Extraschichten im Parlament : Bundestagsstenografen haben durch AfD mehr Arbeit

Der Einzug der AfD hat den Bundestag polarisiert. Das hat die Belastung der rund 30 Stenographen erhöht. Dort fehlt es an Nachwuchs.

Die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel und Fraktionschef Alexander Gauland im Bundestag.
Die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel und Fraktionschef Alexander Gauland im Bundestag.Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Der Kopf geht runter, dann wieder hoch. Fast wie bei einem Maulwurf. Dann taucht Christoph Weemeyer (38) wieder ab in die Welt der Kurzschrift, Blick nach, links, woher kommt die Unruhe. Die meisten Abgeordneten traktieren ihre Smartphones, der AfD-Politiker Stephan Brandner liest den Kürschner, die „Bundestags-Bibel“ mit den Biographien aller 709 Abgeordneten.

Es geht um das Thema „DDR-Rentenüberleitung“, ein eher entspannter Arbeitstag – aber gerade durch die AfD haben auch die Stenografen mehr Arbeit bekommen. Und es ist mehr Leben in der Bude. Nach fünf Minuten kommt ein neuer Tagesordnungspunkt: Bürokratie im Steuerrecht. Viele Abgeordnete verlassen den Saal, Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich (CSU) mahnt: „Liebe Kolleginnen und Kollegen auf der linken Seite: Könnten Sie ihre Gespräche draußen fortsetzen.“

Der FDP-Abgeordnete Markus Herbrand (FDP)  ergreift das Wort, er kritisiert allein 520 Millionen Euro Mehrkosten an Bürokratie durch neue Steuergesetze, Weemeyer hat das Kreuz durchgedrückt, schwarzer Anzug, graue Krawatte, ein Zwischenruf bei der Linken. Er schreibt und schreibt, er sitzt an seinem Arbeitsplatz in der Mitte des Plenums, ein Tisch vor den Abgeordnetenreihen.

Nach zehn Minuten rutscht Weemeyer von seinem Stuhl und huscht nach draußen. Jetzt muss er seine Kurzschrift in Reinform bringen – wer weiß, welcher Historiker mal das Protokoll noch lesen wird. Wo es in der vergangenen Legislaturperiode durch die große Mehrheit von Union und SPD oft einschläfernd im Bundestag zuging, ist es durch den Einzug der AfD und ihre Rolle als größte Oppositionspartei deutlich polarisierter, die vielen Zwischenrufe erfordern höchste Konzentration.

„Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub“

Das Plenarprotokoll ist immer noch, trotz aller You-Tube-Videos, das exakteste Dokument zur Dokumentation der Debatten, denn es fängt alle Begleitumstände, Applaus und Pöbeleien ein. Besonders häufig ruft aber  Matthias Birkwald von der Linken dazwischen.

Der wohl bekannteste Zwischenruf schaffte es am 18. Oktober 1984 jedoch gar nicht in das offizielle Protokoll, da Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen (CSU) die Sitzung zuvor schon unterbrochen hatte, bis der von ihm soeben ausgeschlossene Abgeordnete Joschka Fischer den Saal verlassen hatte. „Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub“, schleuderte der Grünen-Politiker ihm beim Rausgehen zu.

Aktuell rund 30 Stenografen im Bundestag, pro Sitzung  gibt es 16 Turnusstenografen plus die Revision. Seit März 2003 ist Weemeyer dabei.  Er hat an der Humboldt-Universität Sozialwissenschaften studiert und studienbegleitend eine Ausbildung zum Parlamentsstenografen-Anwärter gemach. Wie er bei der Stenografie gelandet ist? „Meine Mutter hatte einen Stenografiekurs an der Volkshochschule Lingen im Emsland angeboten.

