"Dresdner Rede" von ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo : Unser Ruf steht auf dem Spiel

Das Vertrauen in die Medien schwindet, nicht nur bei Pegida und der AfD. Es ist Zeit für Selbstkritik – und jede Menge Mut! Dies war die Botschaft einer Rede von Giovanni di Lorenzo in Dresden.

Giovanni di Lorenzo
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit"
Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit"Foto: picture alliance /dpa/Karlheinz Schindler

Auf Einladung des Schauspielhaus Dresden, in Kooperation mit der Sächsischen Zeitung, sprach der Chefredakteur der "Zeit" und Mitherausgeber des Tagesspiegels, Giovanni di Lorenzo, am vergangenen Sonntag, den 28. Februar, in Dresden zum Thema: "Alles Lüge? Warum Deutschlands Medien so stark – und manchmal doch so angreifbar sind". Hier veröffentlichen wir seine Rede in schriftlicher Form. Eine Audioversion finden Sie hier. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute hier zu stehen, es ist mir eine richtige Ehre, als Redner für diese renommierte Veranstaltungsreihe angefragt worden zu sein.

Und ich gestehe Ihnen: Aus meiner Sicht hätte es wohl keinen besseren Moment für mich geben können, Sie hier zu besuchen, als jetzt. Allerdings hat jeder, dem ich erzählt habe, dass ich heute in Dresden sprechen werde, reagiert, als ob ich in die sprichwörtliche Höhle des Löwen fahre, in ein Bundesland nämlich, dessen Bild derzeit beherrscht wird von pöbelnden Menschen vor einem Flüchtlingsbus in Clausnitz, brennenden Flüchtlingsheimen wie dem in Bautzen und den montäglichen Pegida-Demonstrationen.

Lassen Sie mich gleich vorweg sagen, dass ich – anders, als der eine oder die andere von Ihnen es vielleicht erwartet – keinesfalls hierher gekommen bin, um den Prediger zu spielen und Ihnen gar die Leviten zu lesen. Dafür habe ich viel zu großen Respekt vor den Menschen in Sachsen, die zum größten Teil eben keine Hetzer und Pöbler sind. Ich bin im Gegenteil hergekommen, um mich kritischen Fragen zu stellen. Welche Rolle spielen die Medien in Deutschland? Welchen Anteil haben sie am Vertrauensverlust in der Gesellschaft und an der Spaltung, die überall zu beobachten ist? Damit möchte ich mich heute beschäftigen.

Bevor ich aber damit beginne, will ich Ihnen, die Sie mich gerade so freundlich empfangen haben, noch erzählen, wie mich die Pegida-Chefin Tatjana Festerling bereits vorab begrüßt hat.

Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich Frau Festerling noch nie in meinem Leben getroffen habe oder persönlichen Kontakt mit ihr hatte, dass ich noch nie einen Artikel über sie geschrieben habe, und selbst – wie jeder weiß, der sich mit mir und meinen Texten auseinandergesetzt hat ­– ein Skeptiker und Kritiker der aktuellen Flüchtlingspolitik der Bundesregierung bin.

Bereits am 15. Februar also hat mich Frau Festerling mit einem Eintrag auf Facebook Willkommen geheißen. Empört verwies sie auf die Arbeit von Kollegen der ZEIT und schloss auf Italienisch mit dem Ausruf: "Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!"

Glauben Sie mir: Worte dieser erlesenen Preisklasse kommen zum ersten Mal in einer meiner Reden vor. Aber ich will diese Aussage hier zitieren, weil sie zeigt, was Menschen wie Frau Festerling offenbar unter deutschem Anstand verstehen, den sie immer wieder einfordern.

