Überschuss junger Männer als Nährboden für Radikalisierungen?

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Extremismus : Junge Männer, die bis zum Äußersten gehen
Militante Kämpfer des "Islamischen Staates" in der vom IS besetzten syrischen Stadt Rakka 2014.
Militante Kämpfer des "Islamischen Staates" in der vom IS besetzten syrischen Stadt Rakka 2014.Foto: Reuters

Messner sagt, man brauche heute nicht zum Himalaya zu reisen, weil dort alles entdeckt ist. Statt den Erfahrungshunger an Orten zu stillen, zu denen jeder will, müsse der Grenzgänger sich dorthin begeben, wo die Zivilisation aufgegeben wurde. In die verbotene Zone um das Kernkraftwerk Tschernobyl etwa. In die Wüsten der Erde, in denen früher Hochkulturen siedelten. Das Abenteuer wartet auf den Brachen dieser Welt. Der Irak und Syrien, Somalia und Afghanistan sind solche Brachen. Wie „ausgesetzt“ – um ein Messner-Wort zu benutzen – diejenigen sind, die es dort in Scharen hintreibt, wissen sie meist erst, wenn sie angekommen sind.

Der US-Anthropologe Scott Atran hat die Motive von IS-Kämpfern und Sympathisanten untersucht. Es handele sich um „hingebungsvolle“ Akteure, erklärt er im April dieses Jahres vor dem UN-Sicherheitsrat, um junge Männer „auf der Suche nach Bedeutung“. Auf die Frage, was der Islam für sie sei, antworteten sie „mein Leben“. Vom Koran und den frühen Kalifen Omar und Othman wüssten sie fast nichts. Wie sie überhaupt erschreckend uninformiert seien: religiöse Analphabeten.

Es ist wohl vor allem eine Frage der Gelegenheit

Wie anziehend der radikale Islam ist zeigt eine ICM-Umfrage unter französischen Jugendlichen vom Juli 2014. Danach sympathisierten 27 Prozent der zwischen 18- und 24-Jährigen mit dem IS. Und das, obwohl der Anteil an Muslimen an der französischen Bevölkerung nur sieben bis acht Prozent beträgt. Man hat dieses Phänomen mit dem latenten Antisemitismus in Frankreich verbunden. Aber erklärt das die Radikalisierungsspirale? Warum wird einer zum Extremisten, der andere aber nicht, obwohl beide ohne Job sind und ohne Aussicht, einen zu ergattern, eine Frau zu gewinnen, eine Familie zu gründen und die Traditionslinie der Eltern und Großeltern fortzusetzen.

Es ist wohl vor allem eine Frage der Gelegenheit. Scott Atran hat herausgefunden, dass mehr als drei Viertel derjenigen, die von Europa aus in die Ausbildungslager des IS ziehen, das gemeinsam mit Freunden tun. Sie befänden sich in einer Phase des Übergangs zwischen Schule und Job, in der sie scheitern. Ihren Familien haben sie den Rücken gekehrt, und verunsichert suchen sie nach einer Bindung, die ihnen Halt gibt.

In einer Welt voller Möglichkeiten suchen sie nach der einen Möglichkeit, keine Möglichkeiten mehr zu haben. Und Dschihad-Gruppen investieren hunderte von Stunden in einen einzigen Kandidaten. Junge Leute sprechen zu jungen Leuten. Sie fühlen sich ein, sie verstehen, und sie versuchen, wie Jugendliche das immer tun, die Welt einander verständlicher zu machen. Das sei „die Intimität, die sich Träumer wünschen“, so Atran.

Der Demograph Gunnar Heinsohn vertritt die These, dass ein Überschuss junger Männer von über 20 Prozent den Nährboden für Radikalisierungen bildet. So wandern junge Afrikaner vor allem aus solchen Ländern aus, in denen sie mit vier bis fünf Gleichaltrigen um dieselbe gesellschaftliche Position konkurrieren. Und zwar in der Regel in einer Situation von steigendem Pro-Kopf-Einkommen, was die Lage noch einmal verschärft.

Dieser Ansatz ist nicht unumstritten. Heinsohns Versuch, aus der Geburtenrate einen „Kriegsindex“ abzuleiten, lässt die spezifischen Rahmenbedingungen von Krisenländern außer Acht. Allerdings erfüllen eine Reihe der arabischen Länder durchaus die Kriterien eines fatalen Generationsüberschusses. In Syrien stieg der Anteil der Unter-15-Jährigen bis 1990 auf nahezu 50 Prozent an, bevor die Geburtenrate 20 Jahre später wieder zurückging. Dem offenen Konflikt ging eine Phase voraus, in der auf die Position eines Alten zwölf Junge kamen. Aus dieser Blase der Unter-40-Jährigen rekrutieren die Bürgerkriegsparteien ihr Personal. In Ägypten, Tunesien und Libyen zeigt sich ein ähnliches Bild. Wen kann es da wundern, dass „Gerechtigkeit“ zum bestimmenden Thema der arabischen Babyboomer geworden ist und einige, die intellektuelleren, sich einer „gerechten“ Ideologie verpflichten?

Zum Verständnis der islamistischen Gerechtigkeit zählt, dass sie nun die angeblichen Profiteure des Leids bezahlen lassen will. „Die Tatsache, dass Europas Geburtenrate 1,4 Kinder pro Paar beträgt“, schreibt Scott Atran in einem „Guardian“-Beitrag, „erzwingt ein beträchtliches Maß an Einwanderung, um die produktive Arbeitskraft zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards der Mittelklasse zu gewinnen. Das ist ein Gottesgeschenk für den IS, weil die Bereitschaft zur Aufnahme von Immigranten nie geringer gewesen ist als jetzt.“ Die IS-Strategie zielt direkt auf den innereuropäischen Konflikt um die Frage, wie mit den jungen Männern umgegangen werden soll, die zu Tausenden nach Europa streben. Zur eigentlichen Streitmacht der schwarzen Armada kommt in dieser Logik das Heer der vor ihnen Flüchtenden hinzu

In seinem Vortrag vor der UN bot Scott Atran eine simple Lösung des Problems an. Der youth bulge müsse in einen youth boom umgewandelt werden mit Angeboten an die Jugend, „die sie träumen lasse“. Denn: „Heilige Werte müssen mit heiligen Werten bekämpft werden.“

Das abenteuerliche Herz strebt nach Entgrenzung und Verschmelzung in einem. Deshalb sind die Extremismen der Gegenwart auch Aggregate des Fortschritts. Sie erobern Bewegungsspielräume, die moralisch sanktioniert und juristisch verfolgt, aber nicht mehr zurückgenommen werden können.

Das Größte, das ein Mensch dabei ins Spiel bringt, bleibt von Vernunft unberührt. Dwain Weston wusste das, als er sich am 5. Oktober 2003 für den Absprung über dem Arkansas River fertig machte. Mit der damals noch neuen Batman-Technologie war er nicht so vertraut. Im Flugzeug kurz vor dem Absprung geschah etwas Merkwürdiges. Weston reichte seinem Partner, der mit ihm in die Tiefe segeln würde, die Hand. Er hatte dergleichen zuvor nie für nötig gehalten. „Was immer auch passiert“, sagte er, „passiert.“


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