Politik : Er will’s gewesen sein

Von Clemens Wergin

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Die ganze Welt als Bühne des Terrors – das ist sein Geständnis. Was der Chefplaner des 11. Septembers vor einem US-Militärgericht aussagte, zeigt noch einmal den ganzen Umfang der Anschlagsplanungen von Al Qaida. Sicher, die realisierten Terrorattacken von Washington und New York bis nach Nairobi und Bali waren furchtbar genug. Die Aussagen Khalid Scheich Mohammeds machen aber noch einmal deutlich, dass sich die massenmörderische Fantasie von Al Qaida und ihres operativen Masterminds keinesfalls darin erschöpfte. Da sollten der Panamakanal bombardiert, US-Präsidenten und der Papst ermordet, Big Ben und der Heathrow Airport in London sowie die Börse in New York angegriffen werden. Für 31 vollzogene oder geplante Angriffe hat sich Scheich Mohammed verantwortlich erklärt. Wären sie alle in die Tat umgesetzt worden, lebten wir in einer noch mal anderen Welt. Die seit dem 11. September geltenden Einschränkungen der Freiheit für mehr Sicherheit wären dann nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen.

Aber es schleichen sich Zweifel ein. Kann man das wirklich glauben? Scheich Mohammed hat vor einem Gericht ausgesagt, das seinen Status als „enemy combatant“ überprüfen soll, so wie es der US Supreme Court für alle in Guantanamo Inhaftierten angeordnet hat. Laut Gerichtsprotokoll, das zum Teil zensiert wurde, hat er angegeben, in CIA-Gefangenschaft harten Verhörpraktiken ausgesetzt worden zu sein, nach seiner Festnahme 2003 und vor seiner Überstellung nach Guantanamo 2005. Seine jetzige Aussage sei aber freiwillig und nicht unter Druck zustande gekommen. Was aber bringt ihm solch ein Geständnis?

Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass es sich wie bei früheren Fällen um einen „Deal“ handelt. Die Beweislage gegen Scheich Mohammed ist sehr gut, anders als bei anderen Gefangenen. Und egal, ob nach Kriegsrecht oder nach nationalem Strafrecht prozessiert wird, die Todesstrafe droht ihm als Kriegsverbrecher ebenso wie als Massenmörder. Seine Aussagen waren ja auch früher schon so umfassend, dass sie tiefe Einblicke in das Funktionieren von Al Qaida ermöglichten: Der bekannte Kongressbericht über den 11. September fußt bei der Rekonstruktion der Anschlagsplanung hauptsächlich auf seiner Darstellung. Schon damals war den Abgeordneten aufgefallen, dass sich Scheich Mohammed als „selbst ernannter Star in einem Theater, einem Spektakel der Zerstörung mit ihm als Superterroristen“ inszenierte. Da die Beweise für seine Schuld erdrückend sind, will er sich wenigstens einen Platz in der Geschichte sichern. Diesem Ziel dient auch die Selbststilisierung als „Soldat“ im Kampf gegen Amerika. „Ich mag es nicht, Kinder zu töten“, sagt der Chefterrorist, aber so sei das eben im Krieg. Dann vergleicht er sich noch mit George Washington, dem ersten US-Präsidenten: Hätten die Briten ihn im Unabhängigkeitskrieg gefangen genommen, hätten sie ihn ebenfalls als „enemy combatant“ angeklagt.

Es ist die alte und erbärmliche Selbstrechtfertigung von politisch motivierten Massenmördern: Des einen Freiheitskämpfer ist des anderen Terrorist. Dennoch ist Scheich Mohammed wenigstens ehrlich. Während die meisten deutschen Obernazis im Nürnberger Prozess alle Schuld von sich wiesen und versuchten, sich als einfache Befehlsempfänger darzustellen, sagt der Scheich: Ich war’s. Aber vielleicht ist das ja einfacher, wenn man religiöser Überzeugungstäter ist und glaubt, dass nach dem Strang das Paradies wartet.

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