Sie geben sich als vermeintliche Underdogs, denen niemand Gehör schenkt und deren Meinung unterdrückt wird. Unter Meinungsfreiheit verstehen sie in Wirklichkeit die uneingeschränkte Lizenz, andere Menschen zu beleidigen, zu diffamieren, an den Pranger zu stellen. Ich kann mir vorstellen, wie auch etliche von Ihnen, die Sie hier sitzen, an solcher Hetze, an solcher Dumpfheit und Bösartigkeit verzweifeln. Aber wenn ich Ihnen an dieser Stelle auch gleich Mut machen darf, mein Vertrauen in Deutschland und meine Wertschätzung für dieses Land ist so groß, dass ich Ihnen zurufen möchte: Die ganz ganz große Mehrheit der Deutschen wendet sich wie Sie bei solchem Gerede angewidert ab und will mit diesen Leuten nichts zu tun haben – ganz gleich, wie drückend die Probleme werden!

Mit den Pegida-Anführern verbindet mich also nichts – wie sollte es auch anders sein bei Leuten, die andere Menschen beleidigen und herabsetzen? "Das Beste an Pegida", schrieb mein ZEIT-Kollege Martin Machowecz, "ist der Zwang, sich dazu verhalten zu müssen."

Die eigenen Fehler anschauen

Trotzdem meine ich, dass wir uns die Fehler und Fehlentwicklungen unserer Branche anschauen müssen, denn längst herrscht gegenüber den Medien eine Skepsis, die weit über das Pegida-Milieu hinausreicht.

Während wir Journalisten selbst uns weiterhin als "vierte Gewalt" verstehen, sind wir neuerdings mit einem Vorwurf konfrontiert, der diesem Selbstverständnis diametral gegenübersteht und besonders ehrenrührig ist: "Lügenpresse!" oder "Systemmedien!" werden wir jeden Montag vor allem hier auf Dresdens Straßen beschimpft, von Plakaten, aber auch in Onlinekommentaren und manchmal sogar live bei Veranstaltungen. Die Beleidiger wollen unsere Integrität und damit nicht weniger als das Fundament unserer Arbeit infrage stellen.

Es handelt sich bei ihnen vor allem um Menschen, die sich längst in einer Parallelwelt bewegen: Ihre Informationen suchen sie sich selbst zusammen und bedienen sich dafür dort, wo sie ihre eigene Meinung bestätigt sehen. Und auch auf Facebook – dem Algorithmus sei Dank! – werden ihnen nur noch Texte angeboten, die zu ihrer Weltsicht passen. Unsere Medienwelt haben diese Leute längst verlassen, wenn sie da vorher überhaupt jemals waren.

Eine der gängigsten Verschwörungstheorien in dieser Parallelwelt lautet ja, dass Frau Merkel mithilfe ihres Staatsapparates die Berichterstattung in Deutschland steuert. Dafür werden im Netz auch eine Reihe vermeintlicher Belege aufgeführt, einer absurder als der andere.

Vor gut fünf Monaten beispielsweise, am 29. September 2015, führte der Journalist und Moderator Carsten Hädler auf N24 ein Gespräch mit dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt über die Zustände in Flüchtlingsunterkünften. Es war eine sehr offene Unterhaltung, in der Wendt nicht um kritische Worte für die Regierung verlegen war: "Es muss erst immer überall lichterloh brennen, bis die was auf die Reihe bekommen", so Wendt unter anderem. Im Netz wurde er für diesen Klartext gefeiert.

Doch Anfang Oktober verbreitete sich auf einmal das Gerücht, das Video sei aus der N24-Mediathek verschwunden, zensiert worden auf Geheiß des Kanzleramts in Berlin. Aktivisten riefen dazu auf, das Videointerview auf möglichst vielen YouTube-Kanälen hochzuladen, damit – so die Parole – die Wahrheit nicht unterdrückt werden könne.