Christoph Weemeyer schafft 350 Silben in der Minute. Der 38-Jährige ist seit 2003 im Bundestag dabei.
Christoph Weemeyer schafft 350 Silben in der Minute. Der 38-Jährige ist seit 2003 im Bundestag dabei.Foto: Tsp

Da brauchte sie noch einen Teilnehmer, damit der Kurs zustande kommt. Das war ich dann, mit neun Jahren.“ In der Schule habe er dann angefangen, die Hausaufgaben in Steno aufzuschreiben, die Lehrerin fragte verdutzt: „Was machst Du denn da?" „Der Vorteil war, dass ich schon früh Steno als zweite Schrift gelernt habe. Bei einem Steno-Wettbewerb wurde ich dann angesprochen und mit Informationen zur Ausbildung im Parlament versorgt. Das war quasi ein Headhunter.“ Er schafft heute 350 Silben in der Minute.

Sitzungstage gehen auch mal bis zwei Uhr morgens

"Frau Bundeskanzlerin" schreibe ich so“, berichtet Weemeyer:  Ich verbinde ein tiefgestelltes "Fr", das für "Frau" steht, mit den Zeichen mit "lin", die in diesem Fall für „Bundeskanzlerin“ stehen.“ Man müsse in unglaublich vielen Themen drin sein, wenn es zum Beispiel im Plenum um die grüne Gentechnik geht oder in einem Ausschuss um die technischen Details einer Diesel-Software.

Aber, das mache es halt auch so interessant. „Man hat seine Abkürzungen für Wendungen, die oft vorkommen, wie „Herr Präsident! Meine Damen und Herren!". Und wir nutzen natürlich auch technische Möglichkeiten wie Tonaufnahmen.“

An Donnerstagen, den längsten Sitzungstagen,  geht es schon mal bis zwei Uhr morgens.  Neulich hatten die Abgeordneten schon die Zahnbürsten eingepackt, die Couch im Büro hergerichtet und Energy Drinks kalt gestellt: Bis 4.30 Uhr war die Sitzung am 15. Mai terminiert, das hat auch damit zu tun, dass die AfD die Nase voll hat von dem ständigen Durchfallenlassen ihrer Kandidaten für das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten.

Früher wurden gerade abends oft Reden einfach zu Protokoll gegeben, um nicht erst im Morgengrauen fertig zu werden. Aber die AfD-Abgeordneten möchten ihre Reden auch in der Nacht lieber halten. Viele nutzen besonders stark die sozialen Medien, um über ihre Arbeit zu informieren, eine zu Protokoll gegebene Rede bringt halt kein Youtube-Video mit einem knalligen Auftritt im Bundestag.

Schwierig, Nachwuchskräfte zu finden

Da aber die Redner der anderen Parteien Reden zu Protokoll gaben, ging es am Ende nur bis 00:50 Uhr. An einem „normalen“ Donnerstag ist Weemeyer zum Beispiel zu folgenden Uhrzeiten im Plenum: 10:20, 12:40, 15:00, 17:20, 19:40 und 22:00 Uhr. Statt üblicherweise fünf Minuten Einsatz müssen die Stenografen wie Weemeyer an den langen Donnerstagen nun oft im 10-Minuten-Rhythmus ran.

Insgesamt wird es schwieriger, noch genug Nachwuchskräfte zu finden, in den digitalen Zeiten wird die Stenografie nicht mehr so stark gelernt und gelehrt. „Leider ist es so, dass es immer schwieriger wird, Nachwuchs für unsere Stenografen auszubilden. In der Berufsausbildung wird die Stenografie leider kaum noch vermittelt“., sagt die Präsidentin des Deutschen Stenografenbundes, Regina Hofmann.

Spannendes Protokoll vom 9. November 1989

Eine Ausschreibung des Bundestags wird über Stenografenvereine, Universitäten und Fachhochschulen, die entsprechend in Kurzschrift ausbilden und Stenografenlehrer gestreut. Ein Anfänger beginnt hier bei der Besoldungsstufe A 13 (bei Übernahme ins Beamtenverhältnis) oder  mit E 13 als Tarifangestellter. E 13 beginnt bei rund 4 000 Euro brutto, mit maximaler Zugehörigkeit  sind bis zu 6 800 Euro möglich.

