Ein Jahr vor dem Brexit : Warum ich für den Brexit gestimmt habe

In einem Jahr verlässt Großbritannien die EU. Unser Autor, der britische Journalist Roger Boyes, kann es kaum erwarten. Warum er dafür gestimmt hat. Ein Essay.

Ist Großbritannien noch super? Das Land ist dabei, sein Selbstbewusstsein und seinen Unternehmergeist zu verlieren, schreibt unser Autor, der britische Journalist Roger Boyes. Gerade deshalb braucht es den Brexit. Im Bild: Anti-Brexit-Demonstranten in Edinburgh, Schottland, am 24. März 2018.
Ist Großbritannien noch super? Das Land ist dabei, sein Selbstbewusstsein und seinen Unternehmergeist zu verlieren, schreibt unser...Foto: REUTERS/Russell Cheyne

Ein eiskalter Wind fegt durch Margate. Der Dichter T. S. Eliot kam 1921 nach einem Nervenzusammenbruch in den Badeort, um sein dichtes episches Gedicht „Das öde Land“ zu schreiben. Das meiste davon kritzelte er in ein Notizbuch, während er Schutz suchte in einem der Strandpavillons an der Promenade. Das Epos handelt von der Fragmentierung des Lebens nach dem Ersten Weltkrieg, diesem Gefühl, dass die Welt auseinanderbricht. „April ist der übelste Monat von allen“, schrieb er und meinte damit, dass Veränderungen von Übel sind, genauso unvorhersehbar und unbeständig wie der Wechsel der Jahreszeiten.

Jetzt haben wir den März 2018 in Margate. Es ist noch genau ein Jahr Zeit, bevor die Briten die Europäische Union verlassen; die ganze Nation ist zerstritten, zersplittert oder benebelt. Auf Eliots Bank liegt ein Obdachloser, der Schlafsack in Khaki kennzeichnet ihn als Kriegsveteranen. Ich widerstehe der Versuchung, mir die Geschichte seines harten Schicksals anzuhören, und pflüge weiter meines Weges entlang des Sandstrandes, stemme mich dem Sturm entgegen, an den Amüsierarkaden vorbei, dem wiederaufgebauten „Dreamland“-Jahrmarkt, vorbei auch an einem Club, der mit einer Bee-Gees-Coverband wirbt, lasse einen verschlossenen Burgerladen und die Bude eines Wahrsagers hinter mir, gehe den Marine Drive hoch und betrete ein gut geheiztes Fischrestaurant, The Buoy and Oyster. Nach mehr als einer Meile auf meinem Samstagsmorgenmarsch ist es der erste Laden, der geöffnet, voll besetzt und einladend ist.

Ein Jahr vor dem Brexit ist die ganz Großbritannien zerstritten, zersplittert, benebelt

„Das ist ja wie in den verdammten Siebzigern da draußen“, sage ich, aber die Kellnerin versteht es nicht. Später kommt der Eigentümer Simon Morriss an meinen Tisch. Als Koch hat er schon in Frankreich, Italien und Österreich gearbeitet. Und er ist erst 30. Ich hatte mit 30 noch Pickel; er hat ein Restaurant am Strand, das sogar an einem Tag, an dem der Wind draußen pfeift, voll ist.

Es gibt zwei Margates. Das erste besteht aus missgünstigen Patrioten, örtlichen Chauvinisten, die sich wehmütig zurücksehnen in eine Ära, als Margate zu den Lieblingsurlaubsorten der Briten gehörte: Es gab Strände, Eselreiten und die Wintergärten, in denen Stars auftraten. Dann kam der Pauschaltourismus nach Spanien und Margate versäumte es, sich neu zu erfinden. Die großen Appartmenthäuser im Stadtteil Cliftonville, hoch oben an der Steilküste mit Blick aufs Meer, waren einst im Sommer bis zum Brechen voll. In den Achtzigern verkamen sie zu leeren Ruinen. Als Tony Blair regierte, wurden in ihnen Flüchtlinge und Einwanderer geparkt: Um sicherzustellen, dass in den Großstädten keine Ghettos entstanden, wurden Gemeinden mit hohem Immobilienleerstand ermutigt, Asylbewerber aufzunehmen.

„Sie hängen rum, machen einen Höllenlärm, machen ihre Geschäfte und stieren den Frauen hinterher“, sagt Maise, die mit ihrem Hund Gassi geht und eine Zigarette raucht. „Sie leben von Sozialleistungen, bezahlt von unseren Steuern, und unsere jungen Leute bekommen keine Chance.“ Eingewickelt in einen Schal, lässt sich ihr Alter schwer einschätzen. Sie sagt, sie sei „Anfang 60“. Maisie zeigt auf die andere Straßenseite. „Sie sind der Grund dafür, dass hier jeder für den Brexit gestimmt hat.“ Ich kann niemanden sehen. Nur Maisie, der Hund und ich sind hier. Die Flüchtlinge rauchen ihre Zigaretten wohl drinnen.