Als Medienbeobachter das Thema schließlich aufgriffen, fühlte N24 sich genötigt, zu reagieren, ich zitiere: "Es ist unwahr, dass (das Video) 'nach kurzer Zeit' wieder aus dem Netz genommen wurde. Auf Nachfrage haben wir das Video sogar an interessierte Zuschauer kurz nach Ausstrahlung über unseren Infoservice zur Verfügung gestellt. Der Vorwurf, wir würden bewusst Videos von unserer Website löschen, weil uns Aussagen 'zu deutlich' waren, ist schlicht Unfug." Dazu stellten die Kollegen ein weiteres Interview mit Rainer Wendt, der versicherte, nie zensiert worden zu sein, und der die Gerüchte gelassen kommentierte: "Unsere Demokratie ist wirklich stark genug, auch solche Diskussionen auszuhalten." Doch wir alle wissen: Das Internet vergisst nicht und so halten sich Gerüchte dort besonders hartnäckig. Bis heute erreichen uns Zuschriften von Lügenpresse-Rufern, die auf den Fall Wendt/N24 hinweisen.

Fantasie-Komplotte sind absurd

Frau Merkel – oder, wie sie hier bei Pegida-Demonstrationen auch genannt wird "die gefährlichste Frau Europas", muss noch für weiteres herhalten: Im Netz wird allen Ernstes verbreitet, sie sei die Tochter amerikanischer Juden. Überlegen Sie mal, was für ein antisemitisches Klischee darin steckt, Frau Merkel zu unterstellen, sie nimmt als Jüdin Rache an der deutschen "Volkssubstanz", indem sie alle Flüchtlinge, vor allem die muslimischen, ins Land lasse! Und das geben nicht nur Spinner in der Anonymität des Internets von sich, das erzählen auch Menschen, von denen ich bislang dachte, sie hätten noch alle Tassen im Schrank!

Welchen Einfluss solche haarsträubenden Theorien auf unsere journalistische Arbeit haben, zeigt ein Erlebnis der Kollegen von Gruner+Jahr: Das Eltern-Magazin des Hamburger Verlags brachte vor einem Monat seine zweite Ausgabe 2016 mit fünf verschiedenen Covern zum Titelthema "Warum jede Mutter die beste für ihr Kind ist" heraus. Die unterschiedlichen Titelbilder sollten für verschiedene Muttertypen in Deutschland stehen. Vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen die Hefte am Kiosk gesehen.

Eines dieser Cover zeigt eine junge, lachende Frau mit ihrem Kind, die Frau trägt Kopftuch. In den darauffolgenden Tagen hagelte es im Verlag am Baumwall unflätige Beschwerden, Beschimpfungen per E-Mail, per Post, Drohanrufe gingen ein. Im Internet spannen sich sogleich Gerüchte um diese Titelgestaltung und vermeintliche Unterdrückungsbotschaften an junge Mütter: Der Verlag Gruner+Jahr gehöre doch zu Bertelsmann und Bertelsmann gehöre doch Liz Mohn und Liz Mohn sei doch eine gute Freundin von Angela Merkel und habe offensichtlich in ihrem Auftrag diesen Muslima-Titel gedruckt, um die Islamisierung Deutschlands voranzutreiben!

Was, meine Damen und Herren, soll man darauf erwidern? Solche Fantasie-Komplotte sind an Absurdität kaum zu überbieten!

Wie kommt es dazu, dass unsere journalistische Arbeit in letzter Zeit so deutlich in Verruf geraten ist? Weil uns mehr denn je zu schaffen macht, was der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen als die "Fünfte Gewalt" bezeichnet. Er meint damit eine kritische Öffentlichkeit, die sich über verschiedene Plattformen im Internet Gehör zu verschaffen versteht. Das ist grundsätzlich durchaus zu begrüßen.

Bei einem Teil dieser Öffentlichkeit jedoch, einem besonders lauten, zementiert sich in den vergangenen Monaten zunehmend ein fataler Eindruck. Weil sie selbst bestimmte Themen oder Ereignisse anders bewerten als es die Medien tun, kommen die Leute, die in dieser Parallelwelt gefangen sind, zu dem Schluss, die Berichterstattung müsse falsch, manipuliert und unwahr sein. Sie leben in einem Spiegelkabinett der Spekulationen und Diffamierungen, in dem sich jedes geäußerte Gerücht endlos vervielfältigt.

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