Die Bahnhofs-Mission : In Berlin soll endlich ein Museum für Berlins Exilanten entstehen

Ein Museum, das an die Exilanten der NS-Zeit erinnert, gibt es bisher nicht. Jetzt ist es in Berlin am Anhalter Bahnhof in Planung.

Finanziert wird das Team der „Stiftung Exilmuseum“ bisher von Bernd Schultz (Dritter von rechts). Christoph Stölzl (links daneben) ist der Gründungsdirektor. Mit dabei vorm künftigen Museumsort Anhalter Bahnhof (von links): Stiftungsvorstände André Schmitz und Kai Drabe sowie Beraterin Ruth Ur. Rechts neben Schultz Projektleiterin Meike-Marie Thiele und außen Kuratorin Cornelia Vossen.
Finanziert wird das Team der „Stiftung Exilmuseum“ bisher von Bernd Schultz (Dritter von rechts). Christoph Stölzl (links daneben)...Foto: Mike Wolff

Christoph Stölzl liebt solche Fragen und die sich dahinter öffnenden Geschichten: „Wissen Sie, wer eigentlich die Shopping Mall erfunden hat, die Urmutter aller modernen Einkaufszentren?“

Der ehemalige Berliner Kultursenator und zuvor erste Direktor des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden ist Mitte siebzig, aber er sprüht voll Verve und schlägt beim Frühstück in einem Ku’damm-Café gleich die nächste Volte. „Ist es nicht toll, dass die Grundidee für W-Lan und Bluetooth von einer der schönsten Filmschauspielerinnen des Zwanzigsten Jahrhunderts stammt?“

Toll ist das alles schon. Aber die Fragen bergen auch eine traurige, wenn nicht tragische Seite. Denn wir sprechen über das geplante Exilmuseum Berlin, dessen Gründungsdirektor Stölzl nun ist.

Dort sollen die eben angespielten Geschichten mit Tausenden anderen gesammelt, erinnert, veranschaulicht werden. Der Erfinder also der Shopping Mall war der aus Wien 1938 in die USA emigrierte Architekt und frühere politische Kabarettist Victor Gruen. Geboren als Victor David Grünbaum muss er mit seiner jüdischen Familie vor den Nazis fliehen. In Amerika denkt er als urbanistischer Pionier schon Ende der 1940er Jahre an autofreie Innenstädte und beginnt, in der grünen Peripherie Einkaufsmöglichkeiten, familiäre Freizeit und Kulturangebote miteinander zu verbinden.

Nacktszenen in „Ekstase“

Später erschreckt ihn freilich die kommerzielle Verunstaltung seiner stadtplanerischen Ideen; dafür initiiert Gruen dann in seiner ehemaligen Heimatstadt Wien auf der Kärntner Straße zwischen Oper und Dom die erste Fußgängerzone Mitteleuropas. Zuvor aber hatte ihm die Wiener Architektenkammer 1967 noch den Berufstitel „Architekt“ aberkannt. Weil er seine letzten Examen durch die Flucht „verabsäumt“ habe.

Die gleichfalls vor der Verfolgung der Juden über Paris und London in die USA geflüchtete Schauspielerin Hedy Lamarr hieß ursprünglich Hedwig Kiesler. Sie erregte schon in Europa zu Beginn der 1930er Jahre Aufsehen durch ihre selbstbewussten Nacktszenen im Kinowerk „Ekstase“. Doch als Hollywoodstar entwickelt sie bei der innovativen Tonspurbearbeitung eines Musikfilms eine 1942 patentierte Möglichkeit zur lochstreifenbasierten Funksteuerung, auch von Schiffstorpedos. Das Verfahren hilft im Seekrieg gegen Hitlers Marine und liefert elektronische Vorstufen für W-Lan und Bluetooth.

Anders als die Namen der großen Exilanten Albert Einstein, Thomas Mann, Hannah Arendt, Bert Brecht oder Sigmund Freud sind Victor Gruen und Hedy Lamarr zwei kaum noch erinnerte Exempel: für den ab 1933 aus Deutschland und von den Deutschen aus weiten Teilen Europas vertriebenen Geist. Für den bis heute nachwirkenden Verlust an Menschen, Kultur, Zivilisation. Das Schlimmste bleibt der millionenfache Mord. Zudem jedoch bezeichnet die (oft nur vorübergehende) Rettung ins Exil eine noch offene Wunde. Offen auch, weil in der weiten Landschaft des Erinnerns durch Museen und Mahnmale, Bibliotheken und Archive eben das noch fehlt: ein wirklich zentraler Anschauungsort zum historischen Thema „Exil“.

