigsten Jahr der Einheit als ein Vermächtnis Manfred Stolpes begreifen, dies zu ändern.“ Sagte der Bundespräsident. Das hätte eine hören sollen, die, weit aus dem Westen, Bundeskanzlerin werden will.

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