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Mehrere Tausend Demonstranten protestierten am Samstag gegen die Neugründung einer AfD-Jugendorganisation. Die als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Vorgängerin Junge Alternative hatte sich durch Selbstbeschluss aufgelöst.

© dpa/Boris Roessler

Die Schlacht von Gießen: Wie zehntausende Demonstranten versuchten, die Neugründung der AfD-Jugend zu stoppen

Der Verkehr bricht zusammen, der AfD-Kongress beginnt verspätet und eine ganze Stadt befindet sich im Ausnahmezustand. Das Ziel der Demonstranten: den Gründungsparteitag der AfD zu verhindern. Ein Ortsbesuch.

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Sie heißen Heuchelheim, Atzbach oder Lützellinden. Kleine Vororte im Speckgürtel Gießens, die am frühen Samstagmorgen zum Ziel von Reisebussen aus der gesamten Republik werden. Die Fährgäste kommen aus Bochum oder Aachen, aus Hamburg oder München. Es sind Aktivisten der Initiative „widersetzen“. Ihr Ziel: den Gründungsparteitag der neuen AfD-Jugend durch Straßenblockaden zu verhindern.

Dazu besetzten sie neuralgische Verkehrsknotenpunkte, die auf den Anfahrtswegen der AfD-Delegierten liegen. Vor allem das Gießener Umland nehmen die Demonstranten dafür ins Visier.

Schon um sechs Uhr verlassen die ersten Demonstranten ihre Busse und machen sich schließlich zu Fuß weiter durch die Dunkelheit. Kreisverkehre werden blockiert, Bundesstraßen, sogar eine Autobahn.

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Für die wenigen Anwohner, die schon wach sind, ergibt sich ein kurioses Bild. Durch kleine Wohngebietsstraßen marschieren plötzlich hunderte junge Menschen in gelben Warnwesten auf dem Weg zum nächsten Blockadepunkt. Einige Bewohner reagieren mit Solidarität, bieten Kaffee oder einen Toilettengang an. Andere werden Stunden später die Nerven verlieren. Um 9:30 Uhr existieren mehr als 20 dieser Blockaden. Der Verkehr im Großraum Gießen bricht zusammen.

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Vor Heuchelheim regeln zwei Polizistinnen den Verkehr. Immer wieder müssen sie Autofahrern erklären, dass aktuell kein Durchkommen ist. „Wir wissen selbst nicht, wie man aktuell nach Gießen kommt“, sagt eine der Beamtinnen zu einem Lkw-Fahrer, „Sie müssen einfach warten“.

So geht es schließlich auch einer Vielzahl der AfD-Delegierten. Das Gründungstreffen in den Hessenhallen sollte eigentlich um zehn Uhr beginnen. Zu diesem Zeitpunkt ist gerade mal ein Viertel aller Delegierten eingetroffen. Politiker wie der designierte Vorsitzende der neuen Parteijugend, Jean-Pascal Hohm, stehen zu diesem Zeitpunkt noch dutzende Kilometer entfernt auf einer Autobahnraststätte, abgeschirmt von der Polizei, die nach freien Zufahrtswegen sucht.

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Die Demonstranten von „widersetzen“ sind überwiegend jung, gut organisiert und vor allem diszipliniert. Sie bewegen sich stets in größeren Gruppen von hunderten Menschen und stellen die Polizei immer wieder vor neue Herausforderungen. Darunter sind auch Personen, die linksradikalen Gruppen zuzurechnen sind. Andere sind das erste Mal dabei und gehören eher zum bürgerlichen Milieu. Wer bereit ist, auch Pfefferspray oder Schlagstock-Schläge in Kauf zu nehmen, läuft vorn mit, wer nicht, bleibt weiter hinten.

Steinwürfe und Schlägereien

Im Vorfeld wurden bis zu 50.000 Demonstranten erwartet – in der gerade einmal 92.000 Einwohner großen Stadt Gießen. Eine Stadt im Ausnahmezustand: Es sei einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte Hessens, hieß es seitens der Polizei. Am frühen Nachmittag sprachen die Beamten von Demonstrationsteilnehmern „im unteren fünfstelligen Bereich“.

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Es eskaliert schließlich auf einer Bundesstraße nahe der Hessenhallen. Aktivisten von „widersetzen“ hatten die wichtige Anfahrtsroute über Stunden blockiert, als die Polizei sie zur Räumung aufforderte. Als dem nicht nachgekommen wird, setzen die Einsatzkräfte Schlagstöcke, Pfefferspray und Wasserwerfer ein.

Auch an anderen Stellen bleibt es nicht friedlich. Die hessische Polizei berichtet von vereinzelten Steinwürfen. Videos zeigen zudem Angriffe auf Autos von AfD-Politikern sowie eine regelrechte Schlägerei zwischen AfD-Delegierten und Linksradikalen.

In der Innenstadt Gießens überwiegt hingegen den ganzen Tag über ein anderes Bild. Hier sind es auch viele ältere Demonstranten, teilweise von weither angereist. Es herrscht eine gelöste Atmosphäre, doch auch hier werden bewusst Zufahrtswege über die Lahn zu den Hessenhallen blockiert.

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Gleichzeitig gibt es einen Mangel an Essensangeboten. Zahlreiche Gießener Geschäfte in der Innenstadt bleiben am Samstag aus Angst vor Ausschreitungen geschlossen. Im Einkaufszentrum haben nur vereinzelte Restaurants und Cafés offen, vor denen sich lange Schlangen bilden. In den vergangenen Tagen geisterten Warnungen von „massiven Antifa-Ausschreitungen“ und einem „brennenden Gießen“ durch die sozialen Medien. Das sorgte bei vielen Händlern für Panik, denen an diesem Tag wohl nun ein möglicher Rekordumsatz entgeht.

Erst am Mittag beginnt schließlich die AfD mit ihrer Veranstaltung in den Hessenhallen. Kurz darauf wird es direkt vor der Halle noch einmal hektisch. Dutzenden Demonstranten gelingt der Durchbruch über das Gelände des städtischen Bauhofs. Durch ein Gebüsch hindurch klettern sie über eine Leitplanke und befinden sich plötzlich in unmittelbarer Umgebung der Halle.

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Die Polizei, die wenige Sekunden zuvor eine Hundertschaft von der Örtlichkeit abgezogen hatte, ist kurzzeitig überrumpelt. Dann wird erneut der Wasserwerfer eingesetzt, die Demonstranten werden eingekesselt. Auf dem Veranstaltungsgelände beobachten AfD-Delegierte im Raucherbereich das Szenario, das sich schließlich wieder beruhigt.

In der Halle kann die AfD am Nachmittag Vollzug melden. Die Jugendorganisation „Generation Deutschland“ ist gegründet. Zum Chef wird der rechtsradikale Landespolitiker Jean-Pascal Hohm gewählt.

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