Europapolitik : Im Königreich der Risse

Zwischen Belfast, Dublin und London: Wir Nordiren suchen nach neuen Allianzen. Ein Gastbeitrag zum Start der vierten Brexit-Runde.

Jan Carson
Quelle ohne Wasser. Der Fountain Lane Pub in Belfast hat während der Coronakrise gerade geschlossen.
Quelle ohne Wasser. Der Fountain Lane Pub in Belfast hat während der Coronakrise gerade geschlossen.Foto: Jason Cairnduff/REUTERS

Der im Folgenden leicht gekürzt dokumentierte Text der Belfaster Schriftstellerin Jan Carson, den Daniel Göske aus dem Englischen übersetzt hat, eröffnet mit Online-Essays und Livegesprächen auf YouTube am morgigen Donnerstag die unter dem Titel „#DebatesDigital“ ins Netz verlagerte Reihe der „Debates on Europe“ der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der S. Fischer Stiftung (de.debates-on-europe.eu).

Kürzlich bekam ich eine Mail von einer Freundin aus Kontinentaleuropa. Sie sei froh zu hören, dass Irland den Lockdown hinter sich habe. Wieder einmal musste ich ihr erklären, dass ich eigentlich keine Irin bin. „Es ist kompliziert“, schrieb ich. Das heißt auf gut Nordirisch soviel wie: „Setz dich hin, es dauert eine Weile, das zu erklären.“

Obwohl Belfast, wo ich seit 20 Jahren lebe, in Nordirland liegt, also auf der irischen Insel, durch die eine momentan unauffällige Grenze zur Republik Irland verläuft, obwohl ich neben einem deutlich abgenutzteren britischen Pass einen irischen Pass besitze, obwohl meine Verlegerin Irin ist und mein letzter Roman „The Fire Starters“ den Literaturpreis der EU für Irland erhielt, bin ich formell keine Irin.

Oder doch? In Belfast hängt es davon ab, wem man an welchem Tag diese Frage stellt.

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In der Covid-19 Krise haben viele Nordiren sich gewünscht, sie wären Iren. Das ist ein kühner Anspruch für jemanden, der in East Belfast wohnt, einem überwiegend protestantischen, historisch der Union mit dem United Kingdom (UK) zuneigenden Stadtteil.

Mit Empathie und Weisheit zum Erfolg

Während die Regierung in Westminster einen zerstrittenen Eindruck machte, keine ordentliche Versorgung der Krankenhäuser hinbekam und Probleme hatte, die wirtschaftlichen Folgen anzugehen, steuerte in Dublin, hundert Meilen südlich von uns, der irische Taoiseach oder Premierminister Leo Varadkar sein Land durch die Pandemie, mit Weisheit, Mitgefühl und – einigem Erfolg.

Wir im Norden konnten da nur neidisch zuschauen. Es ist klar, dass die Pandemie das UK besonders hart getroffen hat. Aber obwohl Nordirland dazu gehört, hatten unsere Erfahrungen mit Covid-19 mehr gemein mit denen in der Republik Irland als in den Nationen des Königreichs. Hier war die Stimmung ähnlich ernst, aber ruhig, und die Wirkung des Virus weniger verheerend als vorhergesagt.

Bis vor kurzem war mir meine britische Identität sehr bewusst, aber in Belfast die täglichen Verlautbarungen aus Downing Street zu sehen, war eine zunehmend befremdliche Erfahrung – nicht nur wegen Boris Johnsons Umgang mit der Pandemie. Mich beschleicht auch der Verdacht, dass die Tory-Regierung (wie wohl die meisten ihrer Vorgänger) weder viel von Nordirland versteht, noch sich besonders dafür interessiert.

Theresa May verspielt Nordirlands Aktien

Mein Vertrauen in die britische Regierung war schon lange vor Covid-19 geschwunden. Da war vor ein paar Monaten Johnsons Rauswurf von Julian Smith, dem Minister für Nordirland. In dessen kurzer Amtszeit war, nach einer dreijährigen Unterbrechung, die Assembly, das nordirische Parlament, erstmals wieder zusammengetreten. Smith wurde von allen Teilen der Bevölkerung respektiert (keine kleine Leistung in Belfast), und er schien die Stadt sogar zu mögen.