Ein Backsteinportal und ein staubiger Platz

Dieser Ort soll der Anhalter Bahnhof werden. Genauer gesagt: das als Ruine übriggebliebene Backsteinportal und ein staubiger Freiplatz direkt dahinter, auf der Scheide zwischen Kreuzberg und Berlin-Mitte. Bis zur Zerstörung im Krieg und dem folgenden Abriss hatte sich von hier bis hin zu den heute am Horizont aufragenden Betonzipfeln des Tempodroms Berlins größter Bahnhof erhoben. Eines der majestätischsten Hallenbauwerke Europas.

Doch die vom Takt der tausend Züge geprägte Symphonie der Großstadt ist längst verklungen. Ausgelöscht auch jede Spur, dass von hier unzählige Bahnreisende auf dem Weg ins Exil einst Abschied von ihrer Heimat nahmen. Bald darauf, von Juni 1942 bis Ende März 1945, wurden vom Anhalter Bahnhof Berliner Juden in die Ghettos und Konzentrationslager deportiert. „Abfahrt 6.07 Uhr Gleis 1“, verrät dazu eine halb umgestürzte, halb verblichene Infotafel am Ruinenportal.

Jetzt dösen dort ein paar Alkis auf maroden Holzbänken in der Frühlingssonne oder rasten mit ihren Tüten vom nahen Discounter beladene Rentnerinnen. Der Platz ruft allemal nach Erweckung. Sie könnte nahen, wenn für das auf diesem Areal geplante Exilmuseum in nächster Zeit ein internationaler Architekturwettbewerb ausgelobt wird.

Ausgelöst hat das die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Die vor drei Jahrzehnten selbst aus der rumänischen Ceausescu-Diktatur nach Berlin emigrierte Schriftstellerin schrieb 2011 einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin, in dem es hieß: „Nirgends in diesem Land gibt es einen Ort, an dem man den Inhalt des Wortes Exil an einzelnen Schicksalen entlang darstellen kann. Das Risiko der Flucht, das verstörte Leben im Exil, Fremdheit, Angst und Heimweh. (…) In einem Exilmuseum könnten sich die jüngeren Deutschen ein Bild machen. Es wäre Erziehung zur Anteilnahme.“

Ein Picasso lehnt am Boden

Herta Müller ist die Schirmherrin des künftigen Museums, und ihr zur Seite getreten ist soeben Ex-Bundespräsident Joachim Gauck. Hinter allem aber spannt den finanziellen wie ideellen Schirm Bernd Schultz. Der heute 77-jährige Gründer des Auktionshauses Villa Grisebach hat das Exilmuseum zu seiner „Herzensangelegenheit“ gemacht – und zum Projekt zivilgesellschaftlichen Engagements. Weil der Bund und der Berliner Senat Herta Müllers Appell so noch nicht gefolgt sind.

Besuch bei Bernd Schultz im Turmstübchen der Gründerzeitvilla Grisebach, das sein elegantes Refugium ist, mit schrägen Wänden, Lederfauteuil, tiefen Sesseln und einem langen Schreibtisch, dahinter eine Reihe schöner Frauenbilder, gezeichnet von Schiele, Kokoschka, Hanna Höch. Überall Kunst. Ein Picasso lehnt am Boden, daneben eine Figurenskizze von Andy Warhol, die einem lässigen Abbild von James Dean gleicht: „Unsere Jugend!“, meint Schultz mit einem Lächeln, das gar nicht wehmütig wirkt.

„Ich blicke immer nach vorn“, sagt der grauhaarige Herr im dunklen, feinen Zwirn. Unter dem Titel „Abschied und Neuanfang“ hat Schultz zuletzt in seinem Auktionshaus einen beträchtlichen Teil der eigenen Kunstsammlung versteigert, gut 350 Zeichnungen aus fünf Jahrhunderten, in mehr als fünf Jahrzehnten zusammengetragen. Den Erlös, fast sechs Millionen Euro, hat er in seine „Stiftung Exilmuseum Berlin“ eingebracht, mit der er das Projekt bislang finanziert.

