Elektrokleinstfahrzeuge : Nur einen Schritt aufs Elektrokleinstfahrzeug

Bislang bewegen sich zwei Personengruppen mit Elektroantrieb auf den Fußwegen der Städte: Alte Senioren – in vierrädrigen Reha-Mobilen und Kinder auf zweirädrigen Hoverboards.Eine Kolumne

Werner van Bebber
Bis 20 km/h schnell dürfen die Elektrokleinstfahrzeuge sein, die das Verkehrsministerium auf Rad- und Gehwegen zulassen will.
Bis 20 km/h schnell dürfen die Elektrokleinstfahrzeuge sein, die das Verkehrsministerium auf Rad- und Gehwegen zulassen will.Foto: imago/ITAR-TASS

Für die alten Leute sind die Reha-Mobile eine Verbesserung: Sie können allein und ohne Hilfe zu Freunden, zum Seniorentreff oder zum Einkaufen fahren. Auch nicht mehr sehr kräftige Alte, die einen Rollstuhl allein nicht voranbringen könnten, bleiben beweglich. Das kann man wohl als gesellschaftlichen und technischen Fortschritt verbuchen (auch wenn das Wort nicht ganz passt).

Für dickliche Kinder auf elektromotorisch dahinbrausenden Hoverboards gilt das Gegenteil: Ihre Leistung besteht darin, nicht vom Board zu fallen. Sie wachsen noch und lernen schon, dass man Wege zurücklegen kann, ohne die Beine zu benutzen und den Puls zu beschleunigen. Sie sollten, nach biomedizinischen Erkenntnissen von der Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart, ihre Muskulatur trainieren. Die ist, wie manche vergessen haben, Teil des sogenannten Bewegungsapparats. Zwei Schritte – rauf aufs Board, runter vom Board – sind dafür zu wenig.

In den nächsten Monaten soll die älter werdende Bevölkerung einen neuen Mobilitätsfortschritt erleben: "Elektrokleinstfahrzeuge" werden auf Radwege losgelassen, auch mal auf Fußwege – die früher "Bürgersteige" genannt wurden. Nichts gegen Reha-Mobile, die dort heute schon fahren dürfen. Aber der Rest dessen, was den Leuten mühefreie Selbstbeförderung möglich machen soll, ist vollkommen entbehrlich.

Eigentlich könnte man das schon an der Werbung erkennen. Der Geschäftsführer eines Elektroroller-Herstellers wirbt allen Ernstes mit dem Satz: "Die Anbindungen im öffentlichen Nahverkehr sind in den Städten sehr gut, aber für die letzten paar hundert Meter, den Weg vom Bahnhof zum Ziel, fehlt noch das richtige Transportmittel". Auf der Internetseite eines Berliner Unternehmens, das elektrische Monowheels verkauft, kann man lesen, dass man seinen Radius verfünffache, ohne müde zu werden: "Von nun an werden hunderte Geschäfte im Umkreis von fünf Kilometern zur Verfügung sein". Das verspricht ein erfülltes Leben!

Tatsächlich werden mit elektrischen Tretrollern (die 30 Kilometer schnell sein können) und mit Longboards mit Elektroantrieb (manche schaffen 40 km/h) nicht Mobilität und Fahrspaß im öffentlichen Raum gefördert, sondern Konflikte und Unfallrisiken. Selbstverständlich ist in der wohl 2019 in Kraft tretenden "Elektrokleinstfahrzeugeverordnung" nach guter deutscher Sitte alles geregelt: wer wann womit wo fahren darf, ausgestattet mit dieser oder jener Fahrerlaubnis und verpflichtet, einen Fahrtrichtungswechsel anzuzeigen. Aber in einer Stadt wie Berlin, wo nicht mal das Parkverbot in der zweiten Reihe richtig durchgesetzt wird, gehört eine solche Verordnung ins Reich der Theorie.

"Rücksicht" helfe auch, hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer angemerkt und sich speziell auf die Berliner Verhältnisse bezogen. Damit hat er völlig recht – aber das hilft den Alten nicht, die noch zu Fuß unterwegs sind (es verhilft ihnen höchstens, nach dem Zusammenstoß mit dem rasenden Scooterhelden, ins Rehamobil). Radler auf Gehwegen sind ein Berliner Dauerproblem, alle Unfallmeldungen ändern daran nichts. In Kürze werden Rollerfahrer und rasende Elektro-Longboarder dazukommen, auch wenn Herr Scheuer allen schnellstmöglich Vorankommenden das Gegenteil empfiehlt. Zu den noch stärker als bislang gefährdeten Spezies werden außer den Alten auch Mütter und Väter mit kleinen Kindern gehören, für die der Fußweg der erste und letzte öffentliche Schutz- und Schonraum ist. Zu den einfach bloß Genervten werden dann alle gehören, die noch willens und in der Lage sind, mehr als "die letzten paar hundert Meter" zu gehen.

Es soll Leute geben, die noch den Weg vom Schreibtisch bis zum Papierkorb auf den Rollen ihres Drehstuhls absolvieren. Was macht man mit und in einer Gesellschaft, die in Teilen den Lebensstil eines "couch potatoe" aufs Unterwegssein übertragen hat? Regulieren? Damit tut man sich schwer im durchliberalisierten Deutschland, wo jeder nach seiner Façon glücklich werden soll – oder eben bequem. Stimulieren? Das ist den Krankenkassen überlassen, von denen einige die Bemühungen ihrer Mitglieder um Fitness anerkennen, wenn auch mit seltsamen Bonusprogrammen. Es bleibt nicht viel außer der Empfehlung, das Gehen im Selbstversuch wiederzuentdecken.

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