Entlastung im Alltag : Pflegende Angehörige lassen sich Millionen entgehen

Für Alltagshilfen stehen Pflegebedürftigen seit einem Jahr 125 Euro pro Monat zu. Doch 70 Prozent der Betroffenen rufen dieses Geld nicht ab - aus Unwissenheit.

Immer im Einsatz. Viele pflegende Angehörige wissen nicht, welche Hilfen ihnen zustehen.
Immer im Einsatz. Viele pflegende Angehörige wissen nicht, welche Hilfen ihnen zustehen.Foto: Foto: Felix Kästle/dpa

Noch-Gesundheitsminister Hermann Gröhe ist stolz auf seine Pflegereformen. Von den Leistungsausweitungen, die in der vergangenen Legislatur beschlossen wurden, profitierten alle Pflegebedürftigen mit ihren Angehörigen, behauptet der CDU-Politiker. Doch bei einer als ganz besonders hilfreich gepriesenen Zusatzleistung trifft das nicht zu. Der neue monatliche Entlastungsbetrag von 125 Euro in der häuslichen Pflege wird von 70 Prozent der Berechtigten nicht in Anspruch genommen. Der Grund: Sie wissen nichts davon.

Fast jeder Zweite beklagt Informationsdefizit

Die Zahl stammt aus einer repräsentativen Studie, die dem Tagesspiegel vorliegt. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) befragte dafür im Dezember mehr als 900 Pflegende zwischen 40 bis 85 Jahren. Dabei kam heraus, dass sich viele pflegende Angehörige nicht sonderlich informiert fühlen. Jeder Dritte weiß nicht genau, was dem von ihm versorgten Pflegebedürftigen neuerdings zusteht. Und fast jeder zweite sieht bei den Leistungen der Pflegeversicherung auch für sich selber ein Informationsdefizit.

Laut Sozialgesetzbuch haben Pflegebedürftigen aller fünf Pflegegrade seit 2017 Anspruch auf einen „Entlastungsbetrag“ von bis zu 1500 Euro im Jahr – beispielsweise für stundenweise Betreuung, Unterstützung bei sozialen Kontakten, Haushalts- und Einkaufshilfen, Spaziergänge und Vorlesestunden, Begleitungen zum Arzt, ins Kino oder zu Konzerten. Das Geld dafür muss vorgestreckt werden, es wird dann bei entsprechendem Nachweis von der Pflegekasse erstattet.

Nur acht Prozent nutzen kostenlosen Pflegekurs

Interessant ist dieses Angebot vor allem für leicht Pflegebedürftige, die es noch schaffen, selbständig ihren Alltag meistern, dafür punktuell jedoch ab und zu auch Hilfe benötigen. Zum andern eignet es sich besonders für die Angehörigen von Demenzkranken, die bei ihrem ständigen und hoch anstrengenden Gefordert-Sein zwischendurch auch mal pausieren müssen.

Ebenfalls nicht groß herumgesprochen, hat sich offenbar der Anspruch auf kostenlose Pflegeberatung. Lediglich 42 Prozent der pflegenden Angehörigen haben sich, wie die Befragung ergab, bisher von Profis für ihren Pflegealltag zuhause instruieren lassen. Einen Pflegekurs besucht, der ihnen laut Gesetz kostenlos offeriert wird, haben gar nur acht Prozent der Pflegenden.

„Das ist mit Sicherheit viel zu wenig, gerade angesichts der besonderen gesundheitlichen Belastungen, denen pflegende Angehörige oft ausgesetzt sind“, sagt der Vorstandsvorsitzende des ZQP, Ralf Suhr. Professionelle Beratung sei ein zentraler Schlüssel zu guter Pflege. „Denn nur wer wer weiß, welche Leistungen man bekommen kann und sie dann gezielt nutzt, kann die Pflege bestmöglich organisieren.“

73 Prozent der Pflegebedürftigen leben zuhause

Die fehlende Inanspruchnahme ist umso ärgerlicher, als die Reformen der großen Koalition gezielt auf Entlastung der häuslichen Pflege ausgerichtet waren. Ambulant vor stationär lautete das Motto – aus Kostengründen, aber auch, weil die meisten Menschen, wie sie in Befragungen immer wieder angeben, möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben und versorgt werden wollen. De facto werden derzeit rund 73 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause betreut, die Zahl der pflegenden Angehörigen liegt bei 4,7 Millionen.

Doch immerhin: 25 Prozent derer, die bereits länger als ein Jahr gepflegt haben, gaben an, seit den Reformen mehr niedrigschwellige Angebote wie etwa Alltagsbegleitungen zu nutzen. Und 21 Prozent der Pflegenden berichteten, sich dank der neuen Angebote nun auch öfter mal Auszeiten nehmen zu können. Dass es nicht mehr sind, hängt aus der Sicht des Pflegeexperten Suhr aber nicht nur an fehlender Information. Eine Rolle spiele dabei sicher auch, dass nach wie vor „die nötigen Angebote, wie zum Beispiel Tagespflegeeinrichtungen, nicht überall in ausreichendem Umfang vorhanden sind“.

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