„Ich bin seit 1965 Kunsthändler und habe bei hunderten Reisen in New York, in Kalifornien, London und überall auf der Welt unzählige Emigranten kennengelernt, ihre Sammlungen, ihre Verluste, ihre Schicksale – und was wir ihnen verdanken und schulden. Das Exil gehört zum kollektiven Gedächtnis der Deutschen.“ Kurze Pause. „Aber wer weiß noch, dass Lucian Freud ein gebürtiger Berliner war?“

Ein Unort, der nach neuem Leben ruft

Schultz erwähnt den Enkel von Sigmund Freud, der bis zu seinem Tod 2011 in London als berühmtester Porträtmaler der Gegenwart galt, und ganz als Brite. Auch in dieser Erwähnung steckt eine Exil-Geschichte, wobei die Frage im pointierten Stil eines Christoph Stölzl daherkommt. Beide verbindet die Leidenschaft für das Thema. Als der Fotograf Stefan Moses im Jahr 2013 seine berühmte Bild-Sammlung „Deutschlands Emigranten“ zu einem Fotoband vereint, schreibt Stölzl das Vorwort. Und Schultz kauft sogleich einen Teil der Auflage auf und verschickt das Buch zweitausendfünfhundert Mal mit jeweils handschriftlicher Anrede an Freunde, Klienten, Meinungsbildner.

Drei Jahre später folgt auf Anregung von Herta Müller im neben der Villa Grisebach gelegenen Berliner Literaturhaus eine Tagung zum Thema Exilmuseum, bei der Stölzl spontan den Anhalter Bahnhof ins Spiel bringt. Als den Unort, der nach neuem Sinn und Leben ruft.

Dort soll bis zum Jahr 2025 ein multimediales Panorama für ein Stück Menschheitsgeschichte entstehen: auf etwa 4000 Quadratmetern Gesamtfläche, mit weltweit gesammelten, vor allem audiovisuellen Zeugnissen sowie selbst erstellten Dokumentationen.

Hierzu gehören die derzeit von Mitarbeitern geführten Video-Interviews mit noch lebenden Exilanten. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Aussage des bald 98-jährigen Georg Stefan Troller, der als Frankreichkorrespondent im deutschen Fernsehen die TV-Reportage einst zum künstlerischen Autorenfilm gemacht hat („Pariser Journal“). Troller, gebürtiger Wiener, im Kriegsexil zunächst GI der US-Army geworden, lebt in seinem Domizil mit Blick auf den Eiffelturm nach einem Menschenalter noch immer: existenziell „entheimatet“.

„Seelengeschichte“ und Alltagserfahrungen

Darum soll das Museum nach Stölzls Worten ein Ort auch der „Seelengeschichte“ werden. Wobei es nicht nur um die prominenten Schicksale geht. Einer der externen Berater ist der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, der bereits 1993 den Band „Das Exil der kleinen Leute“ herausgegeben hat. Über Alltagserfahrungen derer, „denen wir“, so Stölzl, „wieder ein Gesicht und ihre Geschichte geben wollen“.

Jetzt freilich muss Stölzl, nach dem Cappuccino im Ku’damm-Café, schon wieder weg und flitzt in knallroten Jeans, kariertem Sacco, Hemd mit Fliege und Rucksack auf dem leicht gebeugten Rücken zum nahen S-Bahnhof Charlottenburg. Stölzl ist in seinem, wie er sagt, „zweiten Leben“ gerade Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und muss den Zug für eine Gremiumssitzung dort kriegen. Sein drittes Leben wäre dann wieder in Berlin. Als Direktor des allerneuesten historischen Museums.

Das Gründungsbüro, Sitz der Stiftung Exilmuseum, liegt im zweiten Stock eines Altbaus am Wilmersdorfer Ludwigkirchplatz. Vier hohe lichte Räume, in denen ein fünfköpfiges Team um die Projektleiterin Meike-Marie Thiele und die Kuratorin Cornelia Vossen in Absprache mit Christoph Stölzl arbeiten.

Thiele war einst Assistentin der Berliner Kunsthistoriker-Koryphäe Horst Bredekamp und hat Ausstellungen im Gropius-Bau mitbetreut, Vossen realisierte zusammen mit Stölzl vor drei Jahren im Max-Liebermann-Haus am Brandenburger Tor eine fulminante Ausstellung über den Kulturimpresario und Dandy Harry Graf Kessler, deren szenografische Raffinesse im Wechselspiel zwischen wenigen realen Exponaten und einer reichen visuellen Veranschaulichung ein Vorbild sein soll für die künftige Darstellung des Exils.

Einziger Schmuck und Symbol sind hier an den Wänden aus Bernd Schultz’ Besitz die schwarzweißen Originalfotos, die Stefan Moses von „Deutschlands Emigranten“ gemacht hat. Thomas Mann, Willy Brandt, der einst für die Frankfurter Auschwitz-Prozesse kämpfende Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, das Philosophenpaar Ernst Bloch und Theodor Adorno, die aus Berlin gebürtige Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim oder der selbst in Amerika noch an seinen bayrischen Lederhosen hängende Autor Oskar Maria Graf.

