Erst großmütig, dann kleinlaut : Die Kritik an Boris Johnson wächst

Erst schüttelte er die Hände von Coronapatienten - dann erkrankte er selbst. Und noch immer fehlt ein konsequentes Krisenmanagment in Großbritannien.

Boris Johnson kurz bevor seine Erkrankung bekannt wurde.
Boris Johnson kurz bevor seine Erkrankung bekannt wurde.Foto: Jack Hill/AFP

Der Landsitz Chequers in der lieblichen Landschaft der Chilterns, etwa 60 Kilometer nordwestlich von London, gehört zu den erfreulichen Aspekten des Jobs als britischer Premierminister. Viele Amtsinhaber haben die Annehmlichkeiten des Herrenhauses samt Tennisplatz und Swimmingpool zum Ausgleich vom anstrengenden Job zu schätzen gewusst.

Derzeit erholen sich Boris Johnson und seine schwangere Verlobte Carrie Symonds auf Chequers von ihren Covid-19- Erkrankungen; bei dem 55-Jährigen ging es in der Karwoche eigenen Angaben zufolge um Leben und Tod, was die Regeneration besonders notwendig macht. Inzwischen erhalte der Regierungschef wieder tägliche Updates, gelegentlich auch Besuch seiner engsten Berater, hieß es am Montag aus der Downing Street. „Aber er konzentriert sich weiterhin auf seine Erholung.“

Gleichzeitig mehrt sich in London die Kritik von Presse und Opposition sowie von Gesundheitsfachleuten am Vorgehen der britischen Regierung in der Coronakrise. Im Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Haben Johnson und sein engstes Team die Anfänge der Pandemie zu Jahresbeginn ernst genug genommen? Sind Vize-Premier Dominic Raab und das Kabinett in Abwesenheit des Chefs den anhaltenden Problemen gewachsen und zu eigenen Entscheidungen fähig?

Experten und Praktikern reißt angesichts der aktuellen Misere zunehmend der Geduldsfaden, im Mittelpunkt der Kritik stehen fehlende Schutzkleidung (PPE) für Betreuer, Ärztinnen und Krankenpfleger und zu wenig Tests auf Sars-CoV-2. Zudem bestehen anhaltende Zweifel daran, ob die Zahl der an Covid-19 Erkrankten und Verstorbenen von der Regierungsstatistik korrekt wiedergegeben wird.

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Immer wieder haben Minister vollmundige Ankündigungen gemacht, die sich als leere Versprechen herausstellten. Als Ende vergangener Woche bekannt wurde, dass in einzelnen Krankenhäusern im Londoner Umfeld die Schutzkittel fürs medizinische Personal knapp werden, kündigte Regionalminister Robert Jenrick für Sonntag die Ankunft eines Fliegers aus der Türkei mit 84 Tonnen Schutzkleidung, darunter 400000 Kitteln, an.

Doch die Lieferung blieb aus. Er habe „nur geringe Hoffnung“, dass das Versprechen am Montag eingelöst werde, teilte Chris Hopson von NHS Providers den Medien mit.

Auf Bitte von Johnson soll sich nun Lord Paul Deighton als „PPE-Zar“ um die Beschaffung und korrekte Verteilung der Schutzkleidung kümmern. Der frühere Investmentbanker diente dem damaligen Londoner Bürgermeister als Leiter der Behörde, die für die zeitgerechte Organisation von Olympia 2012 in London zuständig war. Solche Berufungen von externen Fachleuten seien richtig, lobte Labour- Vorgänger Tony Blair.

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Die Queen - Anker der Stabilität in britischer Corona-Krise
Die Queen - Anker der Stabilität in britischer Corona-Krise

Dazu zählt etwa das Problem der fehlenden Corona-Tests. Seit Beginn der Pandemie stolpert das Vereinigte Königreich der Direktive der Weltgesundheitsorganisation WHO hinterher: „Test, Test, Test.“ Anfang des Monats versprach Gesundheitsminister Matthew Hancock, bis Ende April würden täglich 100.000 Tests durchgeführt.

Am vergangenen Wochenende lag die Zahl bei rund 22.000. Dabei sei die Kapazität bereits jetzt größer, heißt es aus Regierungskreisen. In der Praxis aber werden Betreuer von Kranken und Alten dazu aufgefordert, rund 80 Kilometer ins nächstgelegene Testzentrum zu fahren.

Fürs ernste Fach hatte der Premier kein Skript

Mehr und mehr stellt sich heraus, dass die Anstrengungen der Regierung ganz auf die Bedürfnisse des nationalen Gesundheitssystems (NHS) konzentriert waren; der weitgehend privat betriebene Sektor von Alten- und Pflegeheimen, in denen mehr als 400.000 Menschen leben, blieb lange Zeit sich selbst überlassen. Erst als die Statistikbehörde ONS alarmierende Daten veröffentlichte, nahm die Regierung die Covid-Toten außerhalb von Krankenhäusern zur Kenntnis. Noch immer aber wird die tägliche Statistik (zuletzt 596 auf insgesamt 16.060 Tote) auf jene beschränkt, die in Spitälern versterben. Der Vereinigung von Altenheimbetreibern NCF zufolge liegt die Zahl um mindestens 4300 Menschen höher.

Offenbar rächt sich, dass die Reaktion des Premierministers auf die Ankunft des Coronavirus in Großbritannien zögerlich ausfiel und zunächst von Großsprecherei übertüncht war. Erst rühmte sich Johnson mit seinen Spitalbesuche, bei denen er auch Covid-19-Patienten die Hand geschüttelt habe; dann stellte er den Sieg über das Virus binnen zwölf Wochen in Aussicht.

Plötzlich rang der sonst um keine billige Pointe verlegene Mann um Worte, fürs ernste Fach hatte er kein Skript. Als wenig hilfreich erweist sich auch, dass der Brexit-Vormann bei einer Kabinettsumbildung im Februar eine Mannschaft der Unerfahrenen um sich scharte, einzige Qualifikation: die fanatische Befürwortung des EU-Austritts.

In der Einsamkeit von Chequers wird Johnson darüber nachdenken müssen, ob das Virus nicht eine Neuaufstellung seines Teams und seines eigenen Regierungshandelns erzwingt.

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