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Empörung weltweit : Was ist heute noch links?

Das Herz schlägt links. Wer jung ist, darf träumen, auch vom Unmöglichen. Wer links ist, bleibt jung. Denn, ja, die Welt ist veränderbar, der Mensch gut, Utopien schön, Kompromisse faul. Aber wer die Welt verändern will, der kann sie kaum vermeiden. Wo immer Linke sich neu aufstellen, tauchen in ihren Reihen hartnäckige Kritiker auf. Revisionisten, Reformlinke, Realos, die behaupten, dass der Handelnde sich immer schuldig macht und schlagend nachweisen, dass edle Gesinnungsethiker meist weniger erreichen als handfeste Verantwortungsethiker.

Irgendwie typisch links, wenn eine Partei sich die „Linke“ nennt, und damit sprachlich reklamiert, die einzig wahre Linkspartei zu sein. Linke neigen zu Rechthaberei. Aber Alleinvertretungsansprüche stoßen ab, nicht nur, weil sie eine Quelle der Irrtümer und Verbrechen waren, die zur Geschichte der Linken gehören. Der Kapitalismuskritiker von heute träumt selten vom Sozialismus. Eher von echter Marktwirtschaft statt eines Sozialismus für Banken, die für ihre Risikowirtschaft andere, die Steuerzahler, haften lassen können. Die linken Tugenden und Anmaßungen produzieren unweigerlich einen Pluralismus, ein ganzes Panorama von Typologien und politisch-kulturellen Stilrichtungen. Da ist der Gutmensch, der zornige alte Mann, der Salonbolschewik, der ewige Radikalinski, der Theoriehuber, der linke Schwätzer – und alle in den männlichen und weiblichen, alten und jugendlichen Varianten. Es gibt die hedonistische Linke, es gab die antiautoritäre, die liberale. Wie die Frauenfrage ist die Ökologie in kein Lager einzuordnen. Aber als diese Bewegungen entstanden, galten ihre Vorkämpfer überwiegend als linke Spinner(innen).

Das Herz ist links. Aber es ist auch zerrissen zwischen dem Realitätsprinzip und der Angst vor dem Verrat am jugendlichen Aufbruch. Wenn es eine typisch linke Lebenslüge gibt, dann ist das die Überzeugung, zu den besseren Menschen zu gehören. Sie hilft, die Spannungen zwischen den Mühen der Ebene und den Träumen auszuhalten.

Lebenslügen werden auch im anderen politischen Lager gepflegt. Selbstgewiss sehen sich die bürgerlichen Parteien zum Regieren des Landes berufen. Dass in Deutschland seit „68“ die Mehrheiten gefühlt links sind, selbst wenn Schwarz-Gelb schon Jahre regiert, ist ein Produkt dieser angemaßten Überlegenheit. Sie erzeugt immer wieder das ursprüngliche Linksgefühl, das des Nicht-Dazugehörens. Kein Zufall: Als links galten in vordemokratischen Zeiten ja zunächst die, die an der alten Herrschaft nicht beteiligt waren.

Auch die Piraten, der jüngste Stern am Parteienhimmel, zeigen jenen Widerspruchsgeist gegen die Etablierten, der sie ins linke Spektrum einsortiert. Dabei sagt ihr Vorsitzender Sebastian Nerz doch, die Piraten seien weder rechts noch links, sondern seltsam. Weder-noch, sondern vorn wollten seinerzeit auch die neu gegründeten Grünen sein. Als sie in den 80er Jahren in die Parlamente einzogen, bestanden sie darauf, in der Mitte zwischen Union und SPD, nicht etwa links von dieser, Platz zu nehmen. Aber trotz aller schwarz-grünen Gedankenspiele wird das grüne Führungspersonal immer wieder darauf gestoßen, dass ihre Wählerschaft sich links zuordnen will.

Kompromittiert haben sich im Lauf der Geschichte beide Begriffe, rechts und links. Linke setzen „rechts“ oft als Kampfbegriff ein. Nach der Hitler-Diktatur enthält der Begriff einen Stachel, den die Zuordnung „links“ trotz der sozialistischen Diktatur nicht hat. Das liegt an der unbezweifelbaren demokratischen Kontinuität auf der Linken, die mit ihrer Gegnerschaft gegen beide Diktaturen die SPD verkörpert.

Die geht ausgesprochen heikel damit um, wie links sie denn sein und sich nennen will. Das Parteiprogramm von 2008 definiert die SPD nach langjähriger Suche der alten und der neuen Mitte wieder als „linke Volkspartei“. Links hat eben Konjunktur.

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