Ich fand seine Entlassung alles andere als im Interesse Nordirlands. Zuvor musste Nordirland hinnehmen, dass Theresa May unsere Aktien in den Brexit-Verhandlungen verspielte. Als dem Rest des Königreichs dämmerte, dass sich David Camerons EU-Referendum auf Nordirland mit seiner realen Grenze zur EU massiv auswirken würde, da fühlten sich viele von uns wieder einmal missverstanden, vernachlässigt, unwichtig.

In dieser Zeit dachte ich ernsthaft über die irische Staatsbürgerschaft nach. Dank der Regelungen des Karfreitagsabkommens von 1998 bin ich berechtigt, diese zu beantragen. Meine gefühlte Identität war immer primär an eine Gemeinschaft geknüpft, und da die irische Schriftstellergemeinde so offen, warmherzig und inspirierend ist, habe ich schon vor Jahren aufgehört, mich als britische Autorin zu verstehen. Obendrein ist Irland noch nie so aufgeschlossen und liberal gewesen wie heute.

Die Volksbefragungen zur gleichgeschlechtlichen Ehe (2015) und zur Legalisierung von Abtreibungen (2018) haben Gesetzesverfahren im Bereich der Menschenrechte befördert, früher als ähnliche Änderungen im Norden. Die Tatsache, dass mein irischer Pass meinen Status als EU-Bürgerin dauerhaft garantiert, hat mein Denken auch beeinflusst. Die in meinen Augen ruhige, klare politische Führung durch Varadkar und Präsident Michael D. Higgins haben mein Dilemma nur verstärkt.

Abschied vom Vereinigten Königreich?

Wenn morgen ein Referendum über die Grenze anstünde, hätte ich Bedenken, für eine langfristige Mitgliedschaft Nordirlands im UK zu stimmen. Umfragen deuten an, dass ich damit nicht alleine bin. Zudem ist es bezeichnend, dass sich in der Coronakrise die Erste Ministerin Nordirlands, Arlene Foster, und die Stormont Assembly wie Schottland und Wales gegen jene Maßnahmen entschieden haben, mit denen der Premierminister den Lockdown lockern will. Nie sind die Risse innerhalb des Königreichs deutlicher zutage getreten.

Aber dies ist nicht die Zeit für ein Grenzreferendum. Die Menschen Nordirlands sind vollauf damit beschäftigt, gemeinsam kulturelle und politische Grenzlinien zu überschreiten, um diese Krise zu überleben. In Portadown haben wir erlebt, wie Loyalisten die Absage ihrer traditionellen Freudenfeuer am 11. Juli friedlich hingenommen und ihr Holz dafür benutzt haben, gigantische Skulpturen zugunsten des nationalen Gesundheitsdiensts NHS zu errichten.

In einer Gemeinde außerhalb von Derry haben protestantische und katholische Kirchen ihre Ressourcen zusammengelegt, um Einwohnern, die mit Covid-19 zu kämpfen haben, praktische Unterstützung anzubieten. Meine eigene Arbeit mit älteren Damen aus der Falls Road und der Shankhill Road, einer konfessionell gespaltenen und noch immer von einer „Friedensmauer“ durchtrennten Gegend Belfasts, musste ins Internet verlagert werden, bemüht sich durch das Erzählen von Geschichten aber weiter um Eintracht.

Gemeinwohl, neu entdeckt

Auch Lokalpolitiker sind in ihrer Reaktion auf die Krise einigermaßen einträchtig vorgegangen. Es ist ermutigend zu sehen, wie Abgeordnete der nordirischen Assembly Differenzen im Interesse des Gemeinwohls überwinden. Dennoch sind auch hier, während die Wochen ins Land gingen, erste Risse zutage getreten. Man war sich uneinig, wann die Kirchen wieder öffnen sollten, und die Democratic Unionist Party (DUP) und Sinn Fein beziehen wieder ihre traditionell gegensätzlichen Positionen.

Kaum verwunderlich, dass der Vorschlag der unionistischen Politiker, sich Hilfe bei der britischen Armee zu holen, bei den irischen Nationalisten extrem unpopulär ist. Die fundamentalen Probleme Nordirlands sind nicht verschwunden. Die Pandemie hat das fehlende Vertrauen der Öffentlichkeit in die politische Führung deutlich gemacht. Wenn das normale Leben zurückkehrt, werden sich diese Lektionen zwangsläufig an der Wahlurne auswirken. Das muss nicht schlecht sein.

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