Politik : Die Rütli-Kur

Von Tissy Bruns

-

Minus mal minus ergibt plus, lernt man im Mathematikunterricht. Aus zwei Nöten eine Tugend zu machen, das ist auch für die Schule selbst keine schlechte Idee. Die erste Not heißt Hauptschule, die zweite Schülerschwund. Als Produkt der beiden entsteht vielerorts eine neue, einzige Schulform neben dem Gymnasium. Fast hinter dem Rücken der Öffentlichkeit baut sich das dreigliedrige deutsche Schulsystem um. Die neue Schule: Sie soll durchlässig sein nach oben, nicht nach unten wie das heutige System, das die Hauptschule zur Restschule der Nation gemacht hat. Wirklichkeit ist die neue zweigliedrige Schule in allen neuen Bundesländern, auf dem Weg ist sie in Schleswig-Holstein, projektiert in Hamburg. Was macht Berlin?

Im Gegensatz zu der neuen Schulform, die – wir sind in Deutschland – in jedem Bundesland anders heißt, hat die Hauptschule seit einem Jahr einen bundesweit bekannten Namen. Man nennt sie Rütli. Vor einem Jahr haben uns die Lehrer der Neuköllner Schule mit dem Mut der Verzweiflung zum Hinsehen gezwungen: wie wir Tag für Tag die Zukunft der Heranwachsenden verspielen, wie wir Schüler und Lehrer allein lassen mit den ungelösten Migrations- und Sozialproblemen. Ein „Warnschuss für die Gesellschaft“, sagt zu Recht der neue Berliner Schulsenator Jürgen Zöllner.

Die Rütli-Schule hat sich verändert in diesem Jahr. Doch die Verbesserungen sind unzulänglich. Weil sie nur unter dem Druck eines Skandals möglich wurden, werfen sie außerdem ein trauriges Licht auf die Gleichgültigkeit, die wir uns im Normalfall gegenüber Kindern und Jugendlichen erlauben, die in ihren Eltern keine durchsetzungsfähigen Anwälte haben. Hauptschulen versammeln Schülerinnen und Schüler, die eine starke, gute Schule nötiger haben als andere Kinder – sie stranden aber in der schlechtesten, bevor sie erwachsen sind. Die Hauptschule könne gar nicht gesund werden, hat Rütlis Interims-Schulleiter Helmut Hochschild deshalb beim Abschied gesagt, das ganze System sei krank.

Was also macht Berlin? Schulsenator Zöllner hat das Modell Gemeinschaftsschule im Koalitionsvertrag vorgefunden, ein Experiment neben den anderen Schulformen. Es muss kein Schaden sein, obwohl es – Wunschkind der Linkspartei, Schreckgespenst der bürgerlichen Opposition – eher eine Antwort auf die alten Kulturkämpfe um die Schule ist, nicht auf die Herausforderungen einer Zuwanderungsstadt mit ihren sozialen Spaltungen. Genug für die Zukunft ist ein Modellprojekt Gemeinschaftsschule auf keinen Fall.

Niemand wird dem Schulsenator einen Aktionismus empfehlen, wie er nach dem Rütli-Skandal auch aufkam. Die Zusammenlegung einer aus den Fugen geratenen Hauptschule mit der funktionierenden Realschule nebenan ruiniert eher die Realschule als den Hauptschülern zu nützen. Hessen, der härteste Schauplatz des alten Schulkampfs, hat die Abschaffung der Hauptschule gerade dementiert. Aber selbst dort mag man die Fahne der Dreigliedrigkeit nicht mehr recht flattern lassen, weil nur noch vier Prozent der Grundschüler in die Hauptschule wechseln. Der Schulkampf ist aus, die Berliner Schullandschaft braucht Perspektive. Zöllner sollte sich in Hamburg, Schleswig-Holstein, den neuen Bundesländern umsehen, um die besten Erfahrungen anzuwenden, wenn Berlin den Weg in die Zweigliedrigkeit beginnt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!