Politik : Die Flucht vor uns selbst

Von Peter von Becker

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Der Erfolg gibt den Fernsehmachern erst einmal recht. Natürlich hat der zweiteilige ARD-Film „Die Flucht“ nicht nur wegen einer fast beispiellosen Voraus- und Begleitwerbung zur besten Sendezeit ein Rieseninteresse erregt. Das Thema Flucht und Vertreibung, von dem am Ende des Weltkrieges zwölf Millionen Deutsche betroffen waren, hat Schicksale weit über diese Zahl hinaus geprägt. Durch menschliches Leid, den Verlust der Heimat – und dann auch durch die Herausforderungen des Neuanfangs.

Das Leid ist, wie alle Schrecken und Schmerzen der NS-Diktatur und des von den Deutschen entfachten Krieges, unzählbar. Aber nicht unerzählbar. Längst sind auch die Opfer der deutschen Zivilbevölkerung kein anrüchiges Spezialthema mehr von Revanchisten oder nur Gegenstand geschichtsblinder Aufrechnung. Günter Grass’ Novelle „Im Krebsgang“, Jörg Friedrichs Studie zum alliierten Bombenkrieg („Der Brand“) oder der Fernsehfilm „Dresden“ sind viel diskutierte Beispiele. Darüber hinaus wird das Thema Vertreibung inzwischen als ein Stück europäischer Schlüsselgeschichte des 20. Jahrhunderts begriffen. Im deutschen Verhältnis zu Polen oder Tschechien ist es eben diese Erkenntnis, die das Gespräch über das Vergangene, trotz aller gegenseitiger Empfindlichkeiten, in eine gemeinsame Zukunft öffnet.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Begleitmusik zur eben gesendeten „Flucht“ freilich sehr bombastisch. Es wurde ein Tabubruch suggeriert, doch anders als etwa bei der TV-Soap „Holocaust“ in den 70er Jahren gab es zuvor keine Spirale des Verschweigens. Die Erlebnisse der Flucht, vor allem der Mut der mit Kindern und Koffern beladenen Mütter, gehörte in Millionen Familien zum festen, den Nachgeborenen immer wieder ausgemalten Bestand der eigenen Überlieferung. Man wollte dies vor der Wende im meinungsbildenden bundesdeutschen Milieu – also außerhalb der Vertriebenenverbände – nur nicht zum Instrument der Selbstrechtfertigung oder zum Hindernis einer Politik der Versöhnung machen. Für die Betroffenen mag sich diese Zurückhaltung allerdings manchmal auch feige und taktisch, ja: mitleidlos ausgenommen haben.

Hat „Die Flucht“ nun aber den großen, nachhaltigen Mut bewiesen? Der Zweiteiler zeigt ein filmtechnisch gut gemachtes Schnee- und Eisdrama im Kriegswinter 1945. Doch wie die Landschaften, wie die Orte der verlorenen ostpreußischen Heimat zuvor schon sonderbar leblos, kulissenhaft erscheinen, so sind die Menschen kaum je Individuen mit menschlichen Widersprüchen. Sondern gestanzte Rollen-Träger: eher Scherenschnitte und Typen als leibhaftige Wesen.

Preußische Junker sind hagestolz, preußische Jungfern aus Edelholz; Nazis erscheinen als brutale oder schleimige Knallchargen, kriegsgefangene „ Fremdarbeiter“ als stolz und gerecht, in den Dialogen knistert Papier („Hier kommt der stellvertretende Gauleiter“). Den russischen Vergewaltiger wiegt sofort eine Seele von Rotarmist auf, für ein gestorbenes Kind wird gleich ein neues geboren, und wie die Heldin von „Dresden“ ihren Engländer, so liebt auch die von Maria Furtwängler gespielte gräfliche Mutter Courage im französischen Fremdarbeiter den noblen Gegner – nie den Feind. Das alles ist keine Kunst, es ist nur das Schema einer quotenschielenden Political Correctness.

Wer aber die Guten und die Schlechten immer ganz reißbretthaft trennt und am Ende der „Flucht“ im Nachkriegsdeutschland alle bösen Nazis oder starrsinnigen Junker schon sterben lässt, der lügt. Weil er als Wahrheit ausblendet: dass die neue Bundesrepublik von beiden zusammen aufgebaut wurde. Von Tätern und Opfern, von Menschen, in denen sich Stärken und Schwächen als Widersprüche wie in allen Völkern mischen. Das zu sehen und zu senden war, als noch mehr Mut dazugehörte, das deutsche Fernsehen mit Filmen wie „Heimat“ und „Das Boot“ schon erfolgreich weiter. Das deutsche Kino ist es mit dem „Leben der Anderen“ sowieso. Nur die falsche Ausgewogenheit, ob öffentlich-rechtlich oder privat, führt im Leitmedium der Gesellschaft zu einer verkrampften Möchtegern-„Normalität“. Führt zur Flucht vor sich selbst.

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