Europäische Union : Deutschland braucht mehr Demut vor dem Freund

Der Handelsstreit mit den USA zeigt: Ohne Verbündete steht Deutschland in Europa allein. Trump erteilt Deutschland eine Lektion. Eine Kolumne.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem griechischen Ministepräsidenten Alexis Tsipras beim Nato-Gipfel Mitte Juli in Brüssel.
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem griechischen Ministepräsidenten Alexis Tsipras beim Nato-Gipfel Mitte Juli in Brüssel.Foto: EMMANUEL DUNAND/AFP

Das globale Ansehen Deutschlands ist ziemlich krisenfest. Ob sich die Schlappe bei der Fußball-WM, die Debatte um misslungene Integration am Beispiel Mesut Özils oder die Abgasbetrügereien der Autohersteller mittelfristig negativ niederschlagen, weiß man noch nicht. Aber um das europäische Image der Bundesrepublik ist es schlechter bestellt. Das hat man in den vergangenen Wochen gesehen, als die deutsche Politik und die deutsche Wirtschaft innerhalb Europas um Beistand gegen jene US-Zölle warben, die speziell die deutschen Autoimporte nach Amerika empfindlich getroffen hätten.

Vielleicht geht gerade deshalb die Begegnung von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident Donald Trump vom Mittwochnachmittag amerikanischer Zeit einmal als glückliche Stunde in die Geschichtsbücher ein, speziell in die von Deutschen und für Deutsche geschriebenen. Vor dem überraschenden Arrangement zwischen Juncker und Trump waren die Aussichten für die exportabhängige deutsche Wirtschaft ziemlich mies.

Das weltweite Image eines Landes wird durch den „Nation Brands Index“ oder den „Good Country Index“, gemessen. Beide Indizes werden durch den britischen Werbespezialisten Simon Anholt erhoben. Sie werden auch im Auswärtigen Amt ausgewertet. Im Nation-Brands-Index hat Deutschland seit 2008 unter allen Nationen die beste Bewertung. Im Nation-Ranking findet man die Bundesrepublik 2016 auf Platz eins, vor Frankreich, Großbritannien, Kanada und Japan. Die USA landeten da auf Platz sechs.

Im EU-Durchschnitt sieht das anders aus, wie unter anderem im Auftrag der Ebert-Stiftung erhobene Daten zeigen. Hier leidet Deutschlands „Beliebtheit“ unter dem als herrisch empfundenen Auftreten deutscher Regierungsvertreter und Parlamentarier gegenüber den unter der Euro-Krise leidenden Staaten Südeuropas. In den mittelosteuropäischen Ländern von Polen über Tschechien, die Slowakei bis nach Ungarn, wird Deutschland durchgängig als schulmeisterlich und penetrant wahrgenommen. Man kann es auch als mangelnde Empathie bezeichnen. Und während Angela Merkel international auch schon vor der Flüchtlingskrise hoch angesehen war, und ihre Beliebtheit durch die freundliche Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge im Sommer 2015 weltweit ins geradezu Rauschhafte stieg, schwankt auch ihr Bild aus europäischer Perspektive stark.

Deutschland ist, was es ist, dank der Europäischen Union

So lange es keinen äußeren Gegner gab, der versuchte, das Vereinte Europa durch Druck auf einzelne Mitgliedsstaaten zu zerstören, konnte es Deutschland vielleicht gleichgültig sein, dass es wenig wirkliche Freunde hatte – obwohl das schon immer ein fataler Fehler gewesen ist. Mit dem Auftauchen eines Donald Trump hat sich das schlagartig geändert. Warum sollte es etwa Griechenland, Spanien, Ungarn und Polen in eine gemeinsame Anti-USA-Haltung zwingen, dass die Amerikaner plötzlich Zölle auf deutsche Importautos erheben wollten? Kaum eines dieser Länder hatte aus den deutschen Ausfuhren nennenswerte Vorteile gezogen. Zumindest tat die deutsche Industrie wenig zur Stärkung des Selbstbewusstseins ihrer Zulieferer aus anderen EU-Ländern.

Haben Sie Lust, jemanden kennenzulernen, der Fragen ganz anders beantwortet als Sie? Dann machen Sie mit bei "Deutschland spricht. Mehr Infos zu der Aktion auch hier:

30 Prozent der deutschen Arbeitsplätze hängen vom Export ab. 58,6 Prozent der deutschen Exporte gingen 2016 in EU-Staaten. Von Deutschlands 15 wichtigsten Export-Ländern sind zwölf Staaten der EU. Die drei anderen sind die USA, China und die Türkei. Aber wann schon hätte Deutschland diesen Ländern jemals zu verstehen gegeben, dass unsere Politik und unsere Wirtschaft dankbar für diese engen Handelsbeziehungen sein müssen – und nicht etwa die EU-12 dafür, dass sie deutsche Waren kaufen dürfen?

Die Europäische Union ist auf den Trümmern des Kontinents entstanden. Nicht, weil die USA das wollten, sondern weil die einstigen Kriegsgegner Deutschlands – also jene Staaten, die überfallen wurden – dieses Land politisch und wirtschaftlich so einbinden wollten, dass es nie wieder einen Krieg in Europa geben kann.

Deutschland ist, was es ist, dank der Europäischen Union. Der Gedanke des Vereinten Europa ist älter als die Nachkriegsgeschichte. Wirklichkeit wurde sie erst aus der historischen Erfahrung. Dass jemand wie Donald Trump kommen musste, um den Deutschen bewusst zu machen, dass sie in Europa nicht nur militärische Verbündete brauchen, sondern Freunde, ist traurig. Vielleicht sollten wir ihm dankbar für die Erkenntnis sein – und daraus lernen. Jetzt. Nicht erst in der Not.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

99 Kommentare

Neuester Kommentar