Eine neue friedliche Revolution : Warum wir in diesen Tagen in den Libanon schauen sollten

In einem Land läuft es jetzt, heute, so ähnlich wie damals in der DDR. Und das ist der Libanon. Ein Kommentar.

Bunt, fröhlich, friedlich: Die Proteste im Libanon.
Bunt, fröhlich, friedlich: Die Proteste im Libanon.Foto: AFP/Ibrahim Chalhoub

Eine Deutschlehrerin, die in Frankreich unterrichtet, hat mir eine Mail geschickt. Bei euch in Deutschland, schreibt sie, wird doch gerade groß und zu Recht des Mauerfalls vor 30 Jahren gedacht. Man sieht im Fernsehen wieder die Bilder von damals. Ein Volk wirft die Fesseln der Angst ab. Der Protest ist friedlich. Anderswo auf der Welt gibt es heute Bürgerkriege und gewalttätige Aufstände gegen autoritäre Regimes. In einem Land aber läuft es, jetzt, heute, so ähnlich wie damals in der DDR. Noch ist offen, ob die friedliche Revolution gelingt.

Dieses Land ist der Libanon.

Es geht dort um die Abschaffung eines korrupten Systems, das die Bevölkerung seit 30 Jahren, also etwa seit dem Ende der DDR, unter der Knute hält. Faktisch herrscht die islamistische Hisbollah über große Teile des bankrotten, ausgeplünderten Landes, in dem Hunderttausende syrische Flüchtlinge in Lagern leben. Die Herrschenden behaupten, die einzige Alternative zu ihnen sei der Bürgerkrieg. Ob das stimmt, wage ich nicht zu beurteilen.

Seit Wochen wird jedenfalls demonstriert, ohne dass es, Stand von heute, zu Ausschreitungen der Protestierenden kommt. Mutige Frauen bilden oft Menschenketten um die Demonstrationen, um Gewalt beider Seiten zu verhindern, gegen die brutale Hisbollah hilft das nicht immer. Eine Autobahn wurde blockiert, nicht mit brennenden Reifen, sondern mit Sofas und Yogakursen mitten auf der Fahrbahn. Erstaunlich ist für diese Weltgegend auch, dass die Proteste keine antiisraelische Note zu haben scheinen.

Erste Erfolge sind da, die Regierung musste zurücktreten

Als Extremisten israelische Fahnen verbrennen wollten, wurden sie von anderen Demonstranten daran gehindert. „Welch schönere Botschaft an die Libanesen könnte es geben“, schreibt die Lehrerin, „als dass Deutsche ihnen eine Ermutigung schicken, von Volk zu Volk, die Demonstranten von ’89 an die von ’19, haltet durch, verlasst auf keinen Fall den Weg der Gewaltfreiheit, denkt an unseren Sieg.“

Erste Erfolge sind da, die Regierung musste zurücktreten. Der arabische Frühling ist noch nicht ganz vorbei. Trotzdem wurde ich ein wenig melancholisch, als ich den Brief las. So viele Diktaturen oder, im Falle Libanon, korrupte Regierungen sind in den vergangenen Jahrzehnten auf die eine oder andere Weise gestürzt worden, groß war der Jubel, nicht immer war der Sieg dauerhaft.

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Was wurde aus Russland? Was aus dem Irak und Libyen? In Venezuela und Syrien sind Herrscher entschlossen, ihre Länder eher in Blut zu ersäufen, als auf die Macht zu verzichten. Die Deutschen in der DDR haben ungewöhnliches Glück gehabt, auch im Vergleich zu anderen postkommunistischen Staaten. Man muss wachsam bleiben, und zwar nach beiden Seiten, nicht nur auf der rechten.

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