Politik : Ex-Premier des Kosovo vor UN-Gericht

Thomas Roser

Belgrad - „Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammen sind“, verabschiedete sich Ex-Premier Ramush Haradinaj in der vergangenen Woche selbstbewusst von seinen Anhängern in Kosovos Hauptstadt Pristina. Dabei droht dem 38-jährigen Kosovo-Albaner bei einer Verurteilung bei seinem am Montag begonnenen Prozess vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag eine langjährige Haftstrafe. Die Anklage wirft dem Ex-Kommandanten der albanischen Befreiungsarmee UCK die Verantwortung für die Vertreibung, Folterung und Ermordung von Serben, Roma und nicht kooperationswilligen Albanern 1998 im Kosovo vor. Er sei unschuldig – und empfinde die Vorwürfe als „Beleidigung“, sagt dagegen Haradinaj.

Der Bauernsohn wurde 1998 zum UCK-Kommandanten in seiner Heimatregion ernannt. Die ihm unterstellte und von dem mitangeklagten Idriz Balaj geführte Einheit „Schwarze Adler“ habe in sechs Dörfern Zivilisten misshandelt, um sie zu vertreiben, so die Anklage. Wer sich weigerte, sei gefoltert und ermordet worden, andere seien verschwunden.

Nachdem einer der Zeugen in Montenegro bei einem mysteriösen Unfall getötet wurde, zogen zwei weitere Zeugen kurz vor Prozessbeginn ihre Bereitschaft zur Aussage „aus Angst“ zurück. Vergeblich appellierte Chefanklägerin Carla del Ponte an den deutschen UN-Verwalter Joachim Rücker, von einem Treffen mit dem Angeklagten vor dessen Abreise abzusehen, um die Zeugen nicht noch mehr einzuschüchtern: Von der UN-Verwaltung (Unmik) wird Haradinaj als Stabilitätsfaktor im Kosovo hofiert.

Tatsächlich erfreut sich der Angeklagte selbst in Washington bester Verbindungen. Nach Kriegsende wandelte er die UCK in die Kosovo-Polizei um. Später gründete er die Zukunftsallianz Kosovo (AAK), die dank enger Kooperation zur UN-Verwaltung über viel Einfluss verfügt. Nach der Anklageerhebung im März 2005 legte der erst drei Monate zuvor zum Premier gekürte Haradinaj sein Amt nieder und stellte sich freiwillig dem Tribunal.

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