Nazi-Angriffe mit Eisenstangen und Ketten

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Einwanderer in Freital : Der Rassismus ist nicht neu
Sophie Rohrmeier dpa

Im Gespräch blickt sie zu Boden, nur auf den Boden. „Bitte nicht“, lautet ihre Antwort auf weitere Fragen. „Bitte nicht.“ Eine andere vietnamesische Einwanderin legt auf, als das Telefongespräch auf das Thema Fremdenfeindlichkeit kommt. Die Frauen wollen sich schützen. Jurk sagt, sie selbst oder andere Spätaussiedler erführen heute keine Fremdenfeindlichkeit mehr, Vietnamesen auch nicht. Die Integration der Asylsuchenden von heute wird gelingen, meint sie. „Das soll funktionieren, das wird funktionieren, wie mit uns damals.“

Früher, so erzählt Jurk, hatten viele Vietnamesen keine Namensschilder an der Türklingel. Sie wollten nicht, dass vietnamesische Mafiosi sie finden - oder deutsche Rechtsextremisten.

Es war im September 1991, ein Jahr vor den Brandanschlägen in Rostock-Lichtenhagen. Etwa 60 Skinheads griffen damals in Freital rund 30 Vietnamesen mit Eisenstangen und Ketten an. Danach wurden bei einer Attacke gegen ein nahes Ausländerwohnheim zwei Menschen verletzt. In der Woche zuvor war eine schwangere Vietnamesin von Rechtsextremisten schwer misshandelt worden.

Im Jahr 2015 ziehen wieder Rechtsextremisten durch die Stadt. „Als diese schwarz gekleidete, aggressive Masse durch Freital lief, da habe ich auch Angst gehabt, und nicht bloß ich“, sagt Jurk. Es gab mehrere Angriffe auf das Flüchtlingsheim. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) konnte schließlich nicht anders, als sich in Freital zu zeigen, kurz. Spät nannte er Rassismus eine „Schande“. Zu spät, sagen viele. Im Juli explodierte in Freital das Auto eines Linken-Politikers. Später trafen Böller sein Büro und eine Flüchtlingswohnung. Unterstützer der neu ankommenden Flüchtlinge, Politiker und Freiwillige, berichten, dass sie Drohungen erhalten.

„Ich fühle mich beschissen von der Frau Kanzlerin“

Die Bevölkerung von Freital schrumpft, rund 38 000 Einwohner zählt die Stadt. An einem Samstagvormittag ist kaum jemand unterwegs auf der Dresdner Straße. Viele leere Geschäfte säumen die einzig große Achse der Stadt. Ein paar Rentnerinnen schauen in die Ladenfenster.

Nur noch etwa halb so viele Menschen zwischen 20 und 25 leben hier wie 1990. Die Zahl der 60- bis 65-Jährigen ist hingegen um fast 60 Prozent gestiegen. Der Anteil der ausländischen Bürger aber ist größer geworden in den Jahren nach der Vereinigung von Ost und West. Im Wendejahr waren eineinhalb Prozent der Freitaler Ausländer, im vergangenen Jahr waren es 2,6 Prozent, das waren 982 Menschen. Ohne sie wäre Freital heute leerer als ohnehin schon.

„Die Leute werden sich langsam daran gewöhnen. An Leute mit anderer Farbe, mit anderen Augen“, sagt Tatjana Jurk, die vor 14 Jahren selbst fremd hier war, aber nicht fremd aussah.

Auf der Straße aber sprechen manche Freitaler ganz anders über Fremde. „Ich fühle mich beschissen von der Frau Kanzlerin.“ Laut sagt diesen Satz eine Frau in einem Laden, wenige hundert Meter von Jurks Büro entfernt. „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...“, sagt sie. Dieser Satz ist eine Formel, häufig benutzt, nicht nur auf den islam- und fremdenfeindlichen Pegida-Kundgebungen in Dresden.

Die Frau in dem Laden in Freital sagt vieles nach dem „Aber“. Zum Beispiel dieses: „Es wurden schon so viele Kriege geführt auf dieser Welt. Es hat noch nie jemand so ein Drama drum gemacht.“ Das ist ihr Kommentar zur Fluchtbewegung aus Syrien.

Jurk arbeitet weiter daran, dass Menschen mehr erfahren über andere Kulturen, über Religionen und Migration. Mittlerweile ist sie Chefin des Integrationsnetzwerks Sachsen und Vize des Beirats für Integration und Migration des Sozialministeriums. Sie leistet wie viele Ehrenamtliche ihre Arbeit dort, wo Merkels „Wir schaffen das“ umgesetzt werden muss. An der Wand in ihrem Büro hängt ein orangefarbenes T-Shirt. Es ist ein Werbe-Shirt vom Bundesfreiwilligendienst. Sie hat es von der Kanzlerin bekommen.

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