Das Risiko lässt sich vom Wohlstand nicht abtrennen und auf andere abwälzen

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Extremismus : Junge Männer, die bis zum Äußersten gehen
Militante Kämpfer des "Islamischen Staates" in der vom IS besetzten syrischen Stadt Rakka 2014.
Militante Kämpfer des "Islamischen Staates" in der vom IS besetzten syrischen Stadt Rakka 2014.Foto: Reuters

Auf Dwain Westons Facebook-Seite ist bis heute das Video eines früheren Sprungs zu sehen. Als der Basejumper sich in Norwegen von einer Felskante abstößt, verfängt sich sein Schirm in einem überhängenden Baum und Weston pendelt über einem bodenlosen Abgrund. Das Adrenalin rauscht durch seine Nervenbahnen. Ihn packt der Zorn. Es ärgert ihn, dass er Zeit daran vergeudet, gerettet zu werden, statt ins Tal zu schweben, den Schirm schnell wieder zusammenzuraffen für einen weiteren Sprung. Obwohl er wirklich erbost ist über sein Missgeschick, lacht er immerfort. Seine Neuronen tanzen vor Glück. Ein schlechter Scherz, so kommt es ihm vor, an dem vermaledeiten Ast zu hängen. Alles, worauf es ankomme, sagt er, sei „planen, planen, planen“.

Den Ausnahmezustand planen – das macht für Basejumper den Unterschied zwischen Sprung und Sturz aus, es ist auch die Formel des politischen Extremismus, der im Namen eines opaken Gottesbildes den Kontrollverlust als Schrecken inszeniert. Der gewaltsame Tod ist für die Opfer und Angehörigen schlimm, aber traumatisch an den Terrorattacken ist für uns alle, nichts gegen sie tun zu können. Der Gesellschaft wird vor Augen geführt, dass sich das Risiko vom Wohlstand nicht abtrennen und auf andere abwälzen lässt, wie sie es sonst versucht.

„Chaos“ ist ein zentraler Begriff dieser Dschihad-Logik. In einer Gebrauchsanleitung zur Errichtung eines Kalifats, die ein unbekannter Autor unter dem Pseudonym Abu Bakr Naji vor etwas mehr als zehn Jahren ausgearbeitet hat („Management of Savagery“), wird der Begriff auf zweifache Weise benutzt. Einerseits solle Chaos in muslimischen Staaten durch eine Taktik permanenter Nadelstiche verbreitet werden, so dass die autoritären Systeme dort „erschöpft“ unter ihrem zentralistischen Kontrollwahn einstürzen.

Andererseits sieht sich der IS als Auffangbecken erniedrigter Jugendlicher, deren „Wildheit“ er freisetzen will. Sie, so heißt es, seien „näher an der Natur des Menschen auf Grund der Rebellion in ihnen, die die passiven islamischen Gruppen nur unterdrücken würden.“ Das Terror-Programm des IS ist ein zutiefst kathartisches. Die Aggressivität der Jugend wird als gesellschaftliche Transformationskraft instrumentalisiert und soll gleichzeitig befriedet werden. Wie im Rausch darf der junge Mann sein Ego ausleben, initiiert von jenen Kampfgenossen, die härter und skrupelloser sind als er. Die exzessiven Enthauptungen und Schändungen, mit denen der Kalifatstaat seine Truppe auf Linie bringt, folgen diesem Enthemmungsprogramm. Wer da durchgeht, hat sich auf die andere Seite einer zivilisatorischen Grenze begeben und kann nicht mehr zurück. Nach demselben Muster sind in Europa vor dem Ersten Weltkrieg Jugendliche zu den Waffen gerufen worden. Denn „leicht trennt nur die Jugend sich vom Leben“, wie Colmar von der Goltz 1887 tönte.

Der Tod wird zur Möglichkeit des eigenen Könnens

Der wilde junge Mann ist ein Angstbild der westlichen Gesellschaft. Die „gefährlichste Spezies der Welt“ titelte der „Spiegel“ auf dem Höhepunkt der Intensivtäter-Debatte. Obwohl die Fallzahlen in der Kriminalitätsstatistik seit 2007 deutlich sinken, sind 18- bis 25-Jährige nach wie vor überproportional stark in Gewaltdelikte verwickelt. Liegt es daran, dass jungen Leuten auf der Spitze ihrer physischen und mentalen Leistungsfähigkeit andere Attraktionen fehlen als ein Karriereversprechen oder Freizeitangebot?

„Extrem“ werden Bergsteiger genannt, die wie Reinhold Messner ohne Sauerstoff und ohne die Möglichkeit der Rettung in die „Todeszone“ steigen. „Extrem“ sind auch Big-Wave-Surfer, Roofer und Mountainbiker und zwar nicht etwa, weil sie es bloß ein wenig übertreiben, sondern weil sie eine Disziplin so gut beherrschen, dass der Tod zur Möglichkeit des eigenen Könnens wird. Das ist der Extremismus des Wohlstands, der in Life-Style-Magazinen wie „Outdoor“ oder „The Red Bulletin“ glorifiziert wird.

Die Videos des norwegischen Wingsuit-Artisten Jokke Sommer, mit denen er seine rasanten Gleitflüge durch zerklüftete Landschaften festhält, „Traumlinien“ nennt er diese Flüge, sind auf Youtube über 10 Millionen Mal angesehen worden. Solche Stunts werden von Zweier- und Dreier-Teams vorbereitet und durchgeführt. Die Springer sausen zu mehreren durch die Luft, einander filmend und mediale Bedeutung gebend. „Wir sind eine Gruppe von Leuten“, erklärt Jokke Sommer, „die ein anderes, sehr spezielles Leben führen." Und sein Partner fügt hinzu: „Was wir machen, ist nahezu unmenschlich.“

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