• Die Wahllosigkeit des Angriffs: Warum die furchtbare Tat von Frankfurt uns alle so besonders trifft

Die Wahllosigkeit des Angriffs : Warum die furchtbare Tat von Frankfurt uns alle so besonders trifft

Ohne Vertrauen kann unser Gemeinwesen nicht gelingen. Doch die spalterischen Debatten zerstören es immer mehr. Ein Kommentar.

Ariane Bemmer
Eine Frau legt auf dem Hauptbahnhof Frankfurt am Main Blumen nieder.
Eine Frau legt auf dem Hauptbahnhof Frankfurt am Main Blumen nieder.Foto: REUTERS

Vermutlich wird sich auch heute für viele der Menschen, die an Bahnhöfen auf die Einfahrt ihres Zugs warten, das Stehen an den Gleisen etwas anders anfühlen. Etwas weniger selbstverständlich, etwas weniger unbedenklich als vor der unvermittelten Attacke eines Mannes auf Herumstehende am Frankfurter Hauptbahnhof. Der Mann schubste am Montag gegen zehn Uhr eine Mutter und ihren Sohn auf die Gleise, als der Zug einfuhr. Die Mutter konnte sich retten, der Sohn wurde überrollt. Er wurde acht Jahre alt. Es ist furchtbar.

Der mutmaßliche Täter hatte nach allem, was bisher bekannt wurde, keine Beziehung zu den Opfern. Die Wahllosigkeit des Angriffs mitten am Tag, mitten im Alltag, macht das besondere Grauen des Falls aus. In dieser Wahllosigkeit liegt der Unterschied zu anderen Verbrechen, die ebenso schockierend sind, zuletzt der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die lebensbedrohlichen Schüsse auf einen Mann aus Eritrea in Wächtersbach. Furchtbare Taten auch diese beiden, aber zumindest hatten sie ein Motiv, das – so abscheulich es ist – als schlüssig galt. Dieses Motiv half beim Einordnen, und es bot eine Art Vermeidungsrezept, weil es offenlegte, wem man aus dem Weg gehen sollte.

Dass ein Motiv im aktuellen Fall zu fehlen scheint, leuchtet grell aus, wie verletzlich Menschen sind. Es wird deutlich, dass immer und überall potenziell Gefahr lauert, dass jede und jeder sich als Bedrohung für Leib und Leben der Anderen erweisen kann. Dazu ist kaum Aufwand nötig: Arm ausstrecken und schubsen. Auf ein Gleis, wenn der Zug kommt. Auf die Straße, wenn der Verkehr rollt. Auf der Treppe nach unten zu den U-Bahnen.

Menschen in Gesellschaften sind zum Überleben angewiesen auf die Friedfertigkeit ihrer Mitmenschen. Die müssen sie voraussetzen können. Das erfordert einen ungeheuren Vertrauensvorschuss, den sie jeden Tag aufs Neue aufbringen müssen. Das ist nicht immer leicht und wird durch Gewalttaten zusätzlich erschwert.

Aber dieses Vertrauen ist die Voraussetzung für das Gelingen ihres Gemeinwesens. Ohne solch ein Vertrauen wäre hier wieder Wilder Westen, und alle würden einen Colt am Gürtel tragen.
Wegen dieser grundsätzlichen Dimension sind solche Taten, wie jetzt die von Frankfurt, wie die nur kurz zuvor vom Bahnhof Voerde, wie die vor zwei Jahren am Berliner U-Bahnhof Hermannstraße – über die Entsetzlichkeit hinaus, die sie für die Betroffenen bedeuten – auch geeignet, Gesellschaften als Ganzes zu treffen. Sie nagen an dem unverzichtbaren Vertrauenspolster, auf dem man sich bildlich gesprochen beruhigt niederlassen kann.

Aktuell ist dieses Polster ohnehin angefleddert. Die spalterischen Debatten und Streitereien über Flüchtlinge, Ost und West, Oben und Unten, bis hin zu den Aggressionen zwischen Rad- und Autofahrern, umtost von einem unablässigen Strom aus Feindseligkeiten im Internet, haben Spuren hinterlassen.

Die Politik hat entsprechend reagiert. Bundesinnenminister Horst Seehofer hat unter dem Eindruck „mehrerer schwerwiegender Taten in jüngerer Zeit“ seinen Urlaub unterbrochen und sich mit Sicherheitskräften zusammengesetzt und geäußert. Das ist allein als Zeichen schon richtig gewesen. Andere traten jenseits bahnhofstechnischer Sicherheitsverbesserungsideen vor allem mit Appellen zu Solidarität und Zusammenhalt auf.

Von den einen werden sie formuliert jenseits der Frage, welcher Nationalität der Täter ist. Sie postulieren ein „Wir für uns alle“. Die anderen appellieren auf Basis der Informationen über seine Herkunft. Aus Eritrea, seit 2006 in der Schweiz lebend, vor ein paar Tagen nach Deutschland gereist. Am Dienstag wurde bekannt, dass er in der Schweiz gewalttätig war und gesucht wurde. Sie assoziieren Afrika, Flüchtlinge, Gefahr – und ihre Devise heißt: Wir gegen die. Sie fleddern damit weiter am Vertrauenspolster, als sei es unkaputtbar. Und übersehen die größere Gefahr.

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