Das Bezirksamt ist dafür

Graf lässt in seinem New-York-Roman „Die Flucht ins Mittelmäßige“ einen trunksüchtig gewordenen Exilanten sagen: „Unsere beste Lebenszeit hat uns die Hitlerei gestohlen, ganz gleich, ob im KZ oder sonst wie...!“

Allen Beteiligten des Projekts Exilmuseum geht es um diese Zeit als Exempel. Das soll den Unterschied markieren zu der staatlichen „Stiftung Flucht und Vertreibung“, die nach langen politischen Querelen im noch immer umgebauten ehemaligen „Deutschlandhaus“ gleich schräg gegenüber dem Anhalter Bahnhof vornehmlich „die Geschichte von Millionen Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs“ dokumentieren möchte. Eine ergänzende Zusammenarbeit, auch im Reflex auf gegenwärtige Migrationen, ist mit der staatlichen Stiftung freilich ebenso wie mit zahlreichen anderen Institutionen geplant.

Der einstige Bahnhof als Ort des „Transits“. Und der Verbindung auch zur unweit gelegenen „Topographie des Terrors“ auf dem früheren Gestapo-Gelände oder dem Martin-Gropius-Bau als Haus legendärer Ausstellungen. Zu ihnen gehörte vor zwei Jahren auch die Präsentation der Handschrift des „Process“-Romans von Franz Kafka.

Um die Ecke des Anhalter Bahnhofs und des Askanischen Platzes, heute Sitz des Tagesspiegels, lag einst Kafkas bei Berlin-Besuchen bevorzugtes Hotel „Askanischer Hof“, jetzt ein moderner Versicherungsbau. Just dort erfolgte 1914 auch die Initialzündung für den bis heute berühmtesten Roman der modernen Weltliteratur. Das Manuskript hatte Kafkas Prager Freund und literarischer Nachlassverwalter Max Brod 1939 nur Stunden vor seiner eigenen Verhaftung durch die Flucht nach Palästina gerettet. Jetzt hängt das Foto von Brod, das Stefan Moses 1961 in Tel Aviv aufgenommen hat, im Flur der Exilmuseums-Stiftung. Im Durchgang. Transit.

Das Universum des Exils nach 1933 umfasste alle Kontinente. Zuständig aber für den Anhalter Bahnhof ist als Grundstückseigentümer der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Die Bezirksverordnetenversammlung hat für das Museum eine Änderung des Bebauungsplans, der nur Grünflächen vorsah, beschlossen. Kulturstadträtin Clara Herrmann erklärt: „Das Bezirksamt steht geschlossen hinter dem Projekt.“

40 Millionen Euro Baukosten

Neben einigen kommunalrechtlichen Abstimmungen erwartet die Stiftung Exilmuseum jetzt noch den Bescheid des Berliner Landesdenkmalamts, aber der neue Landeskonservator Christoph Rauhut signalisiert im Gespräch mit dem Tagesspiegel bereits seine Zustimmung. Er hält es auch für denkbar, dass die künftige Architektur das ikonische Portal mit einbezieht, „ähnlich wie beim Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“. Rauhut sagt: „Das verbliebene Fragment kann so viel über die Geschichte Berlins und Deutschlands erzählen.“

Es fragt sich nur, ob das Museum überhaupt auf Dauer als Privatinitiative getragen werden könnte. Man rechnet allein mit etwa 40 Millionen Euro Baukosten. Berlins Ex-Kulturstaatssekretär André Schmitz glaubt als Vorstand der Stiftung ebenso wie Bernd Schultz an erhebliche Spenden, wenn erst einmal ein Architekturentwurf vorliegt. Schmitz spricht von einem „exemplarischen Funktionieren der Zivilgesellschaft“ und rühmt, dass Schultz seit 2017 bereits jährlich „für 400- bis 600000 Euro laufende Kosten“ aufkomme. „Aber das kann natürlich nicht endlos so weitergehen.“

Auch Joachim Gauck als neuer Schirmherr kann sich kaum vorstellen, dass Berlins und Deutschlands Exilmuseum „nicht zur öffentlichen Gemeinschaftsaufgabe“ wird. Die für die Erinnerungskultur stets engagierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters will mit Blick auf eine Beteiligung des Bundes erst einmal konkrete Bau- und Kostenplanungen abwarten. Aber sie sagt: „Ich bin beeindruckt vom bürgerschaftlichen Geist der Stiftung Exilmuseum.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar