Ernteausfälle im Hitzesommer : Hilfen für Bauern sind richtig – aber unter Bedingungen

Landwirtschaftsministerin Klöckner sagt den Bauern eine Dürre-Kompensation zu. Die wirklich wichtigen Schritte müssen nun folgen. Ein Kommentar.

Ein Landwirt in Brandenburg drillt Rapssaat in den trocken Boden.
Ein Landwirt in Brandenburg drillt Rapssaat in den trocken Boden.Foto: Patrick Pleul/dpa

Eins muss man Julia Klöckner und ihrem Ministerium lassen. Dort wurde offenbar gearbeitet in den letzten Tagen und Wochen, die eigentlich Urlaubszeit waren. Gezählt und gerechnet. Herausgekommen ist keine wie von den Lobbyisten der Landwirtschaft geforderte Milliarden-Pauschalsumme, sondern ein Betrag, der nach eingehender Analyse klingt – zumindest im Rahmen des zeitlich und was die Datengrundlage angeht Möglichen.

Auch der Eindruck, dass unter Klöckner bundesdeutsche Agrarpolitik unverändert nach dem bewährten Motto „Hand in Hand mit dem Bauernverband“ weitergehen wird, drängt sich nicht auf. Nur besonders gebeutelte Landwirte werden Hilfe bekommen. Wenn dies achselzuckend und mit Verweis auf unternehmerisches Risiko verweigert worden wäre, es wäre angesichts von anderen Hilfen in anderen Branchen wie etwa dem Finanzsektor nicht vermittelbar gewesen. Bei der Bankenrettung wurde immer mit „Systemrelevanz“ argumentiert. Und die gilt auch für eine Landwirtschaft, die nicht nur die Bauern, sondern ebenso die Bevölkerung ernährt.

Das Problem aber ist sowohl bei Banken als auch bei Bauern eben jeweils das System. Bei den Banken haben die Hilfen bezüglich der Möglichkeit, das System zu verändern, weitgehend versagt. Und bei den Bauern nutzt der Staat die Chance nun auch nicht, bei systemrelevanten Problemen eindeutige Signale zu senden – oder sogar wirklich den Hebel anzusetzen.

Die Landwirtschaft in Deutschland muss sich ändern. So wie sie heute größtenteils funktioniert, ruiniert sie Böden und Grundwasser, dezimiert Insekten und Vogelpopulationen, sorgt für viel zu viel Schadstoff- und Kohlendioxidausstoß, verbraucht nachhaltigkeitsblind lokale und globale Ressourcen, erschafft sogar tödliche Krankheitskeime.

Bundesagrarministerin, Julia Klöckner (CDU) hat den Pauschalforderungen der Bauernlobby widerstanden und Bedarfe genau ausgerechnet.
Bundesagrarministerin, Julia Klöckner (CDU) hat den Pauschalforderungen der Bauernlobby widerstanden und Bedarfe genau...Foto: dpa

Jetzt muss eine Analyse kommen: Wie kann Agrarwirtschaft besser werden?

Und sie wird zunehmend zur Klima- und Wetterlotterie. Hier wäre es ein Signal gewesen, die jetzigen Hilfen – vor allem aber die Aussicht, in zukünftigen, ähnlichen Situationen Hilfe erwarten zu können – an Bedingungen zu knüpfen.

Rein formal und logistisch wäre das nicht so einfach gewesen, zugegeben. Es war auch nicht die letzte Chance. Klöckner betonte in jüngster Vergangenheit immer wieder, man werde sich bei der Entscheidung über Hilfen nach Daten und Fakten richten. Dort können sie und ihr Ministerium jetzt weitermachen: gestützt auf wissenschaftliche Daten und Modelle an der Landwirtschaft von morgen arbeiten:

Einigermaßen jenseits von Lobbyisten und Ideologien fragen, wie man das Wirtschaften an die erwarteten Effekte des Klimawandels anpasst und gleichzeitig möglichst wenig Klimagase ausstößt. Ausloten, wie man umweltverträglicher, aber trotzdem einträglich produzieren kann. Scheuklappenfrei erörtern, welche Rolle Pflanzenschutzmittel und Gentechnik spielen müssen. Benennen, an welchen Schnitten und Einschnitten die Landwirte nicht vorbeikommen werden. Und wie der Staat dabei – ja – helfen kann. Dass all das nötig ist, war jenen Landwirten und vor allem denen, die von ihnen ernährt werden, wahrscheinlich nie so klar wie im Spätsommer des Jahres 2018.

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