Ehrenbürgerschaft für Sigmar Gabriel : Der König von Goslar

Sigmar Gabriel in der Heimat: Der Ex-Außenminister wird Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Goslar. Beim Festakt mit dabei: die Krise der SPD.

Oliver Junk (CDU, l), Bürgermeister der Stadt Goslar, verleiht Sigmar Gabriel (SPD) Ehrenbürgerrecht der Stadt Goslar.
Oliver Junk (CDU, l), Bürgermeister der Stadt Goslar, verleiht Sigmar Gabriel (SPD) Ehrenbürgerrecht der Stadt Goslar.Foto: Swen Pförtner/dpa

Die Kaiserpfalz thront auf ihrem Hügel über der Stadt. Sie strahlt. Das ehrwürdige Gemäuer gibt der Stadt die Sonne zurück. Am Aufgang zum großen Saal steht Sigmar Gabriel, Frau und Tochter neben sich. Ein Taxifahrer will unbedingt noch ein Bild mit ihm. Gabriel nickt und lächelt. Sanft und selig, nicht nur für seine Verhältnisse. Heute ist ein besonderer Tag. Er wird Ehrenbürger seiner Heimatstadt Goslar. Der Festakt beginnt.

Als er da oben steht, die Urkunde in der Hand, die seine mannigfachen Verdienste um Goslar würdigt, um die freie Reichsstadt mit großer Tradition, weht ihn die Erinnerung an. Seine Mutter, daran denkt er zurück, hätte vor 50 Jahren sicher nicht gedacht, dass ihrem Sohn einmal eine solche Ehre zuteil werden würde. Und diese Ehre auch noch initiiert von Oliver Junk, einem CDU-Oberbürgermeister, der es sich nicht nehmen lässt, ausführlich all die kommunalen Errungenschaften aufzuzählen, die sich mit dem Namen Gabriel verbinden. Dabei habe er schon 50 Prozent weggelassen, sagt er später noch.

Das also ist die Heimat, die Sigmar Gabriel meint, wenn er in der großen Politik von der Verwurzelung redet, von dem Behaustsein und Beschütztsein, das der Mensch brauche. Ja, hier ist er Mensch, hier darf er’s sein, das strahlt er aus. Überall Freunde, Wegbegleiter, von frühesten Anfängen bis heute. Freunde aus der Zeit, als er bei den „Falken“ Jugendlager organisierte, ganz sicher wegen des Sozialismus, aber vielleicht ein bisschen auch wegen der Mädchen, verrät Gabriel.

Realschule, Lehrerzeit, Kommunalparlament, Landesparlament, man kommt mit den Stationen seines Lebens gar nicht mehr hinterher. Aber Ratsherr in Goslar war Gabriel doch tatsächlich noch bis 1999, bis er zum Ministerpräsidenten Niedersachsens gewählt wurde. Vorgänger Gerhard Glogowski nickt dazu.

Steinmeier und Gabriel: das ist eine besondere Geschichte

Ja, es sind natürlich auch Honoratioren da, viele, kaum zu überschauen. Matthias Platzeck ist gekommen, Steffen Kampeter von der CDU, Hartmut Koschyk von der CSU. Peter Maffay und Klaus Meine. Klaus Hofsäß, der ihm bis heute beim Tennis und mit guten Worten hilft. Boris Pistorius, der Landesinnenminister, und Doris Schröder-Köpf. Politiker, Unternehmer, Musiker, Goslarer. Mittendrin Gabriel als Mensch unter Menschen.

Und der Bundespräsident ist der Laudator. Noch eine Ehre, eine ganz besondere. Denn Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel, das ist auch eine besondere Geschichte. In den 1990er Jahren haben sie sich getroffen, in der Landespolitik, Steinmeier als Abteilungsleiter und dann Staatskanzleichef in Hannover, Gabriel als Fraktionschef. Steinmeier sollte auf Gabriel aufpassen, auf ihn und Thomas Oppermann, der heute Bundestags-Vizepräsident ist. Das wollte der damalige Ministerpräsident, ein Politiker namens Gerhard Schröder.

Wie haben sich Steinmeier und Gabriel damals gestritten über den Haushalt, in kurzen Hosen unter einem Apfelbaum ins Goslar. Das hat sich bis heute gehalten. Die beiden sind nicht immer einer Meinung, sogar eher selten. Aber Respekt vor den Gaben des anderen verbindet sie. Gabriel, das „Political Animal“, eine rhetorische Wucht, politisch ungestüm; und Steinmeier, Logiker der Macht, Sachwalter im besten Sinn. So kommt es ja auch, dass er heute Bundespräsident ist: weil Gabriel die Konkurrenten samt Bundeskanzlerin gleichsam überwältigte, überzeugt, den besten Kandidaten zu haben. Er überzeugte ja auch den.

Die Lage der SPD ist unausgesprochen Thema

Was beide darüber hinaus eint: die Sorge ums Gemeinwesen, um die Demokratie, wie wir sie kennen und vielleicht nach so vielen guten Jahrzehnten nicht mehr ausreichend zu schätzen wissen. Unsere Demokratie, die nicht zuletzt von Parteien getragen wird. Gabriel ist mehr als 40 Jahre in der SPD. Was in diesen Tagen auch schon eine Ehrung wert wäre, wie Oberbürgermeister Junk sagt. Da muss nicht nur Gabriel lachen. Junk, der übrigens früher in der CSU war.

Ja, die Lage der SPD ist unausgesprochen ein Thema. Es steht im Raum, füllt ihn aus, zumal vor dem Wandbild mit dem Kaiser, dem sie huldigen; am Rande Bismarck, der da vielleicht gerade nicht an die Sozialistengesetze denkt. Anderthalb Jahrhunderte SPD, eine stolze Zeit – und der der Blick fällt auf Martin Schulz, platziert ganz vorne, in der ersten Reihe, in der er politisch doch nicht mehr ist. Ein Platz gegen jedes Protokoll, weil Sigmar Gabriel das so wollte. Um Schulz anschauen zu können, als er über Freundschaft und übers Verzeihen spricht, übers Versöhnen, weil das doch so viel wichtiger sei, als alles Politische oder die politische Auseinandersetzung sein könne.

Der Blick, die Worte – beides zusammen wird zum Signal von Goslar. Gabriel will sich mit seiner SPD versöhnen, er will verzeihen und, ja, bittet mit seiner Erinnerung an einen anderen, einen früheren Goslarer Oberbürgermeisters um Verzeihung. Das habe er von dem gelernt, sagt Gabriel. Er sagt es, einfach. Martin Schulz applaudiert Sigmar Gabriel kräftig, Matthias Platzeck auch. Drei Vorsitzende der SPD, und der Bundespräsident ist Zeuge.

Andrea Nahles ist nicht da. „Vielleicht wird ja heute Abend noch was frei“, hatte Oberbürgermeister Junk unter verständnisinnigem Gelächter gesagt.

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