Wenn man Weemeyer nach einem richtig spannenden Protokoll fragt, sagt er sofort, das vom 9. November 1989. Die Segnungen des Internets bringen es mit sich, dass es jeder heute sofort aufrufen kann – die Stenografen schaffen Zeugnisse von historischen Wert. Das Protokoll der Sitzung in Bonn fängt ganz geschäftsmäßig an. „Präsidentin Dr. Süssmuth: Guten Morgen, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! (Bohl [CDU/CSU]: Guten Morgen, Frau Präsidentin!) Die Sitzung ist eröffnet.

Erstmals Freizügigkeit für die Deutschen in der DDR

Der Abgeordnete Schily hat am 7. November 1989 auf seine Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag verzichtet. (Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Wir werden ihn vermissen!).“ Es geht zunächst um die „zweite und dritte Beratung des Entwurfs eines Gesetzes zur Reform der gesetzlichen Rentenversicherung“.

Nach einer Sitzungsunterbrechung ergreift um 20.46 Uhr plötzlich der Chef des Bundeskanzleramts, Rudolf Seiters (CDU) das Wort: „Ich habe gerade mit dem Bundeskanzler telefoniert. Lassen Sie mich folgendes sagen: Die vorläufige Freigabe von Besuchsreisen und Ausreisen aus der DDR ist ein Schritt von überragender Bedeutung. Damit wird praktisch erstmals Freizügigkeit für die Deutschen in der DDR hergestellt.“

Das Protokoll verzeichnet anhaltenden Beifall bei allen Fraktionen. „Mauer und Grenze in Deutschland werden damit durchlässiger.“ Dann spricht der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel, sichtbar bewegt: „Diese Entscheidung bedeutet, daß die Mauer nach 28 Jahren ihre Funktion verloren hat.

(Lebhafter Beifall bei allen Fraktionen) Sie werden verstehen, daß sich mein Blick in diesem Augenblick auf Willy Brandt richtet, den Regierenden Bürgermeister von Berlin an dem Tage, an dem 13. August 1961, an dem dieses inhumane Bauwerk entstanden ist. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP und der GRÜNEN).“

Mindestens 60-minütiges Abfassen des Protokolls

Was die Stenografen zu leisten haben, zeigt schon folgende Zahl: Die Gesamtzahl der im Plenum des 18. Deutschen Bundestages (2013 bis 2017) gehaltenen Reden betrug immerhin 12 975. Die Sitzungs-Dauer lag insgesamt bei 245 Sitzungen bei 1861 Stunden und 15 Minuten. 

Nach dem Stenografieren im Plenum eilt Weemeyer in sein Büro, es beginnt das mindestens 60-minütige Abfassen des Protokolls, er muss seine Steno-Notizen, die für die meisten nicht zu entziffern werden, in „Normalschrift“ bringen, zur Absicherung hat er auch Tonaufnahmen.

Er diktiert alles einer Schreibkraft, bevor der Revisor oder die Revisorin, die auch im Plenum mitschreiben, alles zur Kontrolle vorlegt, dann gehen die Passagen an die Redner, die in der Regel ohne Änderungen ihr okay geben. Am nächsten Tag liegt in der Regel schon das ganze Protokoll einer Sitzung vor.

Eine Minute Redezeit ergibt ungefähr eine Din A-4-Seite Protokoll. „Ich kenne alle Abgeordneten mit Namen, 709 Gesichter“, betont Weemeyer. Nach einer Bundestagswahl beginnt er mit Hilfe der Software PSI (Parlamentariersuche interaktiv), alle Gesichter und Namen zu lernen.  In den nächsten Monaten aber kann er diese Gesichter mal etwas vergessen – und darf sich um ganz andere, schöne Zwischenrufe kümmern – Weemeyer geht in Elternzeit.

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