"Viele schämen sich für das, was ihre Regierungen in Griechenland durchgesetzt haben"

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Ein griechischer Arzt berichtet : „Wer kein Geld hat, der stirbt“
Georgis Vichas leitet eine Poliklinik, wo Ärzte allen Patienten ohne Krankenversicherung kostenlos Hilfe bieten.
Georgis Vichas leitet eine Poliklinik, wo Ärzte allen Patienten ohne Krankenversicherung kostenlos Hilfe bieten.Foto: Yannis Kolesidis

Früher haben griechische Ärzte zusätzlich zu ihrem staatlichen Gehalt auch von den Patienten noch Geld gefordert. Sie auch?

Nein, habe ich nicht. Das Unerträgliche ist, dass es sogar heute noch vorkommt – und keiner von denen bisher vor Gericht gestellt wurde, nicht ein einziger. Ich versuche seit Monaten, im Ärzteverband die dafür zuständigen Ausschüsse dazu zu bringen, dagegen vorzugehen. Leider bisher ohne Erfolg.

Gleichzeitig gibt es aber auch viele, die etwas gegen das Elend tun. Wie viele Ärzte arbeiten hier unbezahlt?

Wir sind 100 Ärzte aus allen Fachrichtungen und dazu 200 Schwestern, Pfleger und Fachkräfte.

Und wie viele dieser kostenlosen Ambulatorien für Notleidende gibt es?

In ganz Griechenland sind es 50, davon acht in Athen.

Wie finanzieren Sie das?

Wir nehmen grundsätzlich kein Geld an, nur Sachspenden. Davon bekommen wir zum Glück sehr viel von Bürgern aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland und Österreich. Ein kleinerer Teil kommt auch aus Frankreich und Italien. Vergangen Monat konnten wir mit dem Material unserer Spender sogar zwei ganze Lastwagenladungen an öffentliche Krankenhäuser weitergeben.

Die Spenden kommen von den Exilgriechen?

Nein, nicht von Griechen, unsere Spender sind ganz normale Leute aus anderen europäischen Ländern.

Da leisten also Bürger die Solidarität, die ihre Regierungen verweigern?

Es gibt eben auch in Deutschland oder Frankreich jene, die nicht mit dieser Politik einverstanden sind. Ich habe viele getroffen, die sich schämen für das, was ihre Regierungen in Griechenland durchgesetzt haben.

Können Sie und Ihre Kollegen in den anderen Freiwilligen-Gesundheitszentren nun die Versorgung leisten, die wegen der Kürzungen im öffentlichen System fehlt?

Ach, da ist gar nicht dran zu denken. Wir können das Leid lindern, aber das ersetzt keine ordentliche Gesundheitsversorgung. Es ist wirklich eine Tragödie. In den öffentlichen Krankenhäusern fehlt es an allem, nicht nur an Ärzten, sondern sogar an Verbandsmaterial oder Desinfektionsmitteln. Das hat oft schlimme Folgen. Vergangenes Jahr gab es zum Beispiel in einer Geburtsklinik im Norden Griechenlands über Monate keine richtigen Nabelschnurklemmen. Das hat viele Babys fast das Leben gekostet.

Wenn die Lage so schlimm ist, rufen vermutlich jeden Tag viele Leute bei Ihnen an, und bitten dringend um Hilfe. Wie halten Sie das aus?

Manchmal ist es furchtbar. Dann wache ich mitten in der Nacht auf und denke zum Beispiel an die Mutter, die ihr Kind nicht retten kann, oder den Krebskranken, der eigentlich eine teure Behandlung braucht, die wir ihm nicht bieten können. Es gibt Tage, da fühle ich mich sehr frustriert und deprimiert.

Die neue Linksregierung hat versprochen, diese humanitäre Notlage zu bekämpfen. Hat sich die Lage seit deren Amtsantritt im Februar nicht gebessert?

Na ja, wenn ein Wagen mit Vollgas bergab fährt, und man wechselt den Fahrer, dann ist die Fahrt in den Abgrund noch lange nicht vorbei. Immerhin gibt es jetzt Nahrungsmittelgutscheine und Strom für die ganz Armen. Die neue Regierung hat außerdem ein Gesetz verabschiedet, wonach auch die Nichtversicherten Zugang zu den öffentlichen Kliniken haben. Praktisch ist das allerdings noch keine wirkliche Hilfe, weil das öffentliche System mangels Personal und Ausrüstung völlig überfordert ist.

Es fehlen Ärzte und Pfleger.

Ja, sicher. 4000 Ärzte sind ins Ausland gegangen, davon 2500 nach Deutschland. Und selbst wenn die Menschen einen Termin bekommen, heißt es nicht, dass ihnen auch geholfen wird. Oft fehlen die nötigen Geräte, oder die Medikamente sind unbezahlbar teuer. Wir müssen also weiter kämpfen und die Regierung unter Druck setzen.

Die Chance auf Besserung der Lage ist gering?

Ehrlich gesagt, ich erwarte wenig von den Regierungen, sowohl hier als auch im übrigen Europa. Die Lage ist zu verfahren und aufgeheizt. Am meisten Hoffnung schöpfe ich aus der ungeheuren Solidarität der Menschen untereinander bei uns und aus der großen Unterstützung unserer Freunde in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Das macht mir Mut.

Haben Sie je erwogen, selbst in die Politik zu gehen, um das System auf diesem Weg zu ändern?

Ja, ich habe darüber nachgedacht. Mehr aus Verzweiflung als aus Überzeugung. Ich habe mich sogar für Syriza bei der vergangenen Wahl nominieren lassen, weil ich mich verpflichtet fühlte. Aber ich habe dann keinem Journalisten davon erzählt, keinerlei Wahlkampf gemacht und bin auch nicht gewählt worden. Darüber bin ich jetzt ganz froh. Mein Platz ist bei den Kranken, die brauchen mich.

Mehr über die "Metropolitan Community Clinic" erfährt man auf der englischsprachigen Website.

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