In Südengland mussten viele Gemeinden ihrem eigenen Niedergang zusehen. Dann kamen die Asylbewerber

Sie hat aber einen Punkt. Nicht nur in Margate, sondern auch in Ramsgate – wo Karl Marx seinen Urlaub verbrachte –, in Broadstairs und in dem breiten Küstenstreifen in Kent und Essex haben die Wähler ihre Stimme dem UKIP-Clown Nigel Farage gegeben. Sie wollten die eigene Irrelevanz nicht akzeptieren, die Art und Weise, wie sie zur Seite gespült wurden von dem, was die meisten Leute bloß als gutartige Effekte der Globalisierung ansehen. Sie haben den Abstieg ihrer Gemeinden mitansehen müssen, ausgelöst durch Billigflieger und neue, sonnigere Urlaubsziele. Und sie sind wütend, dass sie zur Abladestelle für Ausländer geworden sind.

Roger Boyes ist ein britischer Journalist und Buchautor. Von 1993 bis 2010 berichtete er als Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“ aus Deutschland. In dieser Zeit schrieb er auch eine Kolumne für den Tagesspiegel.
Roger Boyes ist ein britischer Journalist und Buchautor. Von 1993 bis 2010 berichtete er als Korrespondent der britischen...Foto: promo

„Ich sehe kein Problem in Cliftonville“, sagt der Restaurantbesitzer Simon. Das liegt daran, dass er für das neue Margate steht. „Nadine und ich haben uns direkt in den Ausblick verliebt“, sagt er. Sechs Monate vor der Brexit-Abstimmung übernahm er das zweistöckige Restaurant von einem Ehepaar aus Litauen. Die hatten unten einen Supermarkt und oben ein Café mit osteuropäischen Spezialitäten. Wir essen Krabben, Austern, wilden Heilbutt, alles bezogen von den Fischern vor Ort. Das Gemüse kommt vom Bauern aus der Region. Kent ist auch bekannt als der Garten Englands. Hier wächst alles.

„Niemand in unserem Geschäft, weder wir in der Gastronomie und im Tourismus noch unsere Lieferanten, können auf Dauer mit der Unsicherheit leben“, sagt Simon über die zähen Brexit-Verhandlungen. Die Fischer favorisieren den Ausstieg aus der EU. Sie sind schon lange überzeugt, dass ihre Gewässer unter Überfischung durch die europäische Konkurrenz leiden. Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist marginal, ihr politischer Einfluss dagegen riesig: Theresa Mays dünne Mehrheit im Unterhaus hängt von einigen konservativen Politikern ab, die in schottischen Hafenstädten gewählt wurden, sowie einigen Unionisten in Nordirland, die schon lange fordern, dass Großbritannien die Kontrolle über seine Gewässer ausweiten sollte. Enttäuscht May die Fischer, verliert sie ihre Macht.

Die Mitgliedschaft in der EU wurde in Großbritannien zur Generalausrede für jedes politische Versagen

Die Bauern sehen das etwas differenzierter. Sie haben von EU-Subventionen stark profitiert. Die Regierung ermutigt sie jetzt dazu, intensiver über ihre Aufgabe nachzudenken. Wenn sie einen Teil ihrer Arbeit nicht nur dem Bioanbau widmeten, sondern auch der Erhaltung der Landschaft und der Artenvielfalt, dann würde London sie mit ähnlich üppigen Subventionen und Krediten unterstützen wie bisher die EU. Das verspricht zumindest Michael Gove, der Brexit-Ideologe und amtierende Landwirtschafts- und Umweltminister. Die Bauern sind in zwei Lager aufgeteilt, in diejenigen, die in Gove, so wie in all seinen Vorgängern, jemanden sehen, den man hinters Licht führen kann, und die anderen, die frustriert sind von der Drosselung der wettbewerbsfähigen britischen Landwirtschaft durch die EU. Egal welcher Gruppe sie angehören, es herrscht eine Art unguter Waffenstillstand mit der Regierung.

Auch die Dienstleistungsbranche macht sich Sorgen: dass sie ihr Personal aus anderen EU-Ländern verliert, dass Kunden nervös werden und weniger Geld ausgeben, dass ein schwaches Pfund die Inflation treibt und dann die Zinsen steigen, Großbritannien vor einer Schuldenkrise steht, sich die Europäer woanders wohler fühlen werden und sich die Briten am Ende nur um sich selbst drehen.

Die Spaltung zwischen dem nervös nach vorne schauenden Margate und dem nervös missgünstigen Margate steht stellvertretend für die politische Lage in Großbritannien. In Margate hoffen Optimisten wie Simon auf einen Imagewandel der Stadt: Ein Hochgeschwindigkeitszug bringt wohlhabende Londoner in 90 Minuten an die Küste. Ein von David Chipperfield entworfenes Museum feiert William Turner, einen der bekanntesten britischen Landschaftsmaler.

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