Diskriminierende Puppenspiele : Zouzou und mein unschuldiger Rassismus

Tante Alice hatte nur Gutes im Sinn, als sie mir diese Puppe schenkte. Und auch ich war von meiner Gefährtin begeistert. Eine Kolumne.

Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind. Ein Blatt aus Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter".
Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind. Ein Blatt aus Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter".Foto: Heinrich Hoffmann / Wikisource

Als ich die Antirassismus-Demonstrationen der vergangenen Wochen verfolgte, musste ich an ein Weihnachtsfest in meiner Kindheit denken. Jedes Jahr schenkte mir meine Großtante Alice eine Puppe. Immer waren die Puppen blond und hatten große kobaltblaue Augen, die sich schlossen, wenn ich sie auf den Rücken legte.

Sie hießen Catherine, Dominique oder Isabelle. Doch 1969 schenkte mir meine Großtante Alice eine etwas andere Puppe. Sie war schwarz. Das war damals eine Sensation. Allerdings hatte sie das gleiche glatte Haar, die gleiche schmale Nase und die gleichen kobaltblauen Augen. Sie war in die gleiche Form gegossen und das Vynil des Puppenkörpers ganz einfach anders gefärbt. „Und die hier“, entschied meine Großtante Alice, „nennen wir Zouzou!“

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Als gläubige Katholikin hatte sie sich vom Pfarrer inspirieren lassen, der sonntags von der Kanzel über das Elend in Afrika predigte. An die harten elsässischen Winter vor der globalen Erwärmung gewöhnt, strickten die Damen der Kirchengemeinde Hausschuhe und dicke Pullover aus reiner Wolle für die Kinder in Elfenbeinküste und Mali. Sehr weit entfernte Länder, die noch vor wenigen Jahren Kolonien gewesen waren.

Rassismus mit allerbesten Absichten

Indem sie mir Zouzou schenkte, wollte meine Großtante Alice für mich die Schranken zwischen den Völkern niederreißen und zwischen dem, was man damals noch „Rassen“ nannte. Natürlich tat sie es in allerbester Absicht. Sie wollte mir die Augen öffnen, mich an die Anwesenheit von Menschen gewöhnen, die mir nicht ähnlich sahen, wollte auf ihre Weise Rassismus bekämpfen. Aber war Zouzou nicht gerade die Verkörperung des alltäglichen Rassismus?

Natürlich gelten für meine Großtante Alice mildernde Umstände. Sie war 1898 geboren worden und hatte ihre kleine elsässische Stadt Colmar nie verlassen. Die einzigen schwarzen Menschen, die ihr je begegnet waren, dürften die „Senegalschützen“ gewesen sein, die bei der Befreiuung 1918 auf den Boulevards von Colmar paradierten, und später die amerikanischen Gis, die bei der Befreiung 1945 durch die Stadt fuhren.

Ansonsten war die Welt dieser alten Dame weiß. Schwarze gab es auch im „Struwwelpeter“, den sie mir vor dem Einschlafen auf Französisch vorlas. Das Elsass hatte sich aus seiner deutschen Zeit dieses Glanzstück moralischer Kinderliteratur bewahrt. Die Geschichte von den schwarzen Buben, erinnern Sie sich? Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr …

Die schwarzen Buben bringen mich zum Erschaudern

Noch heute erschaudere ich, wenn der große Nikolas Ludewig, Kaspar und Wilhelm fest beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’ packt, um sie bis übern Kopf ins Tintenfass zu tunken. Und hätten sie nicht so gelacht, hätt’ Niklas sie nicht schwarz gemacht. Hatte Niklas, so fragte ich mich damals, auch Catherine, Dominique und Isabelle an den Haaren gepackt und sie in eine tintenschwarze Zouzou verwandelt?

Eines Tages, meine Großtante Alice war inzwischen eine sehr alte Dame und ich ein gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt rebellierender Teenager, kauften wir Kuchen in einer Konditorei. Im Schaufenster stand eine Marzipanfigur. Ein schwarzer Junge mit einem Lendenschurz aus Bast und einem Sonnenschirm saß rittlings auf einer Banane.

„Neger auf Banane“, stand auf dem Preisschild. Empört erklärte ich der fassungslosen Konditorin, dies sei inakzeptabler Rassismus. Ich dachte an Zouzou und den Mohr. Und aus den Augenwinkeln heraus sah ich, dass meine Großtante Alice zufrieden lächelte.

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel

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