• Ehemaliges Fitness-Model nahm Anabolika: "Irgendjemand ist immer knackiger als man selbst"

Ehemaliges Fitness-Model nahm Anabolika : "Irgendjemand ist immer knackiger als man selbst"

Anja Zeidler nahm Anabolika, um es als Model auf die Titelblätter zu schaffen. Sie ruinierte fast ihren Körper. Nun will sie Aufklärung betreiben.

Anja Zeidler links als anabolikasüchtiges Fitnessmodell und rechts nach ihrer Abkehr vom Selbstoptimierungswahn.
Anja Zeidler links als anabolikasüchtiges Fitnessmodell und rechts nach ihrer Abkehr vom Selbstoptimierungswahn.Foto: Bea Zeidler

Für ihre Karriere als Fitnessmodel nahm die Schweizerin Anja Zeidler harte Dopingmittel und ließ sich mehrmals operieren. Nach großem Leid schaffte die 25-Jährige schließlich den Ausstieg aus der Szene. Heute schreibt sie in Blogs, Büchern und auf Instagram über ihre Erlebnisse und einen gesunden Umgang mit dem eigenen Körper.

Frau Zeidler, diese Woche sind bei einer internationalen Razzia von Europol 24 Tonnen Steroidpulver beschlagnahmt worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der größte Teil für Freizeitsportler und Fitnessstudiogänger bestimmt war.

Das wundert mich nicht. Ich bin selbst ohne Probleme in einem Fitnessstudio an anabole Steroide und andere Mittel gekommen. Ich denke, dass der Handel und der Verkauf von Dopingmitteln in den meisten Studios gang und gäbe ist.

Noch vor fünf Jahren waren Sie in populären Magazinen wie „Men’s Health“ oder „GQ“ abgebildet. Wie sind Sie Fitnessmodel geworden?

Ich war ein Kindermodel und das Modeln war auch im Erwachsenenalter mein Berufswunsch. Dafür hatte ich aber ein paar Kilogramm zu viel. Ich musste abnehmen. Und das geht eben nur über Ernährung und Sport – und über Doping.

Das Sie im Fitnessstudio bekamen.

Ja. Ich war in einem Studio in Los Angeles. Aber das spielt im Grunde keine Rolle. Es wäre in der Schweiz oder in Deutschland wahrscheinlich auch nicht anders verlaufen. Jedenfalls hatte ich sehr schnell dort Kontakt zu Dealern, die das Doping direkt von Ärzten bezogen.

Was haben Sie genommen?

Ich habe Appetitzügler eingenommen, ein Medikament, das die Atemwege erweitert sowie Wachstumshormone. Die genauen Medikamente oder Dosierungen möchte ich nicht nennen.

Warum nicht?

Weil mich immer noch Leute anschreiben und fragen, was ich damals eingenommen haben. Sie wollen auch so aussehen wie ich damals, obwohl sie wissen, dass mich die Mittel kaputt gemacht haben. Es ist verrückt.

Wie war die Wirkung?

Sie war enorm – in beide Richtungen. Innerhalb weniger Woche hatte ich einen großen Muskelzuwachs. An mir war quasi kein Gramm Fett mehr, die Fettverbrennung war unnatürlich schnell.

Was waren die negativen Folgen?

Ich bekam unreine Haut, eine tiefe Stimme, die Periode blieb aus und am schlimmsten war eine Art Wesensveränderung, die mit dem Dopen einherging. Ich war nicht mehr die Anja, wie ich mich selbst kannte und wie mich andere kannten.

Warum haben Sie weiter gedopt?

Ich war krank zu der Zeit, wie in einem Tunnel. Ich war sportsüchtig, essgestört und anabolikasüchtig. Ich legte sogar noch eine Schippe drauf, als der Redaktionsleiter eines Magazins meinte, dass ich es nur dann aufs Cover schaffen würde, wenn mein Bauch noch härter und meine Brüste größer würden.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe noch mehr gedopt und meine Brüste vergrößern lassen. Ich kann es, im Nachhinein betrachtet, kaum begreifen.

Was brachte Sie doch zum Umdenken?

Mein körperlicher und seelischer Zustand. Ich wusste, ich muss aus dem Fitnesstunnel irgendwie rauskommen – schnell.

Was passierte dann?

Nach der Absetzung der Mittel nahm ich in wenigen Monaten 16 Kilogramm zu. Ich bekam überall Wassereinlagerungen. Ich litt an Stimmungsschwankungen und wahren Fressorgien. Es war schlimm. Nach anderthalb Jahren war ich körperlich und seelisch wieder einigermaßen im Gleichgewicht.

Die Fitnessbranche boomt nach wie vor. Wer Ihre Geschichte hört, wird das mit Sorge betrachten.

Man sollte zumindest vor den Gefahren warnen. Ich denke auch, dass soziale Medien wie Instagram ein Problem sind. Dort wird ein surreales Körperbild vermittelt und gleich eine Anleitung mitgegeben, wie man es erreichen kann. Mit allerhand harmlosen und weniger harmlosen Mittelchen. Und wer es richtig ernst meint wie ich damals, der greift zu hartem Doping. Und das Schlimme ist auch: Der perfekte Körper ist unerreichbar.

Wie meinen Sie das?

Gerade bei Instagram findet man immer jemanden, der noch knackiger ist als man selbst. Wenn man dem nacheifert, wie ich es getan habe, kann man dem Körper großen Schaden zufügen.

Waren Sie Vorbild für andere?

Ja, sicher. Und es tut mir leid, dass ich womöglich keinen guten Einfluss auf andere hatte. Das ist auch ein Grund, warum ich nun vor dem, was ich gemacht habe, warnen will. Meine Geschichte soll den Menschen, die dem surrealen Körperbild nachjagen, Angst machen und sie letztlich davor bewahren.

Das Gespräch führte Martin Einsiedler.

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