Irgendwann haben auch Geisterstunden ein Ende

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Die Riten des Wahlabends : Ganz Amerika wartete auf Mitt Romney
Freudentaumel.
Freudentaumel.Foto: Reuters

Um 18.17 Uhr war Obama zurück in seiner privaten Residenz. Er aß im Kreis der erweiterten Familie zu Abend. Michelles Bruder Craig Robinson war mit seiner Familie dabei, ebenso Baracks Halbschwester Maya Ng-Sotero aus der zweiten Ehe seiner Mutter mit einem Indonesier. Sie ist mit einem Asiaten verheiratet und lebt auf Hawaii. Um 21.27 Uhr fuhr der Präsident, begleitet von Verwandten und Freunden, ins Fairmont Hotel, um dort die Auszählung zu verfolgen.

Erwartungsgemäß hatten die Republikaner in Florida, Ohio und Virginia in den ersten Stunden vorne gelegen. Ihre Anhänger wohnen überwiegend in ländlichen, nicht sehr dicht besiedelten Gebieten, wo man schneller durch ist mit dem Zählen. Langwieriger ist der Prozess in den städtischen Großräumen, wo die Demokraten ihre Klientel haben. Im Laufe des Abends schrumpfte so der Vorsprung der Konservativen. Obama ging allmählich in fast allen Swing States in Führung, auch in Ohio und Florida. Es blieb freilich knapp.

Nur wenn die Experten der Fernsehsender gefragt wurden, ob Romney den dünnen Vorsprung Obamas in diesen Staaten noch wettmachen könne, schüttelten sie zweifelnd den Kopf. Nach und nach waren die Gebiete, wo überwiegend Republikaner wohnen, zu nahezu hundert Prozent ausgezählt. Die fehlenden Stimmen würden fast ausschließlich aus Regionen kommen, wo die Demokraten den Ton angeben. In Romneys Hauptquartier in Boston sah man die Katastrophe heraufziehen, es wurde immer stiller.

So feiern Obamas Anhänger die Wiederwahl
Obama-Anhänger in Nevada feiern die Wiederwahl des Präsidenten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Reuters
07.11.2012 08:17Obama-Anhänger in Nevada feiern die Wiederwahl des Präsidenten.

Die Stimmung war gedrückt, als die Fernsehsender Obamas Sieg verkündeten. Man wechselte die Kanäle. Doch überall war die Botschaft dieselbe: Obama ist nicht mehr zu stoppen.

In diesem Moment sickert die Nachricht durch, Romney sei noch nicht bereit, die Niederlage einzugestehen. Heißt das, dass er kämpfen wolle? Es muss einen Grund für sein Zögern geben. Hat er womöglich Anlass, die Auszählung in Florida und Ohio anzufechten? Und wenn es so kommt, wären die Republikaner Herren des Verfahrens, denn die Gouverneure dort gehören zu ihrer Partei. Das war doch auch 2000 der entscheidende Vorteil, als George W. Bush am Ende doch noch Al Gore besiegte.

Reaktionen auf Obamas Wahlsieg
Die radikalislamischen Taliban haben dem wiedergewählten US-Präsidenten Barack Obama empfohlen, sich statt auf Afghanistan lieber auf die Probleme zu Hause zu konzentrieren. Er solle die USA besser davon abhalten, „wie die Weltpolizei aufzutreten“, und seine Truppen so schnell wie möglich aus ihrem Land abziehen, teilten die Taliban mit. Sie drohten damit, weitere Soldaten zu töten. Das Bild zeigt Taliban im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan.Weitere Bilder anzeigen
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07.11.2012 09:27Die radikalislamischen Taliban haben dem wiedergewählten US-Präsidenten Barack Obama empfohlen, sich statt auf Afghanistan lieber...

Doch irgendwann haben auch Geisterstunden ein Ende. Es ist 0.45 Uhr in Washington, als die Sender verbreiten, Romney habe den Anruf, auf den das Land so lange warten musste, getätigt. Gleich werde er zu seinen Anhängern sprechen.

Mitt Romney betritt die Bühne in Boston unter lautem Beifall. „Ich habe soeben dem Präsidenten gratuliert“, sagt er. Ein einzelnes „No!“ schallt durch den Raum. Es bleibt der einzige Protestruf. Zaghaft beginnen die ersten zu applaudieren. Noch klingt es dünn. Als Romney weiter spricht, mit einem Lächeln im Gesicht, lässt sich zumindest einer der Gründe erahnen, warum das Land warten musste. Offenbar hat er mit Obama den Tenor ihrer Botschaft abgesprochen. Die Wahl ist vorbei, aber Amerikas Werte bleiben bestehen. Er werde für den Erfolg des Präsidenten beten. Er werde ihn unterstützen, zum Wohle Amerikas.

Eine halbe Stunde später tritt in Chicago Obama ans Mikrofon – unter frenetischem Jubel. Seine Fans lassen ihn lange nicht zu Wort kommen, skandieren „Four more years!“

Obama greift zum Pathos: In Amerika darf jeder seinen individuellen Traum verfolgen. Aber am Ende „bilden wir eine Familie, die gemeinsam aufsteigt oder abstürzt“. Er dankt jedem Einzelnen, der an diesem Tag gewählt hat, egal ob er für ihn oder für Romney gestimmt hat. Das „Wir“ soll alle einschließen. „Wir erkämpfen uns unseren Weg zurück“, sagt er, um dann den Satz hinzuzufügen, der sein „Yes we can“ ablösen wird: „The best is yet to come“, das Beste liegt noch vor uns. Das ist der Ton, der an das Herz dieses Landes rührt. Das ist der Kniff. Amerika braucht jetzt nichts dringender als einen Aufbruch. Und eine Versöhnung, die ihn möglich macht.

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