Dreikönigstreffen der FDP : Christian Lindner will "nicht weichen"

Geachtet und verachtet: Seit dem Jamaika-Aus streitet die Republik über diesen Mann. Ständig muss Christian Lindner sich rechtfertigen. Damit soll jetzt Schluss sein.

Inszenierung. FDP-Chef Christian Lindner stilisiert sich zum Vorkämpfer einer besseren Welt.
Inszenierung. FDP-Chef Christian Lindner stilisiert sich zum Vorkämpfer einer besseren Welt.Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Sieht so der deutsche Emmanuel Macron aus? Jung, intelligent, eloquent und mutig? Einer, der ohne zu zögern alte Zöpfe abschneidet, mit allen politischen Konventionen bricht? Ein Hoffnungsträger also. Oder doch eher nur eitler Selbstdarsteller, der überschätzte Chef einer Randpartei?

An diesem Samstag steht Christian Lindner in Süddeutschland auf großer Bühne. Es ist Dreikönigstag und wie jedes Jahr seit 1866 trifft sich die liberale Anhängerschar in der alten Oper Stuttgart, um sich selbst zu feiern. Christian Lindner trägt ein Headset, er spricht von der Ängstlichkeit der anderen Parteien, von Komfortzonen, aus denen sich Deutschland befreien muss und von den eigenen Taten. Eine gute Stunde lang.

Er wirkt wie einst Steve Jobs bei der Präsentation eines I-Phones

Er wippt dabei in den Knien, er tänzelt vor und zurück und reckt die Arme zu weit ausladenden Gesten. Die Stimme wechselt Farbe und Ton. Wie einst Steve Jobs, wenn er ein neues I-Phone vorstellte, sieht er aus. Er feiert die Masseneintritte in die Partei, deren Chef er selbst ist. Er preist die Haltung der Liberalen, die die Partei in schwierigen Zeiten beweise, seine Haltung. Die Inszenierung ist perfekt, sein Vortrag kurzweilig und klug. Die FDP ist wieder im Bundestag, alles ist in bester Ordnung: Das ist Lindners Botschaft an diesem 6. Januar in Stuttgart. „Wir sind keine Steigbügelhalter für andere, wir reichen unsere Hand nur für einen Politikwechsel“, sagt er.

Und unten in den plüschigen Reihen des Opernhauses? Da passiert an diesem Samstagvormittag genau das, was Lindner gehofft, was er geplant hat: Die Zuschauer applaudieren ihm lautstark, sie johlen und pfeifen. Vor vier Jahren hatten die Wähler die FDP aus dem Bundestag getrieben, dieser Mann hat sie aus der Versenkung geholt. Mit frechen Sprüchen, mit bunten Plakaten und mit einer Überdosis Selbstbewusstsein. „Nie zuvor“, sagt Lindner, sei das einer Partei gelungen. 2014 wollten noch nicht mal die Sternsinger in die Stuttgarter Oper kommen. Man hatte geglaubt, die Liberale Bewegung sei tot. Nun stehen Kameras schon im Foyer, im Fernsehen wird live berichtet. Keine Frage: Wer in die Gesichter schaut, sieht den Stolz. Man ist an diesem Samstag in Stuttgart wieder wer. Zufrieden werden die Gäste später nach Hause gehen. Und zufrieden sieht auch Christian Lindner von der Bühne herab.

Er hat das politische Gleichgewicht des Landes gestört

Doch es hätte auch schiefgehen können. Für die FDP, die nach einer Zwangspause erst seit drei Monaten wieder im Bundestag sitzt. Und auch für ihren Chef, dessen Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Lindners Satz „Besser nicht regieren, als falsch“ hat in der Nacht zum 20. November nicht nur abrupt die Sondierungsgespräche zur Bildung der Jamaika-Koalition beendet. Er hat mit einem Federstrich das politische Gleichgewicht des Landes so heftig gestört, dass bis heute nicht ausgemacht ist, welche Folgen das haben wird.

Seit jenem Tag schwankt die Republik zwischen Hochachtung vor diesem 39 Jahre alten Mann, und Verachtung. Wie kann es einer wagen, wochenlang mit Union und Grünen an der Bildung einer Koalition zu werkeln und dann, kurz bevor sie steht, einfach auszusteigen? Weil für die Zehn-Prozent-Partei FDP inhaltlich zu wenig herauskam? Die Atmosphäre nicht stimmte?

Lindners Anhänger feiern ihn gerade deshalb seit dieser Novembernacht wie den Messias eines neuen deutschen Politikstils. Galt es bisher als oberste Parteienpflicht, nach Wahlen hart um politische Kompromisse zu ringen, hat Lindner auch die härteste Kontroverse in das politische Geschäft eingeführt. Chaos statt Harmonie: Lindner, der Anti-Merkel. Einer, der die herrschenden Systeme ins Wanken bringt, selbstbewusst von der „neuen Generation Deutschland“ spricht, die die Alten – in jeder Partei – über Bord wirft und deren Glaubenssätze gleich mit. Genau wie in Frankreich. Und er, Lindner, war derjenige, der den Anfang machte. Bessere Schulen statt Föderalismus-Irrsinn, reparierte Straßen, schnelles Internet bis ins letzte Dorf hinein und weniger Beamte, die Steuergeld kosten: Das und noch viel mehr versprechen sich die Lindnerianer von diesem Mann, der erst Frau Merkel sitzen lässt und jetzt rotzfrech erklärt, er käme zurück an den Verhandlungstisch, wenn „die Konstellationen“ andere sind, womit er natürlich die CDU-Vorsitzende meint.

Sein Deutschlandbild: Düster und vernebelt

„Wir stehen vor einer Zeitenwende“, ruft er seinen Zuhörern in Stuttgart zu, für die sich alle „neuen Ideen öffnen, strukturelle Reformen umsetzen müssen und keine Konflikte scheuen dürfen“. Große, sehr große Versprechen sind das, die nach Aufbruch klingen, nach Befreiung. Es ist ein düsteres und vernebeltes Deutschlandbild, das Christian Lindner zeichnet. Und aus dem er seinen Anhängern einen Weg ins Lichte weisen will.

Doch es gibt auch die anderen, diejenigen, die diesem jungen Mann mit der schneidigen Art nicht glauben, es lieber gesehen hätten, wenn Jamaika zustande gekommen wäre. Weil ja schon genug Durcheinander in der Welt herrscht und es sich doch beruhigter lebt in einem Land, in dem vielleicht nicht besonders kreativ, dafür aber verlässlich regiert wird. Oder weil sie, die Unternehmer, fürchten, dass die große Koalition noch mehr Repressionen einführt, die ihr Geschäft erschweren. Sie hatten darauf gesetzt, dass Lindner Schlimmstes verhindert.

Und dann gibt es die, die dem Mann seine wohlklingenden Begründungen von den fehlenden inhaltlichen Schnittmengen einfach nicht abnehmen. Dass die Programme von Grünen, FDP und CSU nicht im Handumdrehen zueinander passen, das war doch zu erwarten, sagen sie. Und auch, dass Lindner erst vier Wochen lang miserabel verhandelt und zum Schluss kalte Füße bekommen habe. Ein taktischer Schachzug also, der Ausstieg. Im Grunde ja schon lange vorher angelegt: Bereits im Wahlkampf galt in der FDP-Führung die Parole, erst mal in der Opposition ankommen, zeigen, dass man wieder dabei ist und nicht gleich in der Regierung Versprechen machen, die man dann nicht halten kann. Vor einem Strohfeuer hatten sie in der Partei von Anfang an Angst: Eine Legislaturperiode mitregieren, dann wieder draußen.

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