Die Folgen von Datenarmut : Für das Recht, gesehen zu werden!

In Industriestaaten diskutiert man über die Privatsphäre im Netz. Dabei leben weltweit Milliarden Menschen ohne Daten - und dadurch unsichtbar. Ein Gastbeitrag

Anne-Marie Slaughter Yuliya Panfil
Migranten in Bihac, Bosnien und Herzegowina.
Migranten in Bihac, Bosnien und Herzegowina.Foto: Marko Djurica/Reuters

Anne-Marie Slaughter ist Vorsitzende des Thinktanks New America. Yuliya Panfil ist Senior Fellow und Leiterin des „Future of Property Rights“-Programms von New America. Copyright: Project Syndicate, 2019.

Während ein Großteil der entwickelten Welt sich zu Recht Sorgen um die unzähligen Datenschutzverletzungen durch Big Tech macht und ein „Recht auf Vergessenwerden“ für den Einzelnen fordert und sicherstellt, stellen viele auf der ganzen Welt eine ganz andere Frage: Was ist mit dem Recht, gesehen zu werden?

Fragen Sie einfach die Milliarden Menschen, die von Dienstleistungen ausgeschlossen sind, die wir für selbstverständlich halten -Dinge wie ein Bankkonto, eine Besitzurkunde für ein Haus oder sogar einen Mobilfunkvertrag-, weil ihnen Ausweispapiere fehlen und sie daher nicht beweisen können, wer sie sind. Sie sind aufgrund schlechter Daten praktisch unsichtbar.

Die Fähigkeit, viele unserer grundlegendsten Rechte und Privilegien auszuüben - wie das Recht zu wählen, zu fahren, Eigentum zu besitzen und um die Welt zu reisen - wird von großen Verwaltungsbehörden bestimmt, die sich auf standardisierte Informationen verlassen, um festzustellen, wer wofür infrage kommt. Um beispielsweise einen Reisepass zu erhalten, ist es in der Regel notwendig, eine Geburtsurkunde vorzulegen. Aber was ist, wenn Sie keine Geburtsurkunde haben? Für die Eröffnung eines Bankkontos ist ein Adressnachweis erforderlich. Aber was ist, wenn Ihr Haus keine Adresse hat?

Ein Hindernis für Stabilität, Wohlstand und Chancen

Die Unfähigkeit, solche grundlegenden Informationen zu liefern, ist ein Hindernis für Stabilität, Wohlstand und Chancen. Unsichtbare Menschen sind von der offiziellen Wirtschaftswelt ausgeschlossen, können nicht wählen, reisen oder Zugang zu medizinischen und Bildungsleistungen erhalten. Dabei ist es nicht so, dass sie unwürdig oder unqualifiziert sind. Sie sind datenarm.

In diesem Zusammenhang könnte die umfangreiche digitale Aufzeichnung unserer Smartphones und anderer Sensoren zu einem mächtigen Werkzeug für Gutes werden – solange die Risiken erkannt werden. Eben diese Geräte, die für unser soziales und wirtschaftliches Leben zentral geworden sind, hinterlassen eine Datenspur, die der Rohstoff für das ist, was die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff „Überwachungskapitalismus“ nennt.

Unsere Google-Standorthistorie zeigt genau, wo wir wohnen und arbeiten. Unsere E-Mail-Aktivitäten offenbaren unsere sozialen Netzwerke. Die Art und Weise, wie wir unser Smartphone halten, kann erste Anzeichen von Parkinson verraten.

Die virtuelle Spur hilft im realen Leben

Aber was wäre, wenn die Bürger die Macht dieser Daten für sich selbst nutzen könnten, um für die administrativen Torwächter sichtbar zu werden und Zugang zu den Rechten und Privilegien zu erhalten, auf die sie Anspruch haben? Ihre virtuelle Spur könnte dann in einen Beweis für physische Fakten umgewandelt werden.

