Energie : Forschungsinstitut sieht Netzbündelung als Rückschritt

Von Kartellbildung bis zu "reiner Augenwischerei": Die von den Energiekonzernen vorgeschlagene Bündelung von Strom- und Gasnetzen in den Händen eines unabhängigen Anbieters trifft auf Kritik.

Berlin - "Das ist ein Rückschritt, kein Fortschritt", sagte die DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert in Berlin. Auch Bundeskartellamtspräsident Ulf Böge steht der Idee skeptisch gegenüber. "Ohne Zweifel ist eine solche Bündelung ein Kartell", sagte Böge dem "Handelsblatt". Ein Vorteil für die Verbraucher sei keineswegs sicher. Auch ein Netzpool müsse einer Missbrauchsaufsicht unterliegen, um überhöhte Netzentgelte zu verhindern.

Um dem Szenario einer drohenden Zerschlagung durch die EU-Kommission zu entgehen, sondieren die großen Stromkonzerne, ob die Netze in Deutschland, Frankreich, den Beneluxstaaten sowie Österreich und der Schweiz von einer unabhängigen Netzgesellschaft betrieben werden könnten. An den gegenwärtigen Eigentumsverhältnissen soll sich dabei nichts ändern.

FDP: Vorschlag der Energiekonzerne ist Augenwischerei

Die energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gudrun Kopp, sagte, der Vorschlag sei nur etwas wert, wenn die Konzerne lediglich Minderheitsbeteiligungen an einem unabhängigen Netzbetreiber hielten. Alles andere sei "reine Augenwischerei". Kemfert betonte, eine unabhängige Netzbetreibergesellschaft (ISO/Independent System Operator) würde einen enormen Einfluss haben: "Bei einer solchen Lösung müsste mehr reguliert werden, nicht weniger." Es wäre dieser Gesellschaft möglich, wie bei einem Monopol Marktmacht auszuüben. Unliebsame Wettbewerber könnten noch eher ferngehalten werden als in der jetzigen Situation. Die bessere Alternative sei eine starke europäische Regulierungsbehörde.

Böge sieht die Aktivitäten der großen Energiekonzerne, über eigene Billigmarken das Preisgefüge bei Strom und Gas aufzubrechen, skeptisch. "Offensichtlich fragen sich die Großen, was sie in den vergangenen Jahren falsch gemacht haben. Allerdings entsteht durch diese neuen konzerneigenen Anbieter nur bedingt Wettbewerb", sagte Böge. Die Billigmarken unterböten lediglich Standardtarife. "Die Kunden sollen sich nicht blenden lassen. Unternehmen mit marktbeherrschender Stellung haben keinen Grund, etwas zu verschenken." (tso/dpa)

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