„Beim Drogenentzug gehören wir zu den Pionieren der Golfregion“

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Drogenpolitik in Saudi-Arabien : Zwischen Therapie und Todesstrafe
Im Teufelskreis der Drogen. Installation eines Suchtkranken im Rahmen der Kunsttherapie im Al Amal-Hospital in Dschidda.
Im Teufelskreis der Drogen. Installation eines Suchtkranken im Rahmen der Kunsttherapie im Al Amal-Hospital in Dschidda.Foto: Katharina Eglau

Über 300 Millionen Euro stellt das Gesundheitsministerium pro Jahr für seine Therapieeinrichtungen zur Verfügung, die Kosten pro Patient liegen zwischen 100 000 und 200 000 Euro. Behandelt werden nur Saudis, süchtige Migrantenarbeiter dagegen verhaftet und abgeschoben. Bis zu zwei Jahre dauert ein kompletter Entzug: sechs Monate stationär, die übrige Zeit außerhalb der Klinik in einem therapeutischen Wohnhaus oder betreut durch eine Suchtambulanz. „Beim Drogenentzug gehören wir zu den Pionieren der Golfregion“, sagt Chefarzt Osama Ahmad Alibrahim. Dschiddas Al-Amal Klinik wurde bereits 1980 gebaut. Zwischen den sechs beigefarbenen Patienten-Bungalows auf dem weitläufigen Gelände liegen Schwimmbad und Turnhalle, Krafträume und Werkstätten, Moschee und traditionelles Beduinenzelt als Treffpunkt der Patienten.

Wer sich hier zur Therapie anmeldet, darf während der ersten sechs Monate das mit einer hohen Mauer umgebene Gelände nicht verlassen. Einzig der Bungalow für drogenabhängige Strafgefangene ist vergittert und zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. Drei Wochen dauert die körperliche Entgiftung, gefolgt von zwei Monaten Verhaltenstherapie im Umgang mit der Suchtkrankheit sowie weiteren drei Monaten Sozialtraining und Rehabilitation. Zweimal pro Woche darf die Familie kommen, Handys sind verboten, selbst dem medizinischen Personal ist das Rauchen auf dem Areal untersagt.

Speziell geschulte Islamische Theologen sind mit im Team

80 Mediziner, Psychologen, Drogenberater und Sozialarbeiter kümmern sich um die Suchtkranken zusammen mit 220 Krankenpflegern. Viele Therapeuten haben einen Teil ihrer Ausbildung in Europa, Kanada oder den Vereinigten Staaten absolviert. Die Behandlung folgt internationalen Standards, „etwas modifiziert und an unsere Gesellschaft angepasst“, wie es die Klinikleitung formuliert. So sind speziell geschulte islamische Theologen mit im Team, die mit den Patienten vor allem über ihre tiefsitzenden religiösen Schuldgefühle reden. In der Kunsttherapie dagegen stehen die Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung im Mittelpunkt.

Die einen illustrieren sich während ihrer Drogenzeit als lebende Skelette oder als von einer Todesspinne Gefangene, die anderen als Beinamputierte mit Heroinspritzen als Prothesen oder als Todgeweihte, die im schwarzen Sumpf versinken, umringt von Fixerbesteck, Whiskyflasche und Captagon-Aufputschtabletten. 72 000 Patienten haben die saudischen Drogenkliniken nach einer eigenen internen Statistik bisher behandelt, die Rückfallquote jedoch ist hoch und liegt offenbar bei 70 Prozent.

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