Das beginnt sich zu entwickeln. In Indien nutzen Slumbewohner Smartphone-Lokalisierungsdaten, um sich zum ersten Mal auf Stadtplänen zu präsentieren und sich für Adressen zu registrieren, mit denen sie dann Post erhalten und sich für Regierungsausweise registrieren können. In Tansania nutzen die Bürger ihre mobilen Zahlungsverläufe, um ihre Kreditwürdigkeit zu erhöhen und Zugang zu traditionelleren Finanzdienstleistungen zu erhalten. Und in Europa und den Vereinigten Staaten kämpfen Uber-Fahrer für Daten ihres Mitfahrdienstes, um sich für Leistungen vom Arbeitgeber einzusetzen.

Aber es könnte noch viel mehr getan werden. Beispielsweise können Leute, deren Haus von einem Sturm zerstört wurde, oft keine Hilfe für den Wiederaufbau beantragen, weil sie nicht beweisen können, dass sie die Hausbesitzer oder -bewohner sind. Aber sie könnten den Behörden ihre Standorthistorie von Google vorlegen, um zu zeigen, dass sie in den letzten fünf Jahren genau an dem Ort geschlafen haben, an dem ihr Haus einst stand. Sie könnten die Aufzeichnungen ihrer mobilen Zahlungssysteme vorlegen, um zu zeigen, was sie für das neue Dach oder den Gartenzaun gezahlt haben. Oder sie könnten eine Reihe von Facebook-Fotos mit einem Geotag, einer Standortkennzeichnung, von sich selbst oder ihren Familien in ihrem Wohnzimmer vorlegen.

Digitale Beweise können lebensverändernd sein

Keiner dieser einzelnen Datensätze ist für sich genommen entscheidend, aber zusammen weben sie einen großen Teppich von Beweisen. Dort, wo es keine alternativen Möglichkeiten zur Aufzeichnung gibt oder wo Aufzeichnungen durch Konflikte oder Katastrophen zerstört wurden, können digitale Beweise lebensverändernd sein.

Die entscheidende Frage ist, wie man die Risiken eines Überwachungsstaates auf der einen gegen die Kraft der Technologie als Servicedienstleister und als Wächter fundamentaler Rechte auf der anderen Seite ausbalanciert.
Oder, um es einfacher zu sagen: Es ist nicht so, als würden diejenigen, die ihre Daten für etwas Gutes einsetzen möchten, auch ihre Privatsphäre opfern wollen. Sie wollen die Macht, diese Balance, selbst zu kontrollieren, und nicht von der Gnade großer digitaler Firmen und Regierungsbehörden abhängig sein.

Die Antwort liegt zum Teil darin, Leute dazu zu befähigen, ihre eigenen Daten zu verwenden, wichtige Fakten über sich selbst zu beweisen, ihre eigenen Interessen zu vertreten und ihre eigenen Ziele zu erreichen. Dieser Bottom-up-Ansatz verkehrt die traditionellen Machtstrukturen, in denen Regierungen und kommerzielle Akteure große Datenmengen sammeln, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Er ist ein machtvoller Gleichmacher.

Datenarmut und soziale Ungleichheit bedingen sich

Das Center for Data Innovation hat beobachtet, dass, wenn man „datenbasierte Innovationen zu seinem Vorteil nutzen will, Individuen Zugang zu hoch qualitativen Daten über sich selbst und ihren Gemeinschaften haben müssen.“
Das ist wahr und es verdeutlicht das Problem von Datenarmut und sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit, die das Resultat aus einem Mangel an Datenvorkommen und -nutzung in bestimmten Gesellschaftsgruppen sind.

Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen. Individuen müssen befähigt werden, gute Daten über sich selbst zu haben und diese Daten auch zu nutzen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Befürworter der Privatsphäre sind darum bemüht, Bürgern die Möglichkeit zu geben, zu kontrollieren, wer ihre Daten verwendet, für was und unter welchen Umständen. Diese Bestrebungen erlauben uns „Nein“ zu Überwachung und zu großer Exponiertheit zu sagen. Aber lasst uns auch die Gemeinschaften dazu befähigen, „Ja“ dazu zu sagen, ihre Daten so zu benutzen, wie sie es möchten und deren Vorteile zu ernten.

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