Die Morgenlage aus der Hauptstadt : Die SPD lässt das dänische Modell nicht los

In der SPD will nicht jeder der Rechtsschwenk-Verlockung widerstehen, die AfD blamierte sich mit einer Wetterkarte. Unser Nachrichtenüberblick am Morgen.

Mette Frederiksen, Chefin der dänischen Sozialdemokraten, war mit einem Rechtsschwenk erfolgreich.
Mette Frederiksen, Chefin der dänischen Sozialdemokraten, war mit einem Rechtsschwenk erfolgreich.Foto: René Schütze / Ritzau Scanpix /AFP

Vom Wetter haben wir im Augenblick insgesamt etwas zu viel – erst zu viel Hitze, jetzt zu viel Wasser. Früher wäre beides als himmlische Fügung ertragen worden, heute wird es gleich ein Politikum. Unsere unregelmäßig vergebene Auszeichnung „Depp der Woche“ geht in diesem Zusammenhang stellvertretend für andere Unterverbände an die AfD Kleve.

Dort witterten sie bei der „Tagesschau“ Manipulateure am Werk: Heutzutage werde die Wetterkarte alarmistisch tiefrot eingefärbt, während sie vor zehn Jahren noch in sanftem Grün erstrahlt sei. Die Rote war allerdings die Temperaturkarte, die Grüne die mit den Aussichten für die nächsten Tage – und die eine wie die andere waren 2009 genauso rot und grün wie heute. Merke: Sogar Klimaleugner können immer noch dümmer sein.

Ob sich von der AfD ansonsten etwas lernen lasse, ist seit dem Wahlsieg der Dänen-Sozialdemokraten eine provokante Frage an die SPD. Ihr offizieller Teil winkt gleich ab: Sich von den Dänen den Rechtsschwenk in der Flüchtlingspolitik abzugucken wäre prinzipienlos, sagt SPD-Vize Ralf Stegner.

Der Politologe Wolfgang Merkel, Mitglied der SPD-Grundwertekommission, rät aber zum nüchternen Blick auf das, was Wähler umtreibt. Ein Blick aufs „Politbarometer“ mag beim Ernüchtern helfen: Magere 27 Prozent für die Union, 26 für die Grünen – 13 für die SPD. Merke: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ (Bert Brecht, so eine Art Youtuber der 1920er Jahre).

Das war aber, wohlgemerkt, schon damals nicht als Freispruch für die Unmoral gedacht. Wer den Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke erschoss, weiß man nach wie vor nicht. Als Regierungspräsident wollte er, dass in seinem Bezirk anständig mit Flüchtlingen umgegangen wird, und riet polemisch allen Deutschen, denen das nicht passte, zum Wegziehen.

Er war deshalb schon zu Lebzeiten Ziel von Hassreden und Drohungen. Aber was sich im Netz seit seinem Tod abspielt, zeigt ein Ausmaß an Feigheit und Niedertracht, das mit normalen Maßstäben nicht zu fassen ist. Der Bundespräsident bittet uns alle, das nicht hinzunehmen. Was wir tun können? Vielleicht dies: Den dummen Sprüchen im Kleinen wehren und manchmal Bert Brecht, den Moralisten, lesen.

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